Lautes Telefonieren in Bus und Bahn

By | 30. August 2014

Ich denke, jeder hat im Alltag schon einmal Menschen beobachtet, die ungewöhnlich laut telefonieren. „Ungewöhnlich“ heißt so viel wie lauter als man selbst, als sie selber, oder so laut, dass es viele im Umkreis kaum ausblenden können oder eben mitkriegen. Ich fragte mich als Psychologe natürlich, warum? Warum reden die so laut?

Das kann ich jetzt internal auf mich selbst attribuieren (ich bin überempfindlich, überaufmerksam und allen anderen fällt’s gar nicht auf) oder internal in dem Anderen (irgendwas in denen verursacht ihr lautes Reden). Auch external ist möglich (die Situation steuert das Verhalten der Telefonierenden). Ich entscheide mich mal für eine fremd-internale Attribution und begrenze meine Warum-Frage nur auf diesen Kontext: telefonieren im ÖPNV.

Bisher sind mir vier Gründe eingefallen. Ich beginne mit den schlechtesten (oder den „unpsychologischen“).

1) Akustik
Deren Handy ist so leise, oder die Umgebung so laut, dass sie laut reden müssen, weil sie sonst nicht verstanden werden. Lautes Reden zwecks Übertönung.

2) Unbewusst
Die merken gar nicht, dass sie relativ laut reden, z.B. weil sie ihre Aufmerksamkeit voll dem Gegenüber widmen (und der Umgebung gar nicht). Plausibel ist vielleicht eine kognitive Auslastung und/oder ein fehlendes Bewusstsein (fehlende Lust, sich anders zu verhalten, etc.).

3) Demonstration
Manchmal höre ich Trierer Teenager laut reden oder telefonieren. Das wirkt dann ein bisschen aufmüpfig, nach dem Motto „Ich muss laut und ungestüm sein, um meine Identität zu entwickeln“ oder auch ein demonstratives „sehr her, was ich Interessantes zu berichten habe!“

4) Nervosität & Abwehr
Menschen telefonieren vielleicht eher in ihrer Privatsphäre als im ÖPNV, wenn sie die Wahl haben. Im Zug oder Bus zu telefonieren, löst bei manchen evtl. Nervosität aus, weil sie sich von den anderen beobachtet fühlen. Statt leiser zu reden, um weniger beachtet zu werden, reden dann manche vielleicht lauter. Lautes Reden aus Nervenkitzel heraus. Oder auch als Abwehrreaktion; eigentlich möchte man in der Öffentlichkeit nicht negativ auffallen, versucht es zu verdrängen (schweigen), aber das geht nicht, denn man muss ja was sagen. Wenn die Abwehr nach hinten nicht geht (schweigen oder leise reden), dann kippt sie vielleicht nach „vorne“ (man redet lauter als sonst, um sich selbst wenigstens zu zeigen: Man hat alles unter Kontrolle). Vielleicht ist das Gefühl der Kontrolle ein Knackpunkt.

Fallen euch noch andere Gründe ein?

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