Wie man ein Klausurensystem boykottiert

By | 26. November 2014

Diejenigen, die „warum?“ denken, sollten Teil I lesen, die, die loslegen wollen, Teil II, und die, die einen Boykott für überflüssig oder daneben halten, Teil III.

Teil I – Warum (Wozu)

Ich glaube, es ist eine ganz bestimmte Gruppe an Menschen, die den Boykott interessant finden könnten: Und zwar jene, die aufgrund der Prüfungsmentalität der Unis irgendwie unzufrieden sind (meist Studenten – und meist sehr viele Studenten). Unzufriedenheit wegen ungerechter Bewertung, zu vielen Prüfungen auf einmal (jahrelang), Bedürfnis, sich in irgendeiner Form zu wehren oder aktiv zu werden.

Meine Kritik richtet sich nicht an einzelne Menschen (Lehrer, Dozenten) sondern gegen das, was unsere Zeit ausmacht: Prüfungswahn, Leistungsdruck und (was vielleicht weniger offensichtlich ist) Geheimniskrämerei. Diese Geheimniskrämerei erkennt man an Unis z.B. daran, dass Klausuren quasi nie zurückgegeben werden, wohl aus Angst davor, dass dann Studenten nur noch bekannte Fragen auswendig lernen und es dann in der nächsten Generation lauter Einser hagelt (man verheimlicht also Informationen, die zu guten Noten führen könnten…).

Es könnte folgende Motive oder Zweckabsichten geben:

  • Unzufriedenheit (mit der gängigen Praxis, dem Zeitgeist)
  • Mitbestimmungsmangel (man darf oft nicht entscheiden, in welchen Bereichen, wann und wie man geprüft wird)
  • Diskriminierung (Menschen, die z.B. mit Klausuren schlechter zurechtkommen als mit mündlichen Prüfungen, werden durch den Klausurenwahn stark benachteiligt; weiteres Beispiel: Multiple Choice, mit dem viele nicht zurechtkommen)
  • Es-ändert-sich-nichts-Feststellung
  • Bedürfnis, aktiv zu werden (in irgendeiner Form)

Teil II – Wie

Manche Klausuren funktionieren vielleicht nur deshalb (in ihrer selektierenden Funktion), weil nicht alle die Fragen vorher schon kennen. Dem kann man abhelfen – durch Gedächtnisprotokolle, die so gut wie ein Foto sind (soziale Netzwerke oder Emails sorgen dann dafür, dass das auch jeder zukünftig Betroffene mitkriegt).

Mit folgenden Taktiken kann man diese „Fotoqualität“ erreichen (also 100 % erinnern) :

  • So direkt wie möglich nach einer Prüfung (einer Klausur) frei die Fragen erinnern und aufschreiben (per Hand auf Leserlichkeit achten), denn je später etwas erinnert wird, desto mehr wird vergessen, und das soll minimiert werden.
  • Wenn man mehr als eine Person ist, auf keinen Fall sofort miteinander reden! Sonst blockiert man gegenseitig Erinnerungen, die man ohne Interaktion vielleicht hätte abrufen können; stattdessen zuerst alleine erinnern, jeder für sich, danach zusammentragen
  • Die Anzahl an Fragen merken. Das hilft beim Abschätzen dessen, ob etwas vollständig erinnert wurde oder noch nicht.
  • Lernunterlagen benutzen (die restlichen 10-20 %, die noch fehlen, bis eine Klausur vollständig erinnert wurde, habe ich mir meist anhand der Folien und Skripte hergeleitet; Fachausdruck: „Cued Recall“ statt „Free Recall“)
  • Hartnäckigkeit (sich den Kopf zerbrechen, bis man ganz sicher ist, nicht noch mehr erinnern zu können; hohe Ansprüche helfen eben auch, gute Ergebnisse zu erreichen.)
  • Das Ergebnis in eine PDF packen und an die richtigen Leute weiterleiten.

Kurz zusammengefasst:

  • Unmittelbares, freies Abrufen
  • Verzögertes Miteinanderreden
  • Fragenzahl merken
  • Lernunterlagen zum Herleiten nutzen
  • Hartnäckig sein
  • Ergebnis teilen

Das Protokoll nutzt mit etwas Glück den zukünftigen Klausur-Kohorten – wenn nicht, sind sie immerhin noch eine gute Übung zur Prüfungsvorbereitung.

Teil III – für Skeptiker und Kritiker

Manche, die das hier lesen, denken vielleicht:

  1. „Ist doch gar nicht nötig / was soll das / ich hab immer gute Noten“ oder,
  2. „Willst du Studenten bevormunden und ihnen auch noch die Fragen wegnehmen, die sie nicht erwartet hätten? Jeder ist doch selbst verantwortlich für das, was er leistet, vor allem an einer Uni.“ (Wir-sind-doch-nicht-im-Kindergarten-Argument)

Dazu sage ich Folgendes:

  1. Das klingt wie, „Inklusion ist doch gar nicht nötig / wir haben Förderschulen dafür / ich bin selbst nicht betroffen“ oder, „Hilfe ist nicht nötig / wir haben doch auch gute Abiturienten / ich hab selbst 1,0“ – und das ist sowohl nutzlos als auch diskriminierend; nicht einfühlsam, nicht ethisch vertretbar, nicht progressiv. „Lassen wir alles beim Alten, weil es ja doch irgendwie funktioniert hat, z.B. bei mir“ – das ist egoistisch. Das erkennt man daran, dass vom eigenen Standpunkt ausgegangen wird, welcher unreflektiert verallgemeinert wurde („Ich kennen keinen, der das nötig hat“ → Es gibt die aber trotzdem und daher eignet sich diese Auffassung nicht als allgemeine, ethische Norm). Kurz, ein gutes, alle-Menschen-einschließendes Argument sollte eben auch die Systemverlierer berücksichtigen. Alles andere unterstützt weitere Diskriminierung und Separation, finde ich. Wenn nicht, sollte mir jemand zweigen, wo/warum ich falsch liege.
  2. „Jeder ist [selbt verantwortlich für das, was er leistet, also] seines Glückes Schmied“ impliziert, dass es weder Zufall noch Willkür noch Schicksal gibt (das gibt es – sonst würden doch alle, die sich maximal anstrengen, auch Einser kriegen, tun sie aber nicht! Der amerikanische Traum, dass man durch harte Arbeit alles kriegen kann und auch alles verdient, ist gelinde gesagt „unpraktisch“, weil er ziemlich viele Leistungsunterschiede einfach nicht erklären kann – Anstrengung ist ein Faktor unter sehr vielen). Wenn jetzt jemand unbedingt weiterhin Überraschungsfragen haben will, dann soll er das für sich entscheiden, aber nicht für alle anderen gleich zur Norm erheben („gleiches Recht für alle“ ist dann kein Argument, z.B. weil nicht alle Betroffenen Überraschungsfragen als Recht empfinden – ganz zu schweigen davon, dass es Gleichheit oder Vergleichbarkeit bei Klausurvoraussetzungen sowieso nicht gibt). Wenn ich eine Norm erheben wollte, dann wäre es Mitbestimmung für alle, ganz besonders die Studenten, die ja all die Klausuren schreiben müssen → Mitbestimmung hinsichtlich des Was, Wie und Wann bei Prüfungen. Den Dozenten braucht man bisher keine Mitbestimmung einzuräumen, weil sie diese sowieso schon zu gewissem Grad besitzen. Manche sagen auch: „Wir sind hier an einer Uni, nicht im Kindergarten, hier lernt ihr doch, für euch und eure Zukunft zu arbeiten und euch den Arsch aufzureißen!“ – Ja gern, aber warum darf ich dann so wenig bestimmen, wenn es um meine Zukunft geht? Warum darf ich nicht etwas anderes als eine Klausur abliefern? Wegen Vergleichbarkeit und Machbarkeit, ja? Vergleichbarkeit gibt es sowieso nicht, warum sollte man sich also darum bemühen. Und dass Mitbestimmung nicht machbar ist, zweifle ich generell an. Denn es klappt schon im „Kleinformat“ (Summerhill School England), und es könnte deswegen auch im „Großformat“ an einer Uni funktionieren. Außerdem: „erwachsen sein“ bedeutet für mich nicht, mir den Arsch für eine Prüfung aufzureißen, bei der ich kaum mitbestimmen darf, sondern, das gleiche für eine Prüfung (eine Zukunft) zu tun, bei der ich das darf. Es soll bevormundend sein, Menschen die Überraschungsfragen wegzunehmen? Ich finde es eher bevormundend, den Menschen kaum Entscheidungsrechte (hinsichtlich der W-Fragen in Prüfungen) einzuräumen. Man kommt dann auf die Idee, dass man es ihnen diese Entscheidungen wohl nicht zutraut – oder sogar verweigert, weil sie ja dann zu kritisch-reflektierten Denkern werden könnten (das ist Verschwörungstheorie, wirkt aber nicht unplausibel, finde ich). Ich bin nicht gegen Standards und Grundkompetenzen (die von den Klausuren messbar, also kontrollierbar gemacht werden sollen). Sondern ich bin dagegen, innerhalb dieser Kompetenzen kaum inhaltliche und prüfungstechnische Wahlmöglichkeiten zu bekommen. Diese sollte man weiträumig und lang vor dem 6. Bachelorsemester bekommen, finde ich. („Das ist Klagen auf hohem Niveau / ein Luxusproblem“ – sich dankbar und demütig gegenüber den bisherigen Möglichkeiten zu zeigen, ist aber auch keine Lösung, mit reiner Dankbarkeit bleibt man stehen, wenn man sie aber mit Idealismus mischt, kommt man vielleicht weiter 😉 )

Natürlich ist ein Gedächtnisprotokoll weder das einzige noch das beste Mittel zum Boykott. Aber es ist vielleicht ein Anfang.

Wehrt ihr euch gegen das System und falls ja, wie?

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