Warum ich nicht missioniere (Vegetarismus)

By | 30. August 2014

Wenn man Vegetarier ist, begegnet man im Alltag ja immer mal wieder der „anderen“ Fraktion: den Fleischessern. Bei diesen Begegnungen gibt es, meiner Meinung nach, drei Möglichkeiten.

  1. Das Thema Essen kommt nicht auf und deswegen gibt es keinen Anlass, sich als Vegetarier zu outen bzw. mit irgendwem Streit anzufangen. Oder es wird lediglich in einem Nebensatz erwähnt.
  2. Das Thema kommt auf und die Fleischesser-Fraktion fühlt sich unter Rechtfertigungsdruck gesetzt. Es entstehen Debatten (mehr oder weniger hitzig), bei denen Vegetarier / Veganer anfangen, zu „missionieren“. Die Minderheit (Vegetarier / Veganer) will die Mehrheit (Fleischesser) dann umstimmen oder zum Nachdenken, Rechtfertigen etc. bringen.
  3. Das Thema kommt auf und die Fleischesser-Fraktion fühlt sich unter Rechtfertigungsdruck gesetzt. Es entstehen Debatten (mehr oder weniger hitzig), bei denen Vegetarier / Veganer nicht anfangen, Leute zu missionieren. Meistens rechtfertigen sich die Fleischesser trotzdem (was ich sehr interessant finde bzw. was ich regelmäßig so erlebe). Der Unterschied zu Nr. 2 ist, dass hier die Initiative zum Gespräch eher von den Fleischessern ausgeht als von den Vegetariern.

Mit diesem Artikel beabsichtige ich nicht, eine neue Debatte loszutreten und Menschen in die einen und andren „Esser“ zu spalten, sondern ich möchte primär einfach mal begründen, warum ich als Vegetarier nicht missioniere.

Meine Definition von „missionieren“:

Ich versuche nicht bzw. so selten wie möglich, aus Eigeninitiative heraus Fleischesser (Fischesser, allgemein Tieresser) bewusst und gezielt zu einem vegetarischen Essverhalten zu bekehren. Wer aus einem konkreten Anlass kontert (z.B. wenn in Hörweite eines Vegetariers falsche Fakten über Soja-Produkte verbreitet werden), missioniert nicht, sondern wehrt sich bzw. klärt auf. Missionieren / bekehren ist für mich nur dann als solches zu definieren, wenn es keinen offensichtlichen Anlass gibt bzw. das Verhalten von Vegetariern in solchen Fällen besser durch Eigeninitiative erklärbar ist, und zudem als „Bekehren“ oder „versuchte Bekehrung“ definiert werden kann. Wenn selbst initiiert, dann ist es „missionieren“, wenn auf Anlässe reagiert wird, dann ist es kein „missionieren“, sondern „kontern“ bzw. „aufklären“.

Ich missioniere aus mehreren Gründen nicht.

  • Motivation: Ob andere mein Essverhalten imitieren oder nicht, sollen sie selbst entscheiden. Ich sage gerne meine Meinung (wenn danach gefragt ist), aber ich sage sie eher nicht, wenn es keinen Anreiz dazu gibt. Ich bin beim Sprechen über Vegetarismus eher extrinsisch motiviert bzw. motivierbar.
  • Dissonanztheorie: Jemand soll selbst zu einem Essverhalten finden und das begründen können. Einstellungsänderungen sollten ja (je nach dem, welcher Theorie man folgt) eigentlich nicht direkt oder ausschließlich auf äußere Einflussquellen zurückgeführt werden. Gibt es keine äußere Quelle (d.h. keinen starken externen Druck), liegt der „Druck der Rechtfertigung“ für das eigene Handeln stattdessen logischerweise beim Individuum. „Niemand zwingt mich, ich tue es trotzdem, also… bin ich ja offensichtlich der vegetarischen Ernährung gar nicht so abgeneigt, wie ich dachte“. Warum man dann auf einmal vegetarisch isst, also mehrere Wochen z.B., erfordert eine Begründung – die dann im Selbst gesucht wird, da es in der Umwelt nie Druck zu so einem Handeln gab. Ergebnis: Jemand kommt zu der Einstellung, vielleicht doch ein Vegetarier werden zu können… Wie ein scheues Reh, das nur aus sich heraus kommt, wenn man es nicht zwingt. Ich locke solche Überlegungen, „Vegetarier oder nicht?“, ganz gerne mal hervor; würde aber niemals drücken und drängen.
  • Reaktanz-Theorie: Versucht man, Menschen fremd zu bestimmen oder in die Ecke zu drängen, reagieren sie höchst wahrscheinlich mit „Dichtmachen“, Abwehren, Rechtfertigen, Verschließen. Ein ungewolltes Missionieren halte ich daher für tendenziell erfolglos. Es kann zudem auch den Ruf von Vegetariern weiter schädigen (ich habe Menschen kennengelernt, die „Vegetarier“ mit „Missionar“ vollkommen gleichsetzen; „Missionar“ ist kein Begriff, mit dem ich Stolz u.Ä. verbinde, sondern etwas Negatives).
  • Lernen am Modell: Ich übe schon Einfluss aus, obwohl ich nicht missioniere. Mein Verhalten bewirkt Effekte in meiner Umgebung (Familie, Freunde) und das reicht. Ich kann mich entscheiden, nicht zu bekehren, aber ich kann nicht nicht kommunizieren. Ich kann (und will) aber auch nicht geheim halten, dass ich mich so ernähre. Paradoxerweise habe ich den Eindruck, durch mein konsequentes Zurückhalten manchmal mehr zu bewirken, als wenn ich „herum missioniert“ hätte…
  • Kill-the-messenger-effect: Wer unangenehme Nachrichten überbringt, egal, ob er diese selbst auch verursacht hat oder nicht (lustiges Beispiel: Wettermoderatoren), wird von den Empfängern systematisch negativer bewertet (manchmal geradezu angegiftet und abgelehnt). Wenn man sich davor bewahren will, bekehrt man eben auch nicht. Den Menschen Schreckliches ins Gesicht zu klatschen ist in etwa so vertretbar, wie seine Kinder zu verprügeln… Und an schrecklichen Beispielen mangelt es im Bereich „Tierhaltung“ nun wirklich nicht.
  • Ethik: Ich halte Bekehren in diesem Kontext für ein Prinzip, das nicht verallgemeinerbar ist (Kant). Würden alle Vegetarier versuchen, Tieresser zu bekehren, würden sich die Fronten weiter verhärten und Feindseligkeit geschürt. Die Leute wären wieder einmal gespalten und das ist wunderbarer Nährboden für Vorurteile, Aggression, Gewalt, Ingroup- und Outgroup-Bias usw. usw. (siehe sozialpsychologische Forschung). Es gibt zwar Theorien, die ein Bekehren befürworten (z.B. Self-Determination Theory von Deci & Ryan → externe Anlässe werden nach und nach ins Selbst integriert und verinnerlicht, d.h. ohne Anlass/Anreiz hätte es vielleicht nie eine Einstellungsänderung gegeben), aber die Wahrscheinlichkeit, auf Abwehr zu stoßen, halte ich einfach für höher als die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen sich ändern. Ebenso halte ich die Wahrscheinlichkeit, mit platten Taktiken Erfolg zu haben (z.B. alles zu bekehren, was nach „Tieresser riecht“), für geringer als die Wahrscheinlichkeit, plötzlich auf einsichtige Menschen zu stoßen. Mein Verhaltensprinzip des „ruhigen Vegetariers“ erhebe ich keineswegs zum Ideal, sondern ich sage lediglich, dass ich es für besser halte als das Prinzip, alles und jeden bekehren zu wollen. Das eine Extrem (Vegetarier, die nur missionieren), ist nicht besser als das andere Extrem (Vegetarier, die nie missionieren, und sich auch nicht wehren). Einen Kompromiss ist für mich der Mittelweg, den ich gerade gehe (nicht missionieren, aber auch nicht chronisch den Mund halten, wenn z.B. jemand direkt etwas Provokatives sagt).
  • Prioritäten: Soziale Kontakte zu schützen ist mir schlichtweg wichtiger, als das Essverhalten zu korrigieren. Ich verhalte mich (strategisch gesehen) ähnlich wie die Gallier in Astérix: Ich greife nicht aus Eigeninitiative an, sondern ich werde aktiv, wenn es einen Anlass dazu gibt. Das ist ein wichtiger Unterschied.

 Kurz zusammengefasst, warum ich nicht (aus Eigeninitiative etc.) missioniere:

  • Weil ich auf Anreize warte.
  • Weil ich Druck vermeiden will.
  • Weil ich den Ruf meiner „Gruppe“ nicht unnötig schädigen will durch ungewolltes Bekehren.
  • Weil ich schon Einfluss ausübe, allein dadurch, dass ich Vegetarier bin.
  • Weil ich nicht abgelehnt werden will bzw. es mir nicht wichtig genug ist, dass ich das in Kauf nehme. Ich lehne Gewalt ab.
  • Weil es laut Kant problematisch wäre, wenn alle Vegetarier „herum missionieren“ würden
  • Weil Bekehren nicht meine erste Priorität ist; Empathie ist wichtiger.

Was haltet ihr davon?

Wie handelt ihr?

Wie begründet ihr euer Handeln?

2 thoughts on “Warum ich nicht missioniere (Vegetarismus)

  1. Q.G

    Nun erstmal finde ich deine Einstellung dies bezüglich richtig.
    Ich habe selbst Erfahrungen gemacht mit Veganern die „missonieren“ wollten aber nur auf ihre Argumente bestanden haben. Was sich wohl jeder Denken konnte als totale Sackgasse entpuppt hat ,aber deswegen sollte man nie alle unter einen Hut stopfen genauso wie die „Fleischesser“.
    Wichtig ist ein vernünftiger Dialog miteinander vorallem das akzeptieren füreinander. Denke aber hierbei aber auch an den Hass allen Fremden gegenüber Beispiele finden wir im Tierreich Stichwort Gruppen Egoismus traurigerweise ist der Mensch ein Herdentier was sich Leittiere unterwirft&sich aus meiner sicht nur schwer individuell entfalten kann. Aber man kann eins ausnutzen die Neugier des Menschen z.b am meinen Arbeitsplatz habe ich oft erlebt das viel Fleisch gegessen wurde,also habe ich etwas eigens Geld investiert&verschiedenste arten von Gemüse&Obst zubereitet. (Hobbykoch) Das Fazit war sehr positiv alle Essen jetzt viel bewusster weniger Fleisch. Vorallem wenn Fleisch keine Massentierhaltung. Liegt wahrscheinlich darran das ich zufällig passende Lektüre legen lassen habe&viele sich in den Pausen langweiligen&das Gehirn langweile hasst es möchte eben unterhalten werden. Jedenfalls meine Theorie aber wie schrieb Kant bei Kritik der reinen vernuft:Eine Theorie existiert nur in unserer Vorstellung&besitzt keine andere Vorstellung. Dein Blog ist recht intressant deswegen verfolge ich ihn mal wie ein Schatten. Recht intressanter link
    http://www.urgeschmack.de/verursachen-vegetarier-mehr-blutvergiessen-als-fleischesser/

    MFG Q.G

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    1. Lea Fuhs Post author

      Hallo hagakure,
      Danke für deinen Kommentar. Gibt es bei dir eine Grenze, bei der Verstehen oder Akzeptieren aufhört? Ich habe z.B. gemerkt, dass es mir schwerfällt, den Mund zu halten, wenn direkt neben mir mehrere Menschen von „junger Ente“ etc. schwärmen. Ich muss dann Gedanken unterdrücken, die die Stimmung direkt abtöten könnten (z.B. „ihr wisst schon, dass das kleine Entenküken sind, die ermordet wurden?!? Wie kann man sowas lecker finden?!“) Deinen Link finde ich interessant; seine Argumentation hinkt jedoch an einigen Stellen. Selbst in dem Fall, dass er recht hat und pflanzl. Produktion viele Tiere tötet: es war unabsichtlich und kann deswegen nicht mit dem absichtlichen Töten von Tieren verglichen werden (Stichwort: Äpfel mit Birnen vergleichen). Genauso einfach kann man sein Argument mit den Herbiziden kontern: Tiere erhalten massenweise Antibiotika und anderes Zeug, das genauso gern früher oder später im Trinkwasser landet… Fast alle Argumente, die er bringt, stellen Pflanzen in ein schlechtes Licht – ABER es trifft fast ungebrochen auch alles auf Fleischproduktion zu. Und als er Mäuse mit Kühen vergleicht, ist es wieder wie Äpfel und Birnen – Kühe tötet man absichtlich, Mäuse in Feldern nicht…

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