Vorurteile gegenüber Psychotherapie-Patienten

By | 5. Januar 2015

Versager, Spinner oder Aufmerksamkeitssucher – es sind immer noch viele Vorurteile gegenüber Psychotherapie-Patienten im Umlauf. Oft sehe ich immer die gleichen Argumentationen unter online-Artikeln, die sich mit Psychotherapie beschäftigen. Ziel ist diesmal, die Vorurteile zu beschreiben und zu vernichten.

1) Versager / Weicheier

Menschen mit psychischen Problemen seien angeblich Versager mit zu wenig Selbstdisziplin, sie strengen sich nicht genug an, machen sich durch ein Outing lächerlich, werden beschuldigt, zu unrecht Opfer zu spielen und sich – etwa durch eine Therapie – in Unmündigkeit zu stürzen (manche bezeichnen das mehr oder weniger explizit als „weinerliche Wohlstandsgesellschaft“, eine Welt voller Jammerlappen). Erstens: Das sind meiner Meinung nach alles Anschuldigungen (mit impliziten Appellen ala „reißt euch doch mal zusammen“). Zweitens, in Extremform sind sie allesamt absurd (eine internal stabile Attribution und Monokausalität von psychischen Problemen ist alleine betrachtet unrealistisch und erklärt bspw. nicht, warum jemand trotz größter Anstrengungen weiterhin psychisch stark belastet bleibt).

Wie absurd die meisten Anschuldigungen sind, erkennt man vielleicht, wenn man psychisch Kranke mit anderen Kranken vergleicht, bspw. Diabetikern. Auch wenn der Vergleich nicht makellos ist: Jemand mit Diabetes als Versager mit zu wenig Selbstdisziplin hinzustellen, der sich nur mehr anzustrengen braucht, kein Opfer mehr spielen soll und Mündigkeit oder Härte beweisen soll, ist doch wirklich absurd. Durch Anstrengung alleine hat noch keiner mehr Insulin produziert! (Gleiches gilt für chronisch depressive Menschen, die oft nur mit Medikamenten ein würdiges Leben leben können – und wer diese Menschen als Jammerlappen abstempelt, offenbart sowohl fehlende Bildung als auch fehlende Menschlichkeit.) Wer sich selbst am Schopfe packen und psychisch heilen kann, hat Glück, weil das einfach nicht jeder schafft. Nur weil manche es alleine schaffen, heißt es nicht, dass alle, die sich einer Therapie unterziehen, Jammerlappen sind (denkt jemand wirklich schwarz weiß und unterteilt die Welt in Versager und Gewinner? Die Welt ist nicht schwarz weiß). Noch ein paar Vergleiche: Jemand, der Zahnschmerzen hat, wird auch nicht verurteilt, wenn er zum Zahnarzt geht. Jemand mit einem Tumor wird operiert, weil er sich nicht selbst operieren kann. Jemand, der in irgendwas unterrichtet wird, kann gar nicht unmündiger werden, denn das Ziel von Unterricht ist es doch, mündig zu werden. Psychotherapie hört irgendwann auch wieder auf und da kann man kaum seine Verantwortung völlig an eine Autorität abtreten (ja, es gibt Abhängigkeit von Patienten in Psychotherapie, aber die implizite Faulheitshypothese erklärt meiner Meinung nach nicht, warum psychische Probleme immer mehr zunehmen). Und wie überzeugend wäre es, jedem Grippe-Kranken weismachen zu wollen, er sei größtenteils „halt selber schuld“?

Die allerwenigsten Menschen bleiben ihr Leben lang völlig gesund, und das gilt für körperliche wie psychische Gebrechen (dazu gibt es genug Statistiken). Warum soll man „die Psychos“ verurteilen, wenn sie in einer Therapie versuchen, das zu lernen, was sie noch nicht können? Wer mit so Thesen wie „weinerliche Weicheier“ um sich wirft, sollte sich in Sachen Attributionsstil (fundamentaler Attributionsfehler), Statistik, Prävalenzrate und Logikfehler (z.B. unzulässige Verallgemeinerung) weiterbilden – denn dann könnte er irgendwann facettenreicher attribuieren, psychische Probleme anerkennen, Logikfehler vermeiden und vielleicht nebenher auch etwas mehr Empathie entwickeln, finde ich.

2) Spinner / Simulanten

Psychotherapie-Patienten seien manchmal Spinner, die sich ihre Sorgen nur einbilden. Einerseits gibt es das Konzept des Krankheitsgewinns, also der Gedanke, dass manche Störung irgendeinem (meist unbewussten) Zweck dient. Andererseits sind Wartezeiten für Therapieplätze so lang (meist Monate), dass es unlogisch ist, anzunehmen, dass am Ende nur „Spinner“ übrig bleiben, Menschen also, die es geschafft haben, ihre angeblich harmlosen Sorgen monatelang aufrecht zu halten. „Spinner“ werden von kompetenten Therapeuten i.d.R. auch aussortiert, sei es durch ein formloses Erstgespräch oder durch ein professionelles Screening-Verfahren. Es können gar nicht so viele Simulanten in Therapie sein, weil es lange Wartezeiten gibt, und weil sie den Therapeuten und ggf. ein Screening täuschen müssten. Logisch gesehen muss also die Mehrheit der Therapie-Patienten tatsächlich ernsthafte Probleme haben, statt dass sie sich alles nur einbilden. (Die Menschen, die tatsächlich nur leichte Probleme haben, sind ja meistens auch schnell austherapiert.)

Es wird außerdem schwierig, einen Therapeuten zu finden, der eine Diagnose komplett vortäuscht, damit ein Patient therapiert werden kann. Eine weitere Hürde ist also, neben dem Therapeuten als Person, auch das Gutachten, das von einem externen Gutachter der Krankenkasse beurteilt wird. Das sind wohl zu viele Barrieren für „Spinner“. Die Gruppe aus Therapie-Patienten besteht also am ehesten aus lauter Ernstfällen. (In manchen Fällen ist eine augenscheinliche „Spinnerei“ auch genau das Problem, das therapiert werden soll, z.B. bei Hypochondrie.)

Neben den kassenärztlich anerkannten Therapieverfahren gibt es auch die Möglichkeit, privat zu zahlen (also ohne irgendeine involvierte Krankenkasse). Es wird wohl auch reiche Patienten geben, die sich das erlauben können – aber es ist fraglich, warum ein Psychotherapeut einen Menschen behandeln sollte, der „eigentlich“ kein Problem hat. Für was wird er dann bezahlt? Normalerweise gibt es einen deutlichen Veränderungsauftrag – wenn nicht, handelt es sich bei dem Interessierten um einen „Besucher“ bzw. einen „Klagenden“, aber keinen „Kunden“ (Steve de Shazer, siehe: http://methodenpool.uni-koeln.de/zirkulaer/zirkulaer_darstellung.html). Der wichtigste Unterschied zwischen Kläger und Kunde ist (aus meiner Sicht), dass der eine über seine Probleme „nur jammern“ will, während ein Kunde darüber hinaus auch ernsthaft an einer Veränderung interessiert ist. Wer ein Symptom nicht loswerden möchte („weiterspinnen“ will), der versucht vielleicht unbewusst, damit ein Bedürfnis zu befriedigen, z.B. Aufmerksamkeit. In einer Therapie wäre es dann vermutlich ein Ziel, dies bewusst zu machen und das Bedürfnis auf anderen Wegen zu befriedigen (oder ggf. zu hinterfragen, ob das Bedürfnis selbst vielleicht unangemessen oder unrealistisch ist). Kurz, selbst wenn manche der Patienten sich ihre Sorgen nur einbilden, hilft es niemandem, sie zu verurteilen und dann weiterzumachen wie bisher.

3) Aufmerksamkeitssucher & Modeerscheinung

Psychotherapie sei nichts anderes als Angeberei mit Opferstatus. „Seht her, wie krank ich bin! Ich armes Opfer.“ Gerne in enger Korrelation mit, „Das ist im Trend, es ist jetzt schick, eine Diagnose zu haben.“ Ich finde, psychische Erkrankungen trägt man nicht wie Modeschmuck, warum auch, sie zerstören einem das Leben. Ich glaube die Sorge, die hinter diesem Vorurteil steckt, ist, dass Diagnosen missbraucht werden und dass viele damit angeben wollen. Manche der Patienten würde sich ohne Aufmerksamkeit/Therapie vielleicht umbringen, insofern ist Aufmerksamkeit bzw. Therapie schon sinnvoll. Ich bezweifle allerdings, dass die Mehrheit heutzutage es wie Schmuck behandelt (Diagnosen kann man kaum wieder „ablegen“ wie Modeschmuck, meist bleiben die Daten erhalten und können später z.B. bei Verbeamtung Probleme machen). Selbst wenn die Mehrheit so „im Trend liegen“ würde – soll man zum Nachteil der Minderheit, die wirklich krank ist, die ganze Gruppe an Diagnostizierten als Heuchler hinstellen? Inwiefern soll das vernünftig, realistisch oder einfühlsam sein?

4) Luxussorgen

Psychotherapie sei etwas für die Reichen und für die, die sonst keine Probleme haben. Richtig ist, dass Therapie wirklich viel Geld kostet, wenn es die Krankenkasse nicht zahlen will (meistens übernehmen sie aber die Kosten) – nämlich ca. 100-200 Euro pro Sitzung, welche meist um die 50 Minuten dauert. Falsch oder unlogisch ist, dass Patienten sonst keine Probleme hätten. Eine psychische Störung kann das Sozialleben und die Arbeitsfähigkeit verschlechtern und/oder behindern, zu der Störung kommen also diese beiden Bereiche meist noch dazu. Und nur weil ein Staat Menschen dazu zwingt, zu arbeiten, damit sie genug Geld fürs Leben haben (was aber auch bei Arbeit nicht immer der Fall ist, der Mindestlohn ist immer noch kein Standard), so heißt es nicht, dass die, die vielleicht gerade noch arbeiten können, Luxussorgen hätten bzw. auf hohem Niveau klagen. Was ist Niveau und warum soll Lebensqualität ein Luxusgut sein (warum soll, in manchen Fällen, das nackte Überleben zum Luxus gehören? Es ist unlogisch, weil das bedeuten würde, dass man auch ohne Überlebenswillen leben kann, und das trifft auf eine kleine Gruppe an depressiv Erkrankten schon mal nicht zu.) Man würde außerdem einem Herzkranken kaum erzählen, dass er spinnt, weil er sich regelmäßig untersuchen lassen will, oder? Das ist kein Luxus – sondern für psychisch Kranke geht es immer um Lebensqualität und manchmal auch um Leben und Tod.

Es gibt auch noch andere Vorurteile – z.B. dass psychisch Kranke oft gefährliche Verbrecher seien. Aber ich belasse es mal hierbei. Ich freue mich jedenfalls auf das Zeitalter, in dem z.B. Depressionen durch einen Bluttest belegt werden können – denn das könnte vielen Vorurteilen einfach den Boden unter den Füßen wegnehmen!

Fazit:

Versager, Spinner, Aufmerksamkeitssucher und Modeerscheinung sowie Luxusprobleme sind häufige Vorurteile – die man am ehesten als absurd entlarvt, wenn man sie mit körperlichen Krankheiten vergleicht. Auch könnten „Hardcore Verurteiler“ in Bedrängnis kommen, wenn man sie mit Grenzbereichen konfrontiert, z.B. Psychosomatik. Sind bspw. Menschen mit Reizblase, chronischen Schmerzen oder Migräne auch lauter „Versager“? Ich vermute jedenfalls, dass Bildung und Empathie am ehesten diese typischen Vorurteile ausmerzen könnten.

7 thoughts on “Vorurteile gegenüber Psychotherapie-Patienten

  1. PatrWink

    Ich verstehe überhaupt nicht, dass man Psychotherapie generell in Sippenhaft nimmt. Krankheit kann physisch oder psychisch auftreten, da gibt es keinen Unterschied.
    Was ich aber generell beobachte und zwar unabhängig von der Krankheit ist, dass Krankheit gerne als Schutzschild gesucht wird, um alles Mögliche zu rechtfertigen. Das Rechtfertigen findet seine Grenzen allerdings in Fehlverhalten.
    Es ist jedermanns Recht seine Krankheit zu heilen, aber Krankheit ist kein Rechtfertigungsgrund für Fehlverhalten – jedenfalls nicht im Voraus.

    lg Patrick

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  2. Thomas Wilhelm

    Vielen Dank für diesen wertvollen und wichtigen Artikel. Zum Thema „Weicheier“ fällt mir noch ein: Die wenigsten unserer Mitbürger haben keinerlei psychische Probleme, die meisten aber verdrängen sie einfach – mehr oder weniger erfolgreich. Die Menschen, die sich ihren Problemen stellen, sind also eigentlich diejenigen, die „Eier in der Hose“ haben, sie sind diejenigen, die an sich arbeiten und wachsen wollen. Und das ist eine allemal respektable Entscheidung.

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  3. Konrad

    Ich selbst bin aufgrund von ADHS in Therapie. Ich habe jetzt schon Angst, dass ich daher nicht verbeamtet werde.

    Dass erachte ich als höchst ungerecht, da ich ja gerade durch die Therapie trotzdem mein Studium bewältige und daher bin ich auch genauso gut für den Beruf geeignet wie Menschen ohne Therapie. Gleichzeitig gehen sehr viele Lehrer aufgrund von Burnout, Depressionen… in Therapie, warum ist es dann in Ordnung Menschen die Verbeamtung zu verweigern, wenn so viele verbeamtete Lehrer doch auch in Therapie sind.

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    1. Lea Fuhs Post author

      Hallo Konrad, (nochmal) danke für deinen Kommentar. :) Leider weiß ich selber nicht genau, wie aktuell das mit der Verbeamtung ist. Eigentlich wäre es ja unfair und vielleicht sogar menschenrechtswidrig (illegal) & Stigmatisierung psychisch Normabweichender, wenn das immer noch so wäre, dass AHDS ein Grund zur nicht-Verbeamtung wäre. Wenn es Psychologie-Studierenden erlaubt wird, Therapeut zu werden, „obwohl“ sie selber mal in Behandlung waren, warum wird es dann den Lehrern verboten… Verbote lösen nichts für Betroffene, sie führen nur zu Geheimhaltung und schlimmstenfalls zu mehr, statt weniger Problemen, weil sich die Leute noch weniger trauen, zum Therapeuten zu gehen. (In Internet-Foren wird empfohlen, es bei einer amsärztlichen Untersuchung lieber vorerst zu verschweigen.)

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      1. Konrad

        Ich bin auch kein Jurist, aber der Amtsarzt wägt ja ab, ob der zu Verbeamtete finanziell tragfähig ist (daher werden ja chronisch Kranke, stark Übergewichtige Menschen… auch in der Regel nicht verbeamtet) und da glaube ich nicht, dass das illegal ist. Jedoch ist es eine Fehleinschätzung und schlichtweg dumm Menschen mit einer Therapie da zu stigmatisieren. Ich kenne selbst viele Medizinstudenten und da ist ja schon die Psychiatrie oft ein rotes Tuch und die Psychotherapie und Psychologie erst Recht. Folglich haben auch die ganzen Amtsärzte ähnliche vollkommen unbegründete Vorurteile.
        Lehrer kann ich ja trotzdem sein, daher gibt es kein Verbot. Jedoch bin ich unter Umständen dann eben nicht verbeamtet. Auch wenn es somit ja kein Verbot gibt, bin ich aber natürlich voll deiner Meinung. Diese Stigmatisierung bringt nur negatives mit sich. Gerade Menschen mit Depressionen o. ä. die durch eine Therapie vollkommen „geheilt“ werden können (ich drücke mich hier jetzt vage aus, da ich ja Laie bin) sind ja noch einer Therapie gesund und ein gesunder Mensch nach einer Operation wird ja auch nicht stigmatisiert und als Kostenrisiko gesehen. Gerade bei Lehrern gibt es doch so viele mit Burn Out etc., eine Therapie ist da für die Menschen natürlich ratsam und zusätzlich für den Staat wohl billiger, als wenn ein Mensch aus Angst vor der Stigmatisierung nicht zur Therapie geht und dann vollkommen ausbrennt.

        Mein Therapeut sagt übrigens, dass er mehrere Patienten hatte (Lehrer, Anwälte und sogar Richter), die trotz Therapie verbeamtet wurden. Er kann mir ja natürlich keine verbindliche Auskunft geben, jedoch riet er mir nicht explizit das zu verschweigen.
        Kannst du mir die Links zu diesen Foren geben? Ich würde gerne von Leuten hören, die das schon hinter sich haben.

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  4. Lea Fuhs Post author

    Danke für Ihren Kommentar. Ich habe meinem Arbeitgeber auch nie richtig gesagt, ob ich „sowas“ gemacht habe oder nicht; als Arbeitnehmer kenne ich die Konsequenzen gar nicht und solange ich auch brav arbeite(n kann), interessiert ihn das vermutlich auch gar nicht. Bestimmt kennen Sie von Ihren Klienten die Gründe, warum sie sich nicht outen…

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  5. Peter Reitz

    Schöner Artikel! Ich arbeite als Coach, habe aber auch eine Therapiezulassung und habe schon erlebt, dass Menschen nach einer Therapie gerade in der „Industrie“ dies eher verklären z.B. mit „Ich war bei einem Arbeitspsychologen“, das klingt wahrscheinlich weniger pathologisch als: Ich habe eine Psychotherapie gemacht.

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