Methoden zur Dissonanzreduktion

By | 19. November 2014

Wenn man sich für eine Typologie der Dissonanzreduktionen interessiert, könnte man sie aus dem Internet abschreiben (aus Büchern etc.). Das mache ich nicht, weil ich stattdessen eigene Erlebnisse und Beobachtungen klassifizieren möchte.

Es geht um eine Standardsituation: Menschen haben eine Einstellung oder eine Theorie und werden (z.B. durch Diskussionen) mit Dingen konfrontiert, die mit denen nicht vereinbar sind. Die Betroffenen fühlen sich dann mitunter zur Einsicht oder zum Überdenken gezwungen und sie besitzen eine Reihe an Abwehrmechanismen (kognitive Dissonanz wird gespürt, aber eine Änderung wird oft  abgewehrt, z.B. werden mögliche Verhaltensänderungen vermieden). Diese Mechanismen führen i.d.R. zu beobachtbarem verbalem Verhalten zwischen zwei oder mehr Menschen.

Die Abwehrmechanismen, die dazu dienen, die eigene Sicht zu verteidigen (oder die Gegenseite zu verdrängen), sind sehr vielfältig. Ich habe sie mal in drei Gebiete eingeteilt: Kämpfen, flüchten und kooperieren (man merkt bestimmt, dass ich mir das von den klassischen Stresstheorien abgeschaut habe). Am besten kann man das wohl auf Diskussionsverhalten anwenden.

Kämpfen

  • mit Inhalten
  • mit Kommitment

Ich finde, Menschen kämpfen mit Hilfe von Inhalten, indem sie interessegeleitet konsonante Kognitionen hinzufügen – sie erwähnen z.B. selektiv Beispiele des eigenen Lebens, um authentischer zu wirken oder berufen sich auf Experten (welche auch gezielt ausgewählt wurden). Das sind Argumente wie z.B. „Rauchen schadet nur, wenn…“ (Dissonanz wird reduziert, indem das Unangenehme eingegrenzt wird und am besten noch vom eigenen Verhalten distanziert wird).

Nicht nur mit Inhalten wird argumentiert, sondern auch mit Emotionen. Ich habe oft beobachtet, wie Menschen ihr Kommitment steigern; sie haben keine neuen Argumente, verhalten sich dann eher emotional und hartnäckig, sind trotzig und glauben, dass der mit dem längeren Atem gewinnt; das Motto scheint zu sein, „Wenn du keine neuen Inhalte anbieten kannst, verstärke deine emotionale Überzeugung“. Das merke ich daran, dass sich Argumente wiederholen und immer hartnäckiger vertreten werden – statt dass inhaltlich neue Punkte geliefert werden. Natürlich kann so eine Strategie vernünftig sein. Aber meiner Meinung nach verpassen manche Menschen den Zeitpunkt, an dem ein Strategiewechsel (weg von den Emotionen, hin zu neuen Inhalten) angebracht wäre.

Flüchten

  • durch Abwertung
  • Ablenkung
  • Verzerrung

Beim Flüchten und Ausweichen gibt’s ne Menge an interessanten Taktiken. Man erklärt ein Argument für irrelevant, z.B. weil es in der eigenen Erlebniswelt bisher nie vorkam („Hab ich noch nie gehört“ oder „Kenn ich nicht, gibt’s auch nicht“ Mentalität). Man ignoriert, verdrängt oder verleugnet Argumente – wobei es natürlich einen Unterschied macht, ob jemand aufgrund negativer Erfahrung so spricht oder aufgrund fehlender Erfahrung; bei Negativer könnte es sich um Verdrängung handeln, bei Fehlender könnte es sich um Unwissen handeln.

Auch das Ablenken bietet viel. Manche Menschen errichten z.B. gerne thematische Nebenkriegsschauplätze; versuchten durch allgemeinere-abstraktere Themen vom spezifischen Thema abzulenken (aus den ehemaligen 68ern wurde z.B. irgendwann das Thema „war früher nicht alles besser“, welches viel allgemeiner ist). Auch zurückwerfen und zurückbeschuldigen ist sehr beliebt. Manche haben dann auch Unterstellungen in Fragesätzen untergebracht („meinst du nicht, dass du so wenig Freunde hast, weil“) oder die Fakten verzerrt (Negatives herunter gespielt, verharmlost oder andere Dinge aufgeblasen). Von diesen Manövern gibt’s noch mehr, aber ich belasse es mal dabei.

Die klassische Form der Flucht ist immer noch der Rückzug, der Ausstieg oder das sich-Verschließen gegenüber dem Thema (aufgeben, kapitulieren, keine Lust mehr haben, nicht mehr mitspielen). Von Seiten der Diskussionsfreudigen kann das eine Enttäuschung sein (im Extremfall als „feige Flucht“ wahrgenommen werden). Von Seiten der Diskussionsmüden kann das ein Selbstschutz sein („der tut mir nicht gut“) oder eine Sanktion („das war einfach nicht OK und deswegen mach ich nicht mehr mit“).

Kooperation

  • durch Kompromisse
  • durch einvernehmliche Uneinigkeit

Hier gibt es wohl zwei Möglichkeiten: Man findet entweder einen Kompromiss (These, Antithese und dann Synthese). Oder man einigt sich auf Uneinigkeit (Parteien bleiben bei ihren Einstellungen). Das stille, implizite „Gutseinlassen“ favorisiere ich, weil es am friedlichsten ausgeht. Dabei entscheidet eben jeder Mensch selbst, welche Prioritäten er hat (Frieden steht nicht bei jedem oben, manchmal sogar überraschend weit unten).

Was haltet ihr von so einer Klassifikation?

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