Woran erkennt man Kritische Psychologie?

By | 16. Oktober 2014

Im Rahmen meines Trierer Psychologie-Studiums habe ich mehrmals am autonomen Seminar Kritische Psychologie teilgenommen. Dies wird im Gegensatz zu anderen Veranstaltungen selbstständig von Studierenden organisiert und findet außerhalb des regulären Studienplans statt, d.h. es gibt keine Vergütungen wie z.B. Credit Points, und Prüfungen gibt es natürlich auch keine. Einen Dozenten oder eine feste Lehrperson gibt es ebenfalls nicht; lediglich mehr oder weniger „dominante“ Menschen sind anwesend, wie in allen anderen Gruppenkonstellationen auch. Texte zu lesen ist meistens unsere Hausaufgabe. Was genau ist nun diese „Kritische Psychologie“, mit der wir uns beschäftigen?

Es ist eine „marxistisch wissenschaftliche Denkschule“ (wiki), deren Aufgabe es u.a. ist, „die Funktion von PsychologInnen und deren Tätigkeit einer kritischen Reflexion [zu] unterziehen“ (gkpp). Eng damit zusammen hängt das psychologische Institut der freien Universität Berlin, an der Klaus Holzkamp zusammen mit anderen (später Morus Markard) die Kritische Psychologie mitgründete bzw. formte; der zeitliche Kontext kann grob als 1968, zusammenhängend mit den Studentenprotesten beschrieben werden. So viel zum Hintergrund; nun stellt sich mir aber die grundlegende Frage, woran man Kritische Psychologie oder Kritisch-psychologisches Denken eigentlich erkennt.

Drei Themen sind hierbei relevant:

  1. Begriffe (Begrifflichkeiten) und deren Definition in psychologischer Wissenschaft
  2. Methoden, deren Durchführung und Implikation (insbesondere das Menschenbild dahinter) in psychologischer Wissenschaft
  3. Funktion von psychologisch-wissenschaftlicher Forschung und Intervention

Zu den Begriffen

Die Kritische Psychologie, so wie ich sie verstehe oder kennen gelernt habe, hängt sich relativ stark an einzelnen Begriffen und Begriffsdefinitionen auf. Was ist ein „Mensch“, was ist eine „Frau“ oder ein „ungezogenes Kind“, was heißt „psychisch gestört“ oder was heißt „Experiment als Königsweg“? „Normale“ Psychologen recherchieren natürlich, wie alle anderen Wissenschaftler auch, was das für Begriffe und Theorien sind, die sie benutzen, bevor sie sie benutzen. „Kritische“ Psychologen scheinen darüber hinaus zu gehen und Begriffe zu kritisieren. Kritisch-psychologisches Ziel ist es, bessere Begriffe zu finden als die, die zurzeit oft benutzt werden (z.B. statt menschlicher „Reiz-Reaktionsschemata“ besser „Prämissen-Begründungszusammenhänge“, s.u.). Typische Begriffe der Kritischen Psychologie, die ich kennengelernt habe, sind z.B.

Subjektivität:

Nicht das Subjekt (oder gar ein Mensch als Objekt) soll Gegenstand dieser Wissenschaft sein, sondern seine Welt, wie sie von ihm empfindend und erlebend wahrgenommen wird.

Intentionalitätszentrum:

Jeder Mensch ist ein Wesen mit einem Willen, einer Intention in seinem zentralen Kern; ich glaube, man reflektiert das u.a. bei Kindern.

Handlungsrestriktionen vs. Handlungsmöglichkeiten:

Menschen unterliegen Hindernissen und Begrenzungen ihrer Umwelt (Restriktion), finden darin aber immer auch (alternative) Möglichkeiten, welche aufrechterhalten bzw. erweitert werden sollen.

Zu den Methoden

Die Methoden von Mainstream-Psychologie kann man wohl ganz gut mit den Stichworten „Experiment“ und „quantitative Statistik“ zusammenfassen: Man setzt mehrere Menschen bestimmten Bedingungen aus, man beobachtet, wie sie darauf reagieren und dann versucht man, daraus allgemeine Gesetze menschlichen Verhaltens abzuleiten. Meistens weiß man schon vorher, welche Zusammenhänge beobachtet werden werden, oder auch, wie viele Menschen unter welchen statistischen Bedingungen eigentlich beobachtet werden müssen, um optimale Werte zu erreichen.

Genau das kritisieren Kritische Psychologen (Überraschung…) und zwar folgendermaßen:

Unrealistisches Menschenbild:

Erstens sei das Menschenbild hinter dieser Methodik entwürdigend und unrealistisch, da es den Mensch zum Tier degradiert, das passiv-hinnehmend auf Reize reagiert und daraufhin vorhersehbare Reaktionen „ausspuckt“ – unter künstlich geschaffenen Laborbedingungen. Das befürwortete bzw. nahe gelegte Menschenbild eines Kritischen Psychologen ist anders: Menschen verhalten sich begründet zu ihrer Umwelt und sie können ihre Bedingungen auch aktiv verändern, statt nur passiv auf Reize zu reagieren.

Engstirnige“ Experimente:

Zweitens testen Experimente keine Begründungen, sondern nur Bedingungs-Reaktions-Schemata. Wir können nach einem Experiment immer sagen, die Menschen haben sich wegen Bedingung x durchschnittlich so-und-so verhalten, aber wir werden nicht beantworten können, warum oder aufgrund welcher Prämissen sie sich so verhalten haben. Gerade die „subjektive Begründetheit ihres Handelns“ (welche doch sehr interessant ist) ist mit so einer Methode nicht erfassbar.

Individualisierung von Gesellschaftsproblemen:

Drittens werden in einem Experiment (nach Kritisch-psychologischer Sicht) die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht nur ausgeblendet, sondern es werden gesellschaftliche Interessensbereiche (wie z.B. die Existenz „lernschwacher“ Menschen) auch umgedeutet in individuelle Probleme (Diagnosen wie LRS, ADHS, usw.). Kritische Psychologen sind vielleicht eher nicht an Diagnosen interessiert, sondern am Erweitern von menschlichen Handlungsmöglichkeiten. Es sollte fast immer ein Dialog im Prämissen-Begründungsstil stattfinden – es sei denn, es handelt sich beim Dialogthema um eine Straftat (z.B. Klient schlägt seine Frau). Hinter diesem „Prämissenansatz“ steckt auch die Annahme, dass es irrationales Handeln nicht gibt. Ich muss nur die Begründung eines Handelns nachvollziehen, um die anfänglich-illusorische Irrationalität einer Handlung in Rationalität umzuwandeln. Dies macht ein Miteinanderreden unvermeidlich.

„Bessere“ Methoden, aus Kritisch-psychologischer Sicht, sind z.B. Fallstudien, Selbstreflexion und Diskurs, da sie an die Subjektivität eher herankommen als typisch-quantitative Methoden.

Zur Funktion

Die Funktion von Psychologie als Wissenschaft lässt sich ebenfalls kritisch-psychologisch hinterfragen. Zwei Standardbeispiele, die das illustrieren, sind einerseits Kriegspsychologen und andererseits (teilweise) auch Arbeitspsychologen.

Kriegspsychologen

Zum ersten Beispiel ist kritisch anzumerken, dass Bundeswehrpsychologen ethisch fragwürdige Behandlungen durchführen, wenn deren Funktion es ist, Soldaten kriegsfähiger zu machen. Wenn ein Kriegspsychologe (durch das „Therapieren“ friedfertiger Soldaten) dazu beiträgt, einen Teil der Gesellschaft gewaltaffiner zu machen („der soll wieder schießen lernen“), darf man fragen, wieso, bzw. wessen Interessen dahinter stecken und ob das nicht ziemlich menschenverachtend und gewaltbejahend ist. Dazu gehört auch das Optimieren von Foltermethoden und Ähnlichem.

Arbeitspsychologen

Zum zweiten Beispiel ist zu kommentieren, dass Menschen, die nur therapiert werden, um später unter genau den gleichen Arbeitsbedingungen wieder zu Grunde zu gehen, wohl zu Recht unzufrieden und kritisch gesinnt sind. Haben (solche) Arbeitspsychologen nur die Funktion, Menschen zum Arbeiten zu bringen? Damit verfolgen sie nicht die Interessen der Behandelten, sondern sie bedienen damit vielleicht eher die Interessen der dahinter stehenden Machtinhaber (Arbeitgeber, Chefs, Politiker…). Wer welche Funktion erfüllt, ist immer interessant, denn dann kommt manchmal zum Vorschein, worum es eigentlich geht (statt augenscheinlich).

Zusammenfassend heißt das, dass Kritisch-psychologisches Denken sich an drei Gebieten erkennen lässt: Der kritischen Würdigung von Begriffen, Methoden und Funktion psychologischer Wissenschaft.

Welche Erfahrungen habt ihr mit Kritischer Psychologie?

Quellen:

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