Spekulationen über Ausländerfeindlichkeit

By | 4. November 2015

Hier möchte ich auf Basis von psychologischen Theorien mal spekulieren, warum letzter Zeit Ausländerfeindlichkeit, Fremdenhass und Konsorten eigentlich so am Boomen sind. Anders als in meinem anderen Artikel „Rassismus im Internet“,  sollen mir diesmal „nur“ zwei Theorien beim Spekulieren helfen:

  1. Das Elaboration-Likelihood-Modell nach Petty & Cacioppo,
  2. die Bindungstheorie (u.a. Bowlby)

In Google findet man schnell Belege dafür, dass die AfD

Ich will spekulierend beantworten, warum das passiert ist. Zuerst verwende ich dafür das ELM nach Petty & Cacioppo.

ELM

Quelle der Grafik: Uni Trier, Wintersemester 2012/2013, Sozialpsychologie (Fr. Walther).

In den Medien wird dauernd Angst vor riesigen, bedrohlichen Flüchtlingswellen gemacht, die angeblich die deutsche Kultur gefährden, die Sozialsysteme belasten und und. Für wen ist das nützlich? Es ist u.a. für die AfD nützlich. Denn was passiert bei Menschen, wenn sie Angst haben?

Gemäß des ELM entsteht durch die Angst womöglich eine größere Motivation, sich überhaupt mit Flüchtlingen und Flüchtlingspolitik zu beschäftigen (und natürlich auch mit den Parteien, die da einen klaren Stand vertreten). Die Fähigkeit zur Verarbeitung ist aber vermutlich begrenzt, sodass keine zentrale Route benutzt wird, sondern eine periphere. Man könnte auch sagen, das kognitive System vieler AfD- oder PEGIDA-Anhänger ist ausgelastet mit der Angst oder dem Hass. Folglich bleibt weniger Energie übrig, und es werden oberflächlichere Hinweise verarbeitet, nicht mehr genauer hingeschaut und offenbar auch überhaupt nicht (bzw. falsch) kritisch nachgefragt. Die Menschen sind wahrscheinlich gut ausgefüllt und beschäftigt damit, die Flüchtlinge zu hassen oder Angst vor ihnen zu haben. Da braucht’s nur noch einen Typ wie Höcke, um die periphere Route zur Einstellungsänderung (bzw. zur Extremisierung) bei den Wählern zu vollenden. Da ist es nur nützlich für seine Partei, dass er bei Jauch (YouTube-Video) manipuliert ohne Ende, am häufigsten durch Strohmann-Argumente und Ausweichen, gerne auch persönliche Attacken…

Das ELM erklärt meiner Meinung nach auch wunderbar, warum so viele mit Argumenten nicht an die PEGIDA oder AfD-Anhänger heran kommen. Argumente sind typisch für die zentrale Route. Wer die zentrale Route bei Menschen benutzt, die selbst die periphere benutzen, kann ja nur an ihnen vorbei reden.

Ich glaube, man kann nur hoffen, auf Basis einer guten Beziehung zu solchen Leuten behutsam zum Strategiewechsel anzuregen, also so zu reden, dass die Anderen zur zentralen Route überwechseln und nachdenklich werden. Dies trifft dann aber vermutlich auf eine Reihe an Abwehrmechanismen. Wird das Selbstbild von Zweifeln „bedroht“, kann das ja schon ausreichen, um bei Personen Widerstand aufkommen zu lassen. Wie ein Bumerang könnten sie sich noch mehr als sonst an ihre Überzeugungen klammern… (wobei natürlich nicht jeder, der klammert, unvernünftig ist).

Noch ein wenig mehr (oder anders) wird dieses kollektive Phänomen von der Bindungstheorie erklärt.

Wikipedia formuliert es gut: „Konkretes Bindungsverhalten wird bei Wunsch nach Nähe oder in „Alarmsituationen“ aktiviert.“ – Die Medien haben die Flüchtlingssituation ja mehrfach als „Krise“ bezeichnet – das kann auch ausreichen, um bei unsicheren Menschen genau so einen Alarm auszulösen. Weiter heißt es: „Letztere werden von emotionalem Stress begleitet, beispielsweise bei zu großer Distanz zur Bezugsperson, bei Unwohlsein, Schmerz und Angst. Abgewiesene Bindungswünsche verstärken bindungssuchendes Verhalten, welches ebenfalls bei Wiederkehr einer Bezugsperson beobachtet werden kann.“ Dies könnte man fast 1:1 auf die jetzige Situation übertragen, also:

[Bedrohungen] werden von emotionalem Stress begleitet, beispielsweise bei zu großer Distanz zur [fremden Person, dem Flüchtling oder auch der eigentlichen Lage], bei Unwohlsein, Schmerz und Angst [vor der „Welle“ und „Überlastung“]. Abgewiesene Bindungswünsche verstärken bindungssuchendes Verhalten [zu den jeweiligen anti-Flüchtlings-Parteien], welches ebenfalls bei Wiederkehr einer Bezugsperson beobachtet werden kann [Pegida-Märsche in Dresden, Versammlungen zu Höckes Reden…].“

Es ist, als würden Höcke und co. den „Papa“ für viele ersetzen, nicht nur das: Mir scheint, als würde er Menschen, die keine feste Identität haben, die leicht suggestibel sind und oberflächlich denken, auch eine Struktur anbieten; eine, die ihnen die Welt ordnet und Beruhigung bringt. Das mag für viele attraktiv erscheinen – dem Papa kann man gedankenlos folgen, er weiß Bescheid und er will auch nur das Beste [für „die Deutschen“]. Ängstliche Menschen, die sich nicht gut selbst beruhigen oder informieren können (vielleicht wenig Bildung haben?), suchen Bindung und Schutz bei der „Papa-Partei AfD“ (oder NPD).

Im weiteren Verlauf wird gesagt: „Unter Feinfühligkeit wird situationsangemessenes und promptes Reagieren erwachsener Bezugspersonen auf die Äußerungen und Bedürfnisse des Säuglings verstanden.“ Man könnte übersetzen: „Unter [guter Politik] wird situationsangemessenes und promptes Reagieren [der Politiker] auf die Äußerungen und Bedürfnisse des [Wählers] verstanden.“

Unter „angemessen“ verstehen verschiedene Parteien aber auch verschiedene Strategien.

Ich sehe es so, dass Bindung immer ein wenig das Gegenteil von Exploration ist. Einfach gesagt: Solange die Menschen an bestimmte Parteien gebunden sind, bzw. einen Großteil ihrer Energie in Bindung investieren (also Bindung an flüchtlingsfeindliche Ideen), kann ja nur entsprechend weniger Kraft für neugieriges Erforschen (der alternativen Denkweisen) übrig bleiben. Bösartig überspitzt hieße das: je mehr AfD / Pegida / etc., desto weniger eigenständiges Denken.

Im Großen und Ganzen erklären mir diese beiden Modelle den momentanen Fremdenhass ziemlich gut.

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