Wie man eine Depression schlimmer macht

By | 8. Dezember 2014

(6 Klassiker)

Es gibt im Internet schon einige gute Seiten, die zeigen, was man depressiven Menschen nicht sagen sollte (s. Quellen). Ich wollte das mal aufgreifen und teilweise um weitere Beispiele ergänzen.

Platz 1: Reiß dich mal zusammen!“

Könnte heißen:

  1. „Du bist zu empfindlich.“
  2. „Du nervst mich!“
  3. „Mach dich doch nicht lächerlich…“
  4. „Ich hab Angst um dich.“

Ich gehe davon aus, dass ein depressiver Mensch bei der 4. Variante am wenigsten Schaden nimmt. Was bedeutet Angst von Anderen? Vielleicht, „Ich habe Angst, die Kontrolle über dich und dein Wohlergehen zu verlieren, also tu es bitte selbst, also die Kontrolle wieder erlangen, ich kann es nämlich nicht; es stresst mich, dich so leiden zu sehen“. Sorge um Mitmenschen ist nicht verwerflich; helfen tut es aber auch nicht viel, wenn ein Leidender erfährt, dass die Anderen mit ihm nicht umgehen können.

Bei den anderen Sätzen (1-3) handelt es sich meiner Meinung nach um Beschuldigungen, Motto, wenn du keine Mimose wärst, hättest du weniger Probleme. Man macht den Leidtragenden zum Verantwortlichen und lädt ihm noch mehr Probleme auf, nämlich das Nervigsein und soziale Ächtung (weil er sich lächerlich machen könnte). Natürlich lässt sich trainieren, wie man Krisen bewältigt, aber meistens ist so ein Satz einfach nur ein Schlag ins Gesicht. Würde man einem kleinen Kind, das blutet, auch ins Gesicht sagen, es sei zu empfindlich? Wohl kaum. Ich empfehle keine kindliche Bemutterung, sondern einfach ein bisschen mehr Empathie. Statt unbewusst von Beobachtung zu Bewertung zu Beschuldigung zu springen, sollte man anders verfahren.

Man läuft bei Nr 4 auch Gefahr, viel zu verlieren (wie beim Pokern). Ein Depressiver könnte, wenn er weiß, dass er Anderen Angst macht, sich noch schuldiger und schlechter fühlen. Er trägt jetzt noch zusätzlich die Belastung, die er anderen macht. Stattdessen wäre es vielleicht besser, Unterstützung anzubieten.

Platz 2: „Denk positiv; es ist nur in deinem Kopf.“

Könnte heißen:

  1. „Du bist schuld.“
  2. „Tu bitte so, als ging’s dir besser.“
  3. „Ich nehme dich nicht ernst / verdränge es.“

Positiv zu denken, ist ein gut gemeinter Ratschlag – nur leider mehr Schlag, als Rat. Damit will der Mitmensch wohl ausdrücken, dass ein Depressiver immer noch die Kontrolle über sich und sein Denken hat. Das stimmt leider nur zum Teil und bei schweren Depressionen gar nicht.

1) Von Schuldzuweisungen sollte man dringend ablassen; Depressive werfen sich meistens selbst schon allerhand Dinge vor. Dies zu verstärken, ist eine sehr schlechte Idee (manchmal kann es sein, dass die Idee der Kontrolle jemanden aus der Hoffnungslosigkeit rettet; durch die negative Brille eines Depressiven kommt so ein Gedanke aber schnell als Anschuldigung rüber).

2) Auf so eine Anweisung reagieren Menschen zurecht empört / sprachlos / wütend, finde ich. Als ob Andere ihn plötzlich bitten, sich zu verstellen, damit es wieder in ein blumiges Weltbild passt. Natürlich gibt es in manchen Therapien den Ansatz des „so-tun-als-ob“ (eher Kurzzeit-/Lösungsorientierte Therapie). Aber auch hier gilt: Das kann schnell als Selbstverleugnung zum Zwecke der sozialen Erwünschtheit missverstanden werden. Viel Sensibilität kann helfen, dieses Missverständnis zu umgehen.

3) Nicht ernst genommen zu werden, empfindet bestimmt jeder Mensch als zermürbend. Da wird das eigene Leid, was (vielleicht unter großer Überwindung endlich) offenbart wurde, klein geredet oder verdrängt. Das führt wohl eher zu weiteren depressiven Verhaltensweisen als zu etwas Besserem. Stattdessen fühlt es sich vielleicht besser an, wenn das eigene Leid ernst genommen wird (korrekt verstanden und angenommen wird, usw.).

Es gibt therapeutische Konzepte, die damit arbeiten, das Denken der Menschen zu verändern. Das greift aber zu kurz, meiner Meinung nach. Es läuft z.B. Gefahr, die Motivation hinter dem Denken zu vernachlässigen. Manch eine Depression dient irgendeinem Zweck. Verändert man dann das Denken, verändert man nur das Symptom, nicht aber die Ursache – ein Holzweg. Besser ist, in so einem Fall vielleicht eher einen tiefenpsychologischen Ansatz zu wählen.

Platz 3: Du hast doch alles; anderen geht’s schlechter als dir.“

Könnte heißen:

  1. „Du bist unlogisch.“
  2. „Du hast ein Luxusproblem!“
  3. „Glück liegt in äußeren Dingen.“

Das lässt sich schnell abhaken:

1) Menschen sind einfach nicht rein rational, sondern auch emotional; das Menschenbild homo oeconomicus (ein rein rational agierendes Wesen) ist veraltet und unpraktisch, weil es eigentlich sehr viele Emotionen nicht erklären kann oder undifferenziert als Schuld des Einzelnen auslegt („denk mal vernünftig drüber nach, dann erkennst du, wie gut es dir geht“ – das kann ein Schuss ins Knie werden, wenn sich bereits vorhandene Schuld- und Versagensgefühle durch so einen Ratschlag verschlimmern.)

2) Luxusproblem? Ja, möglicherweise lassen sich psychische Probleme eher behandeln, wenn alle Grundbedürfnisse gedeckt sind – aber heißt das denn, dass es psychische Probleme nicht gibt, oder dass „die alle übertreiben, weil sie zum Therapeuten rennen“? Ich glaube eher, dass es normal ist, sich endlich um die Psyche zu kümmern, wenn es geht; vorher ging es eben einfach nicht (Zeit, Geld, Kraft, Normen, Entwicklungsstand der Gesellschaft) und das machte wohl einiges schlimmer. Es muss nicht bedeuten, dass es vorher keine psychischen Probleme gab, sondern nur, dass es niemandem auffiel, weil statt um eine gesunde Psyche einfach ums Essen oder andere Dinge gekämpft werden musste (z.B. in vorherigen Generationen).

3) Das erklärt nicht, warum sehr reiche Menschen unglücklich sind oder sehr arme durchaus glücklich. Also muss es eher im Inneren liegen oder an der Art des Lebens und Miteinanders, statt im Besitz o.Ä. Außerdem ist einem Menschen, der so einen „Tipp“ gibt, wohl nicht bewusst, dass er mit „alles“ nur halbwegs objektive Dinge meint (Besitz, Arbeit, Lebensstandard, Soziales) statt Subjektives, oder Irrationales. Die Herangehensweise und das Menschenbild dahinter ist vermutlich falsch oder zumindest nicht nützlich. Man nennt das „sozialen Abwärtsvergleich“, der die Stimmung heben soll; eine rationale Methode, die nicht immer hilft. Der soziale Abwärtsvergleich kann zwar das Befinden verbessern. Aber im schlimmsten Fall beschert man dem Depressiven noch mehr schlechte Gefühle, indem man im vorwirft, „trotz allem“ so depressiv zu sein. Statt Anklagen machen sich einfühlsame Angebote i.d.R. besser.

Platz 4: „Du musst mal mehr Leute kennen lernen.“

Könnte heißen:

  1. „Du bist schuld.“
  2. „Leute treffen macht’s besser.“
  3. „Als Depressiver geht man ja auch unter Leute…“

Der Mitmensch geht davon aus, dass Freunde die Depression verbessern könnten. Auch das ist gut gemeint, hat aber oft keine gute Wirkung.

1) Wieder scheint nur eine Anklage gesendet zu werden (oder vom Empfänger wird es so interpretiert). Eine Anklage ist, wie gesagt, nur eine Zusatzbelastung.

2) Nein, wenn es die falschen Leute sind.

3) Kaum, wegen Antriebslosigkeit, Teilnahmslosigkeit, Desinteresse, Freudlosigkeit, ewigem Pessimismus, Niedergeschlagenheit, usw.

Platz 5: Manchmal bin ich auch traurig.“

Könnte heißen:

  1. „Ich meine, dich zu verstehen (auch wenn ich’s nicht tue)“.
  2. „Depressionen sind mit Traurigkeit vergleichbar.“
  3. „Ich lenke von dir ab und ohne es zu merken, verharmlose ich dein Leid.“

1) Da versucht jemand, sich mit einem Depressiven zu solidarisieren / sich zu vergleichen. Dafür sollte man ihn nicht verurteilen (jedenfalls nicht für die gute Absicht). Trotzdem tut es aus Sicht eines depressiven Menschen oft weh, als „manchmal traurig“ beschrieben zu werden. Das erfasst die Gemütslage oft nur ansatzweise. Treffender wären wohl andere Beschreibungen, die zusammen mit Betroffenen abgestimmt werden.

2) Ja und nein. In dem Gefühl der Niedergeschlagenheit steckt Trauer drin, aber im Gegensatz zu Traurigkeit hält eine Depression länger an, ist langfristig eher nicht auf nur eine Sache fixiert (z.B. ein Verlust), ist intensiver, umfassender (Bereich Ich, Welt, Zukunft) und breiteres Leiden (nicht nur Gefühle sondern auch Gedanken, Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Lernen, Stressverhalten, usw.). Depressionen zeichnen sich dadurch aus, dass sie eigentlich viel mehr sind /anders sind als nur Traurigkeit, viel intensiver, lang andauernder und auch teils mit Kontrollverlust. Wenn überhaupt, ist Depression eine tiefe, schmerzhafte oder leere Traurigkeit, die lange nicht weggehen will, immer wieder kommt, zuweilen in Schüben, und in Selbstmordgedanken münden kann.

3) Ablenkung und Verharmlosung machen es vermutlich eher schlimmer als besser. Der Fokus liegt wieder beim Mitmensch, statt beim Leidtragenden, und das Leid selbst wird nicht richtig erfasst – beides Anlässe, auf eine eher geringere Empathie, oder auf Hilflosigkeit des Gegenübers zu schließen.

Platz 6: „Mach mehr Sport!“

Könnte heißen:

  1. „Fauler Sack.“
  2. „Endorphine helfen dir!“

1) Warum sollte eine Beleidigung jemandem helfen, bzw. wem?

2) Bewegung kann tatsächlich gut tun. Vor allem Ausdauersport soll sich antidepressiv auswirken. Fraglich ist nur, wie man jemanden, der antriebslos ist, zu etwas bringen soll, das Antrieb erfordert.

Also, insofern ist dieser Text eine etwas andere „Anleitung zum Unglücklichsein“. Die meisten Methoden sind einfach implizite Anklagen – was vielleicht die schädlichste Methode ist, mit einem Depressiven umzugehen (daher wäre es am wichtigsten, genau das sein zu lassen).

Was denkt ihr darüber?

Quellen:

http://psychcentral.com/blog/archives/2011/10/19/10-things-not-to-say-to-a-depressed-person/

http://thoughtcatalog.com/charlotte-green/2013/09/the-10-stupidest-things-you-can-say-to-a-depressed-person/

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