Rassismus im Internet

By | 10. August 2015

Mögliche Ursachen & Lösungsansätze

Mein Blog-Helfer und Freund Uwe und Carsten Dobschat hatten schon einen Facebook-Post kommentiert, der mittlerweile fast 50.000 mal (!) geteilt wurde (Stand: 09.08.15, 21:30 Uhr). Auf Uwes Idee hin entwickelte ich dann doch die Motivation, den Original-Post psychologisch zu kommentieren.

Mein Ziel ist nicht das Prüfen der Fakten oder Beurteilen der Polizei / des mutmaßlichen Täters o.Ä. (das machten die anderen bereits), sondern, wie der Titel sagt, möchte ich mögliche Ursachen finden und Lösungsansätze anbieten – auf Basis der wissenschaftlichen Theorien, die ich mir nochmal angelesen habe („nochmal“, weil ich sie vor 2-3 Jahren im Bachelor-Studium schon gehört hatte).

Ganz kurz zum Original-Artikel: Schade, dass so viele Leute fehlattribuiert und mit Hass verallgemeinert haben; so wurde wohl aus dem Bedürfnis, einem Menschen zu helfen, am Ende expliziter Fremdenhass – erkennbar an den negativ konnotierten Kollektivbezeichnungen „son pack“ (N.K.), „Kanaken“ (N.K.), „Assoziales Dreckspack“ (B.E.), „Dreckspack“ (D.L., K.N.) „kriminelle“ (N.W.) usw.

Automatisches vs. analytisches Denken

Daniel Kahneman (siehe Quellen) nennt zwei grundsätzlich verschiedene Denk-Modi: Schnelles und langsames Denken. Hier ein paar grobe Synonyme:

  • Automatisches Denken: Heuristiken (Daumenregeln) / periphäre Route der Persuasion (Petty & Cacioppo, 1986)
  • Analytisches Denken: Langsames Denken (nach Kahneman) / zentrale Route der Persuasion

Kurz gesagt geht es da um zwei verschiedene Arten, einkommende Informationen zu verarbeiten (oder auch zwecks Überzeugung selber einzusetzen). Die latenten und manifesten Rassisten, die den Facebook-Post kommentiert haben, scheinen hauptsächlich automatisch zu ihren Urteilen gekommen zu sein – die Anderen haben differenziert zwischen einem Einzelfall und einer Verallgemeinerung. Mittlerweile hat der SR darüber informiert, dass der Täter glaubte, ausgeraubt zu werden; die rassistischen Kommentare stehen aber immer noch in Facebook. Daraus schließe ich, dass der Modus des automatischen, Schema-geleiteten Denkens aufrecht erhalten wurde. „Schemata sind extrem nützlich für die Auflösung von Mehrdeutigkeiten über die soziale Welt“ (Aronson et al, S. 86).

Man könnte das Phänomen, das von einem Einzelfall fälschlich generalisiert wird, auch anders nennen: Repräsentativitätsheuristik, emotionale Heuristik, Confirmation Bias, Outgroup Bias, Korrespondenz Bias, Overconfidence Effekt, Sleeper Effekt, illusorische Korrelation, internal stabile Attribution, Akteur-Beobachter-Divergenz, Gruppenpolarisierung oder auch instrumentell: „Mythbusting Kit“ (Lilienfeld et al, ab S. 10), in welchem zehn Urteilsfehler aufgelistet sind: Mundpropaganda, Wunsch nach einfachen Antworten und schnellen Handlungen, selektive Wahrnehmung und Gedächtnis, Kausalität aus Korrelationen schließen usw.

Jedes dieser empirisch fundierten Verhaltensmuster beschreiben jedoch nur, sie erklären recht wenig, finde ich.

Dissonanz & Reaktanz

  • Dissonanz bedeutet einfach gesagt, dass irgendwas nicht zusammenpasst und Spannung erzeugt. Diese Spannung kann zwischen den Menschen entstehen (z.B. zwischen den Debattanten, zwischen Deutschen und anderen), können aber auch innerhalb eines Menschen in der Psyche vorkommen (Psychodynamik / Tiefenpsychologie).
  • Reaktanz bedeutet einfach gesagt, dass ein Individuum Stress oder Druck wahrnimmt (insbesondere bei Überzeugungsversuchen) und darauf mit der Ausübung des kritisierten Verhaltens reagiert (also genau das Gegenteil dessen tut, zu dem der Kritiker ihn eigentlich überreden wollte). Man könnte sagen, ein Mensch tut etwas unter Reaktanz „erst recht“ – noch mehr, statt weniger.

Daraus (und aus anderen Theorien) leite ich Hypothesen ab:

  1. Die Facebook-Kommentatoren hatten wahrscheinlich Vorurteile. Dann bekamen sie eine Geschichte geliefert, die diese Vorurteile bedient – oder eben nicht, wenn sie den Einzelfall von ihren Schemata getrennt hätten. Hätten sie getrennt, wäre unangenehme Dissonanz entstanden (zwischen ihrem trennenden Verhalten und dem „eigentlich“ „passenden“ Einzelfall). Diese Dissonanz kann allgemein vermieden werden durch Ändern ihres Verhaltens, kognitive Umdeutung oder Hinzufügen passender Kognitionen. Vor allem letzteres ist eigentlich das Gleiche, wie die eigenen Vorurteile und Stereotype durch eine Anekdote bestätigt zu sehen. Umdeuten geht schlecht, wenn sie bereits als Rassist bezeichnet wurden und ihr Verhalten zu ändern, würde u.a. ihre Identität bedrohen. „Dissonanz vermeiden wir sogar auf Kosten eines rationalen Verhaltens“! (Aronson et al, S. 188). Dissonanz kann auch nach Entscheidungen entstehen (z.B. der Entscheidung, rassistische Kommentare zu posten). Um diese zu reduzieren, werden nur noch „Argumente zugunsten [der gewählten Option] gesammelt“ (ebd., S. 189). Der gleiche Effekt greift, wenn Menschen schon sehr lange so denken („Tradition“) oder subjektiv viel Leid erlebt / beobachtet haben, welches sie auf die Gruppenzugehörigkeit ihrer „Täter“ zurückführen. Je mehr Leid erlebt oder beobachtet wurde (und wenn das jedes mal auf die Nationalität zurückgeführt wurde), desto fester wird ein Vorurteil. Ich denke, die Versuchung, zu verallgemeinern, ist einfach zu groß – bzw. viele merken gar nicht, dass sie es tun und/oder dass es anders besser sein könnte, warum, wie, etc.
  2. Rassisten sind theoretisch eine Minderheit. Sie stehen unter stärkerem Druck als die Mehrheit (Konflikttheorie nach Nemeth, 1986) und müssen konsistent ihre Meinung vertreten & Konflikte auslösen, um Einfluss auszuüben (Konversionstheorie nach Moscovici, 1980). Daher ist es logisch, wenn sie auf Überzeugungsversuche häufig mit Reaktanz reagieren und ihre Ansichten „trotzdem“ vertreten.
  3. Gemäß der Realistic Conflict Theorie führen begrenzte Ressourcen, die umkämpft werden, bei den Kämpfern zu Vorurteilen. Das erklärt, warum der Original-Poster es befürwortet, wenn andere mit Vorurteilen auf die Unterstützung jener reagieren, die der gleichen Gruppe wie der des Täters angehören (Flüchtlinge). Aus seiner Sicht werden wohl Ressourcen unfair verteilt (zu viel an „die“, zu wenig an seinen Onkel) und daher sind rassistische Kommentare angenehm für ihn (erkennbar an seinem Like unter solchen Kommentaren).
  4. Gemäß der Theorie der aggressiven Hinweisreize (Berkowitz 1974) muss nur ein Objekt (welches symbolisch für Aggression steht) im gleichen Raum wie die Versuchsperson sein, damit die Versuchsperson aggressiver reagiert, im Vergleich zu Räumen ohne diesem Objekt (Beispiel: Räume mit und ohne Waffen). Wahrscheinlich ist der Effekt der gleiche bei Flüchtlingen. Ein Flüchtling steht bei Rassisten symbolisch für Aggression bzw. Bedrohung, und sobald er in eine Geschichte eingewickelt ist, in der er selber auch noch Täter ist (wie im Original Post), entsteht Fremdenfeindlichkeit und Ausländerhass. Dass seine Nationalität in der ganzen Geschichte völlig irrelevant sein könnte, wird nicht bedacht oder verdrängt.
  5. Gemäß der Terror-Management-Theorie (Greenberg, 1997) kann unter großer Vernichtungsangst verstärkt symbolisch in die eigene Kultur investiert werden – in der Hoffnung, dass „wenigstens“ die eigene Kultur weiter lebt und unsterblich ist. Und ähnlich, wie Kinder in Stresssituationen Kontakt zur Bezugsperson suchen, um wieder beruhigt zu werden, können Menschen in kollektiven Stresssituationen Kontakt zur eigenen Kultur suchen – daher nennt man es vielleicht auch „Vaterland“ (Vater = symbolische Bezugsperson). Engerer Kontakt zum eigenen Land vermittelt dann wohl unbewusst den Eindruck der Beruhigung und Sicherheit. Dass ein Erwachsener eigentlich keinen Vater und keine Mutter mehr braucht, um – in diesem Fall – mit Flüchtlingen „klar zu kommen“, wird wahrscheinlich nicht bedacht. Das Gefühl der Bedrohung oder Benachteiligung mag echt sein, die Quelle dessen aber falsch attribuiert (Quellenkonfusion – da wird mitunter der Fakt, dass der Täter ein Flüchtling war, damit gleichgesetzt, dass er jemanden verletzt hat – und so wird eine Abneigung gegenüber einem Einzeltäter extremisiert auf dessen ganze Nation). Allerdings würde ich der These zustimmen, dass gute Politiker gebraucht werden, um Verbrechen & Gewalt angemessen zu behandeln.

Grobe Lösungsansätze

Weil mein Post bis hierhin schon recht lang geraten ist, möchte ich mich auf nur zwei Lösungsansätze beschränken, die miteinander zusammenhängen. Bei Individuen behandelt man Ängste durch Konfrontation und Verhaltensänderung (kognitive Verhaltenstherapie) – die gleichen Strategien funktionieren auch auf kollektiver Ebene. Konfrontation (z.B. mit „anderen“ Flüchtlingen) kann schrittweise oder „volle Kanne“ gemacht werden, in der Vorstellung oder in der Realität (2×2 = 4 Möglichkeiten). Häufig mischt man, zumindest bei Arachnophobie (Angst vor Spinnen), beide Vorgehensweisen. Zuerst schrittweise sich dem angstauslösenden (oder Aggression auslösenden) Reiz stellen, imaginativ, dann „in echt“. Konfrontation bewirkt Verhaltensänderung und Desensibilisierung (die Angst geht runter) – wenn nicht, d.h. wenn Konfrontation mit Gewalt beantwortet wird, erledigt Polizei & Justiz meistens den Rest und das ist gut so.

Verhaltensänderung geschieht in Form von Vorschlägen oder Hausaufgaben, z.B. bewusst nach anderen Fällen innerhalb der gleichen Gruppe suchen. Das Problem an der Sache: Therapie hilft nur, wenn es jemand freiwillig machen will (bzw. unter niedriger exerner Rechtfertigung / eher intrinsischer Motivation). Rassismus ist nicht therapierbar in dem Sinne, dass Therapeuten es „wegmachen“ könnten oder wollten/sollten. Aber er ist veränderbar.

Es gibt natürlich noch x andere Strategien zur Verhaltens- / Einstellungs- / Denkmuster-Änderung (u.a. die Routen zur Persuasion nach Petty & Cacioppo; 6 Waffen der Einflussnahme nach Cialdini, Statistik-Kurse, Erzeugen von Empathie für Flüchtlinge, Unzufriedenheits-Induktion mit dem bisherigen Denken, damit Alternativen attraktiver werden, usw. usf.) aber hiermit soll es vorerst genug sein. 😉 

Quellen:

  • Aronson, E., D. Wilson, T. & Akert, M. Robin. (2008). Sozialpsychologie. München: Pearson Deutschland GmbH [Kapitel 3,4,6,7,9,12 & 13]
  • Kahneman, D. (2011). Thinking, fast and slow. Schnelles Denken, langsames Denken. (Vierte Auflage). München: Siedler Verlag.
  • Lilienfeld, S.O., Lynn, S.A., Ruscio, J. & Beyerstein, B.L. (2010). 50 Great Myths of Popular Psychology. UK: Wiley-Blackwell
  • Walter, E. Material der Sozialpsychologie-Vorlesung (I & II) der Uni Trier (2012 / 2013).

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