Vier Menschenbilder und ihr Effekt auf Therapie

By | 1. Oktober 2017

Ich habe schon lange keinen Artikel mehr veröffentlicht (seit zwei Jahren anscheinend)… Heute hat mich mal wieder die Lust gepackt, meinen Gedanken eine Gestalt zu geben :) Es geht darum, wie man sich (als Patient) selbst sehen kann und welchen Effekt das auf das Selbstbild und die Gefühle hat. Ich beschreibe keine „Fakten“, sondern eher Theorien und Gedanken. Grundlage der Gedanken ist ein Modell von Timothy Leary. Eine PDF zum Thema Zirkumplexmodell kann man hier finden (Aufbau von SASB) oder auch hier (s. Seite 23). Die Menschenbilder bauen zum Teil auf den beiden Standardachsen auf (Dominanz-Unterwürfigkeit, und Freundlichkeit-Feindseligkeit).

Was ist mit „vier Menschenbilder“ gemeint? Einfach ausgedrückt, kann man sich als Patient in (mindestens) vier Kategorien wahrnehmen und erleben.

  • Als Opfer schicksalsartiger Lebensumstände, überforderter Eltern oder Zielscheibe bösen Verhaltens.
  • Als Schöpfer eigener Entscheidungen, Entwickler eigener Potenziale und jemand, der seine Kräfte nutzt.
  • Als Schüler des Lebens, dem es noch an manchen Dingen mangelt (z.B. Geduld, Willenskraft oder Eigenverantwortung).
  • Als Täter seines Lebens; damit ist keine Schuld im engeren Sinne gemeint, sondern die eigene Macht, die eigenen Effekte, die man auf sein Leben ausübt (z.B. durch unbewusste Entschlüsse, die leider negative Effekte hatten/haben).

Wie könnte das jeweilige Bild beeinflussen, wie man sich selbst sieht und fühlt?

Opfer-Modus: Man sieht sich (wahrscheinlich) passiv, ausgeliefert und vielleicht getroffen von Lebensumständen, bösen Chefs, schlechten Psychotherapeuten, usw. Typische Gefühle sind vielleicht Kränkung, Enttäuschung, Verletzung oder Empörung, verbunden mit Rückzug, Rachsucht oder auch erlernter Hilflosigkeit (Ohnmacht, Ratlosigkeit), manchmal auch kalte Hoffnungslosigkeit („ist doch eh sinnlos alles“). Einsamkeit oder Selbstunsicherheit gehören vielleicht auch in diesen Modus. Auf den beiden Achsen wäre man im Opfer-Modus am wahrscheinlichsten „feindselig-unterwürfig“ (z.B. andere beschuldigend).

Schöpfer-Modus: Man sieht sich (wohl eher) aktiv, anpackend und seine Lebensumstände gestaltend. Statt bspw. von einem schlechten Psychotherapeuten enttäuscht zu sein, wird der nächste gesucht oder andere Maßnahmen ergriffen (und noch nicht aufgegeben). Hoffnung, Mut, Lust oder Zuversicht passen hier vielleicht am besten als begleitende Gefühle. Annäherung an ein Ziel, konstruktive Selbstkritik und Lösungsideen bestimmen am ehesten das Verhalten. Auf den beiden Achsen wäre man im Schöpfer-Modus am wahrscheinlichsten „freundlich-dominant“ (z.B. sich selbst fördernd und heilend).

Schüler-Modus: Man sieht sich selbst eher passiv an – und entdeckt Defizite, Mängel, oder anders gesagt, noch wachsende (versteckte) Potenziale. Typische Gefühle sind vielleicht Traurigkeit oder Frust (wegen Mängeln oder Verlusten im eigenen Selbst), aber vielleicht auch Neugier (wie schaffe ich es, dieses Defizit auszugleichen?). Wenn es um Defizite geht, ist man im Schüler-Modus, aber wenn es um aktive Lösungsideen geht, dann eher im Schöpfer-Modus. Kritische Selbstuntersuchung und Suche nach Mängeln passen am ehesten zum Schüler-Modus. Während der Opfer-Modus vielleicht eher die äußeren Lebensumstände fokussiert, betrachtet man im Schüler-Modus sich selbst (eigene Fähigkeiten und Entwicklungszustand, z.B. geistiges Alter und die eigene Beziehungsfähigkeit).

Täter-Modus: Man sieht sich selbst als aktiv handelndes Wesen – welches aus Versehen auch Schaden anrichten kann (manchmal sogar absichtlich anrichtet). Statt sich hilflos ausgeliefert zu fühlen, gesteht man sich ein, was man selbst gemacht hat (bewusst oder unbewusst) und welche Folgen das hatte. Typische Gefühle sind vielleicht Reue, Bedauern, Schuld oder auch Verblüffung (weil sich die eigene Macht deutlicher als vorher herausstellt). Man kann auch hier, wie in allen Bildern, in die anderen „umkippen“. Jemand kann sich selbstkritisch als Täter betrachten, im nächsten Moment aber auch als Schüler, z.B. „ja, durch meine eigenen Glaubenssätze verursachte ich auch einige Probleme [Täter-Modus], aber mir mangelte es an Bewusstsein dafür, dass ich das dauernd mache [Schüler-Modus]“.

Ist man sich (als Patient) bewusst, dass man sich so vielfältig betrachten kann, dann erweitern sich die Möglichkeiten (zu handeln und auch, wie man sich selbst sieht)! :)

Typische Sätze von einem (fiktiven) Patienten sind vielleicht:

  • „Die ist schuld daran, dass es mir so schlecht geht.“ (Opfer-Modus, feindselig)
  • „Ich will weiter an mir arbeiten, egal, wie lange es dauert.“ (Schöpfer-Modus)
  • „Mir mangelt es an Durchhaltewillen, daher habe ich die erste Therapie abgebrochen.“ (Schüler-Modus)
  • „Ich wollte emotionale Schmerzen vermeiden und hab deswegen vieles abgeblockt.“ (Täter-Modus)

Die Grenzen zwischen den vier Bildern sind fließend; man könnte sagen, klagst du noch (als Opfer) oder entscheidest du schon (als Schöpfer)? Kritisierst du dich noch (als Schüler) oder siehst du bisherige Fehler schon ein (Täter)? Die Worte „noch“ und „schon“ sollen nicht heißen, dass eines davon besser wäre – sondern nur, dass ein Modus in einen anderen immer auch übergehen kann, wie auf einem Kontinuum.

Da das Gefühl der Hoffnung in der Psychotherapie sehr wichtig ist, wird vielleicht auch oft der Schöpfer-Modus im Patienten aktiviert (oder betont), ebenso der Täter-Modus (unbewusste Entscheidungen). Der Schüler-Modus spielt vielleicht während der Diagnostik eine größere Rolle, und der Opfer-Modus während einer Anamnese (vermute ich).

Was denkt ihr darüber? :)

 

 

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