Vorurteile gegenüber antiautoritärer Erziehung

By | 27. Oktober 2014

(„die machen doch dann, was sie wollen“)

Wenn ich mit anderen Menschen über antiautoritäre Erziehung spreche, begegnen mir relativ oft die gleichen Vorurteile oder Kritiken. Die habe ich mal gesammelt und reflektiert. Da, wo es mir im Rahmen meiner bisherigen Kenntnisse erlaubt ist, versuche ich, falsche Vorstellungen richtig zu stellen. Die Vorurteile habe ich versucht nach Häufigkeit zu ordnen. Zuerst die häufigsten, danach die selteneren. Ziel ist eine kritische Reflexion.

Welchen Vorurteilen bin ich also begegnet? Hauptsächlich vier Stück:

1) Regelfreiheit:

„Das sind doch dann Lust und Laune-Menschen, die dabei rauskommen. Die haben nie Regeln gekannt oder befolgt.“

Das allerhäufigste Vorurteil, mit Abstand (!), ist die Vorstellung, dass antiautoritäre Erziehung bedeutet, Kindern gar keine Regeln aufzuerlegen. Es wäre eine regelfreie und zügellose Erziehung. Das ist völlig falsch! Kindern keine Regeln zu geben ist ganz allgemein total falsch. Das wäre in etwa so sinnvoll wie ein Spiel, das keine Regeln hat, oder das völlige Abhandensein einer Gesetzesgrundlage in einer Gesellschaft. Beides gibt es nicht! Also kann es eine Erziehung ohne Regeln eigentlich auch überhaupt nicht geben. Wenn ein Kind keine Orientierung bekommt, wird es natürlich tun und lassen, was es will – weil es Grenzen sucht und verwirrt ist, es kennt Gebote und Verbote nicht, braucht diese aber, so ähnlich wie eine Karte, die unbekanntes Gelände darstellt, um sich nicht zu verirren. Auf gar keinen Fall sollte man auf Regeln verzichten.

Antiautoritäre Erziehung erstellt Regeln, bei denen die Kinder mitbestimmen dürfen. Antiautoritär bedeutet auch, dass man das Kind nicht mit aufgeblasenem Autoritätsgehabe unterdrückt, welche nur darauf abzielt, den Willen der Eltern (auf Kosten des Kindes) durchzusetzen (siehe auch den Artikel http://www.lea-fuhs.de/machtkaempfe-zwischen-eltern-und-kind/ zu diesem Thema). Stattdessen wird basisdemokratisch diskutiert und auf den Willen des Kindes geachtet. Ausnahme: Lebensgefährliche Handlungen, z.B. Bügeleisen anfassen, mit Feuer spielen usw. Da gibt es dann eigentlich keine demokratische Diskussion mehr (gleiches gilt für kriminelle Taten). Typische Beispiele für gleichberechtigte Debatten: Was mit dem Kinderzimmer passiert (Tür offen, geschlossen, Hygiene und Sauberkeit, etc.) oder welche Kleider ein Kind trägt. Da darf es natürlich mitbestimmen oder auch alleine bestimmen. Das „Anti“ richtet sich gegen künstliche, negative, herrschende Autoritäten, die auf sinnlose Machtkämpfe aus sind. Antiautorität richtet sich nicht gegen Regeln! Sondern gegen Unterdrückung und (quasi-) diktatorische Herrschaft. Das Kind hat auch einen Willen und ein Mitbestimmungsrecht, darum geht es. Ein besserer Begriff als antiautoritär ist „repressionsfrei“. Es geht um Erziehung ohne Unterdrückung, ohne Angst und ohne Druck.

2) Herrschaft des Kindes:

„Das Kind beherrscht die Eltern und kommandiert sie herum. Das ist schlecht und gefährlich!“

Richtig, chronisch-monopolistisch herrschende Kinder sind problematisch. Falsch ist, dass antiautoritäre Eltern ihr Kind tun und lassen, was es will. Das sind dann Eltern, die antiautoritäre Erziehung missverstanden haben und falsch praktizieren. Typisch antiautoritär ist eben keine Alleinherrschaft (weder Kind, noch Eltern!), sondern Basisdemokratie, in der jeder ein gleichwertiges Stimmrecht hat (aber natürlich nicht 2 Eltern gegen 1 Kind, das ist unfair). Solch eine Erziehung ist theoretisch ab der Geburt möglich, aber gut umsetzbar eigentlich erst dann, wenn Kinder sprechen können und ein beginnendes autobiografisches Gedächtnis haben (so ab 4, 5 Jahren). Die antiautoritäre Summerhill-School in England nimmt z.B. auch nur Kinder ab frühestens 5 Jahren auf. Wahrscheinlich ist diese Grenze sinnvoll, weil es wohl kaum möglich ist, mit 2 oder 3Jährigen vernünftig zu diskutieren. Ab 4 oder 5 kann man es aber versuchen. Das fördert schließlich auch das Reflexionsvermögen eines Kindes.

3) Karriere und Erfolg:

„Antiautoritär erzogene Schüler sind doch später nicht so erfolgreich wie die anderen…“

Hier könnte man bösartig und bissig kritisieren, dass der Erfolg, den uns die Massenmedien vermitteln, eine kapitalistische, quantitativ verdrehte Kollektiv-Illusion ist, die es nicht nur zu hinterfragen, sondern zu zerreißen gilt. Aber – wenn man sanftmütiger vorgeht – fängt man erst mal klein an und fragt, was denn „Erfolg“ sein soll und warum man Kinder oder Jugendliche unter Karrieredruck / Leistungsdruck setzt. Definiert „Erfolg“ nicht sowieso jeder anders?

Realistisch betrachtet kann man nur sagen, dass eine übertrieben freie Schulerziehung (erkennbar u.a. an freiwilligem Unterricht) in Extremfällen (nur in Extremfällen) dazu führen kann, dass ein 17Jähriger bei Schulabschluss (in Summerhill in England) nicht so gut lesen und schreiben kann wie Gleichaltrige, die eine Standardschule besucht haben. Das kann man allerdings auch gelassen hinnehmen, wenn man bedenkt, dass man im Leben eigentlich nie ausgelernt hat und man jederzeit Defizite aufholen kann. So ein 17Jähriger hat stattdessen vielleicht andere, möglicherweise wichtigere Dinge gelernt: Er weiß, wer er ist und was er will, er kann selbstständig entscheiden, er kann Verantwortung dafür übernehmen, was er macht. Es könnte sein, dass jemand eine antiautoritäre Erziehung bereut, weil er viel früher viel mehr hätte lernen können. Dieser Reue aber mit frühem Leistungsdruck und Zwang von Standardschulen vorzubeugen, halte ich aber für genauso problematisch. Extreme sind immer schwierig: extrem frei ist riskant, genauso wie extrem eingezwängt. Was wäre ein guter Kompromiss? Das wird Thema eines anderen Artikels sein. Jedenfalls: Erfolg definiert jeder anders und Sorgen darüber, was aus einem Kind wird, kann man auch aushalten, da ein Kind seinen Weg meistens trotzdem findet.

4) Nicht anpassungsfähig:

„Antiautoritär erzogene Kinder sind doch später gar nicht anpassungsfähig an Pflichten, Zwänge etc. Wie sollen sie in unserer Welt bestehen?“

Dazu liegen mir leider keine „harten Daten“ vor. Andererseits haben Summerhill-Schüler vielleicht gelernt, Autoritäten von klein auf angstfrei und als menschlich zu betrachten, sodass sie mit späterem Autoritätsgehabe keine Probleme haben. Sie sehen den Menschen hinter der herrschenden Fassade und bleiben gelassen (könnte ich mir vorstellen). Sie fügen sich in Regeln vielleicht eher ein, weil sie jahrelang geübt haben, den Sinn hinter Regeln zu erkennen und zu beurteilen (in Summerhill werden wöchentlich Debatten über Schulregeln abgehalten). Sie durften hunderte Male an basisdemokratischen Debatten teilnehmen und lernten über die Jahre, Regeln und Zwänge zu verstehen. Das könnte ein Grund dafür sein, warum sie im Schnitt vielleicht genauso anpassungsfähig sind wie Gleichaltrige aus Standardschulen. Die Selbstsicherheit und Angstfreiheit, kombiniert mit selbstständigem Denken von klein auf, könnte dazu führen, dass sie mit Druck sogar noch besser umgehen als andere. Lediglich das kritische (eigenständige) Denken könnte sie zu Abweichlern oder Aussteigern machen. Die gibt’s aber wohl auch in der Gruppe der „autoritären Zöglinge“. Daher: Sind angstfrei erzogene Menschen nicht vielleicht genauso anpassungsfähig wie andere? Oder sogar noch mehr?

Also, kurz zusammengefasst:

  1. Antiautoritäre Erziehung hat Regeln. Diese wurden demokratisch bestimmt, statt diktatorisch.
  2. Antiautoritäre Erziehung ist gegen jegliche Alleinherrschaft. Stattdessen für Demokratie.
  3. Antiautoritäre Erziehung orientiert sich eher weniger an einer kapitalistisch definierten Karriere.
  4. Antiautoritäre Erziehung könnte dazu führen, genauso anpassungsfähige Menschen zu erziehen wie in anderen Erziehungsstilen auch.

Kennt ihr Studien zu Punkt 4?

Was haltet ihr von antiautoritärer Erziehung?

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