Theorie vs. Praxis

By | 1. Juli 2015

Tabelle Studienerfahrungen_größer

Aus diesem Vergleich (siehe Tabelle) leite ich Fragen ab:

1) Wie kann man diese (subjektive) Gegenüberstellung bewerten? Welcher Impuls drängt sich auf?

Der erste Impuls wäre vielleicht zu sagen, „Mein Gott, das Studium hat gar nichts mit der Praxis zu tun“. Genauso gut könnte man dies aber auch positiv auslegen, z.B. „Die Praxis ergänzt sich mit der Theorie; die Theorie ist das Werkzeug für die Praxis“. Die Gegenüberstellung könnte man also sowohl negativ als auch positiv bewerten (man kann auch differenziert feststellen, dass sich manche Bereiche gar nicht gegenseitig ausschließen, z.B. kann ein vermeintlicher Theoretiker auch gleichzeitig gutes Vorbild sein).

Ich tendiere insgesamt eher zum Negativen, weil dieser Vergleich mir eher den Schluss aufdrängt, dass praktisch Relevantes an Universitäten kaum gelehrt wird, oder, dass zugunsten eines wissenschaftlichen Herangehens die praktischen Tätigkeiten -z.B. Fallgeschichten aus therapeutischer Praxis- weniger beleuchtet werden. Ich fühle mich subjektiv sehr gut auf eine Forschungskarriere vorbereitet, aber kaum auf eine therapeutische Tätigkeit (oder eine andere, bei der man intensiv und im direkten Kontakt „mit Menschen zu tun hat“).

2) Warum scheint es an einer Uni um völlig Anderes als die Realität zu gehen?

Auch der plausible Schluss, dass ein Studium sinnlos (oder losgelöst von der Realität) sei, ist wohl nicht ganz handfest. Wie soll denn ein Psychologie Bachelorstudium auf diese Realität vorbereiten, wenn die aus so vielen (Berufs-)Bereichen besteht? Pessimisten nennen das Psychologie-Grundstudium vielleicht „unspezifisch“, Optimisten nennen es „vielfältig“. Ein recht neutraler Begriff ist wohl „breit“, also breites Grundlagenwissen. Je nach Realität (die subjektiv konstruiert wird) erscheint dann so ein Studium passend – oder realitätsfern. Die Vielfalt der Psychologie sollte wohl weiterhin gelehrt werden, weil Psychologen in sehr vielen Bereichen arbeiten und weil Menschen, die gerade erst ihr Abitur gemacht haben, vielleicht noch nicht wissen (können), dass sie z.B. Psychotherapeut werden wollen.

Ein Problem, das sich aus dieser Vielfalt ergeben kann, ist, dass man mit einem Bachelorabschluss „vieles halb kann, aber nichts richtig“, was auf dem Arbeitsmarkt nicht oft so gern gesehen wird (meine Erfahrung).

Eine Ressource, die ich aus dem Studium mitgenommen habe, ist z.B. ein wissenschaftliches Vorgehen. Ich finde, auch in der direkten Arbeit mit Menschen kann man Hypothesen aufstellen, Hinweise für und gegen diese sammeln und die Hypothese dann verwerfen (oder beibehalten, ersetzen, verbessern, …). Außerdem muss man sich immer kritisch hinterfragen, wem solche Hypothesen eigentlich nutzen und ob sie manchmal zu sehr die Problemseite, statt eine Lösung fokussieren.

3) Was sollte man an Universitäten verändern?

Im Studium gibt es für meinen Geschmack insgesamt viel zu wenig Praxisbezug. Hier wären meine Ideen, dies zu erhöhen:

  • In Vorlesungen (besonders klinische Psychologie und andere Anwendungsbereiche) praktische Beispiele bringen, also davon erzählen; Anekdoten blieben bei mir eher hängen als Theorie
  • oder Aufgaben einbinden, vielleicht nach dem Schema, „Was würden Sie hier tun und warum?“
  • Fallbeispiel-Seminare machen (das ist dringend nötig) – eine Idee wäre, aus einem Störungsbereich lauter Fälle auszusuchen oder aus jedem Bereich 2-3 Beispiele. Ziel: praktische Lösungen entwickeln, an konkreten Menschen (natürlich anonyme Fälle.) Das war mir teils aus Platzmangel nicht möglich: auf 30 Seminarplätze waren bis zu 100 Interessenten da und ich wurde rausgelost.
  • Feldstudien
  • und Interviews machen lassen, statt immer nur quantitative Methoden anzubieten
  • weniger Klausurenwahn, weniger Prüfungswahn, damit mehr Ressourcen frei werden für praktische Tätigkeiten, zum Beispiel:
    • Interview/Besuch einer Selbsthilfegruppe,
    • ein Tag in der Klinik,
    • mit einem Betroffenen reden,
    • einen Psychotherapeuten oder Psychiater interviewen, etc.

Manche dieser Ideen werden bereits umgesetzt, z.B. wenn klinische Professoren aus der Praxis erzählen oder wenn Sozialpsychologen aktuelle Nachrichten von z.B. Politikern einbauen. In solchen Veranstaltungen hatte ich besonders viel Spaß.

Fazits:

  1. Der Impuls, ein Studium als nutzlose Theoriebildung abzustempeln, ist undifferenziert. Schlüssiger ist aus meiner Sicht die Konklusion, dass Wissenschaftliches stärker gewichtet zu werden scheint als therapeutisch-praktische Fähigkeiten (oder andere praktische Fähigkeiten). Es stellt sich also wenn dann die Frage: Psychologie Bachelorstudium, nutzlos für wen? Und warum?
  2. Eigentlich ist es sehr realitätsnah, in so vielen Bereichen Kenntnisse zu erwerben (sofern eben berücksichtigt wird, in wie vielen Bereichen Psychologen tatsächlich tätig sein können). Es sei denn, man definiert „Realität“ als „Therapiepraxis“, dann erscheint das Bachelorstudium wohl wirklich realitätsfern / unpassend. Zum Thema „Direktausbildung zum Psychotherapeuten“ siehe z.B. http://direktausbildung.de/?page_id=23
  3. Es gäbe Möglichkeiten, ein Studium viel realitätsnaher zu gestalten. Diese werden aber meiner Meinung nach noch zu wenig umgesetzt.

Was sind eure Erfahrungen?

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