Versuchspersonen als Objekte

By | 30. August 2014

Im Laufe meines Studiums ist mir aufgefallen, dass ich Menschen in Experimenten (d.h. Versuchspersonen bzw. Teilnehmer) anders wahrnehme, als ich es eigentlich selbst gut finde. Viele Menschen beginnen vielleicht ein Psychologie-Studium, weil sie am Verhalten und Erleben von Individuen interessiert sind, und treffen dann womöglich (im Schnitt) auf eine Uniwelt, die eigentlich sagt, „Individuen interessieren uns nicht, sondern Gruppen“. Statt individuelle Interpretationen von einzelnen Menschen wird oft gepredigt, wie wichtig Stichprobenumfänge sind, d.h., dass man nicht zu wenig Menschen untersuchen sollte und dass Verhalten, das vom Plan abweicht, generell unerwünscht ist. Das hat mich immer wieder irritiert (andere, die ich traf, hat es zuweilen extrem frustriert) und daher schreibe ich mal etwas mehr zu diesem Eindruck. Damit meine ich den Eindruck, dass Psychologie an der Uni wenig mit der Psychologie zu tun haben könnte, welche sich viele vielleicht gewünscht haben. Dabei stelle ich vier Beobachtungen (SEIN) meiner jeweiligen subjektiven Idealversion (SOLL) gegenüber.

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  1. SEIN: Ich nehme die Teilnehmer eher als Objekte wahr, deren Funktion es ist, Daten „abzusondern“. SOLL: Ich möchte sie eigentlich lieber als Subjekte wahrnehmen, die eine eigene, individuelle Psyche haben und ausleben.
  2. SEIN: Der Fokus liegt darauf, möglichst viele (oder eben genug) Leute zu sammeln, wobei es gilt, dass die einzelnen Menschen scheinbar zueinander austauschbar sind. SOLL: Ich lege lieber den Fokus darauf, einzelne Menschen zu erleben, deren Anzahl weniger wichtig ist und dabei möchte ich keinesfalls denken, dass sie austauschbar sind.
  3. SEIN: Ein Verhalten, das vom experimentellen Plan abweicht, ist eigentlich immer unerwünscht, unerklärbar bzw. wird oft von der Analyse ausgeschlossen. SOLL: Abweichendes Verhalten finde ich in einigen Kontexten erwünscht, erklärbar und es sollte auch analysiert werden.
  4. SEIN: In einem Experiment wird generell mehr Wert auf die interne als auf die externe Validität gelegt, d.h. man kontrolliert streng, wo welche Variablen wie variieren und man kann dabei kaum beachten, dass es eigentlich auch gut übertragbar in die Realität sein sollte (wie gesagt, das ist mein subjektiver Eindruck). SOLL: In einer Feldstudie sind diese beiden Validitätsarten theoretisch „gleich viel wert“. Ich habe nicht das Bedürfnis, penibel und streng zu kontrollieren, wie sich Menschen in einer Untersuchung verhalten, wohingegen ich es extrem wichtig finde, dass die gewonnenen Erkenntnisse anwendbar bzw. übertragbar sind.

Das alles heißt eigentlich nicht, dass ich totunglücklich darüber bin, diese Erfahrungen gemacht zu haben, denn erstens kann ich es als bereichernd empfinden und zweitens habe ich Nischen gefunden, in denen ich Frust umwandeln kann. Ich habe parallel die abweichenden Menschen in meinen Studien beobachtet und reflektiert, und ich merke durch den Sollzustand, was ich eigentlich möchte: einzelne Menschen eingehend studieren, statt sich (nur) mit einem nicht-existenten, statistischen Durchschnittsmensch zu befassen (welcher lediglich in einer sehr künstlichen Laborwelt „gilt“). Ich glaube, dass u.a. das eingehende Erleben einzelner Menschen im Rahmen einer Psychotherapie-Ausbildung gut möglich ist.

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Was denkt ihr über meine Beobachtungen?

Habt ihr ähnliche (oder ganz andere) Erfahrungen gemacht?

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