Kommunikation vs. Manipulation

By | 17. Oktober 2014

Ich habe mir die Frage gestellt, ob kommunizieren ohne manipulieren eigentlich möglich ist, bzw. wo die Grenze zwischen den beiden Verhaltensweisen verläuft. Ich denke, diese zwei Themen sind typisch für Alltagsgespräche.

Teil I: Thesen & Syllogismen

Man könnte z.B. mit so einem Syllogismus argumentieren:

  • Prämisse 1: (Watzlawik Axiom) Man kann nicht nicht kommunizieren.
  • Prämisse 2: Manipulieren könnte das gleiche sein wie kommunizieren.
  • Konklusion: Also kann man vielleicht nicht nicht manipulieren.

Oder auch so:

  • Prämisse 1: Nur Kommunikation, die frei von Eigeninteresse und Hintergedanken ist, ist keine  Manipulation.
  • Prämisse 2: Es gibt in jeder Kommunikation unbewusste Eigeninteressen und Hintergedanken.
  • Konklusion(en): Es kann keine „reine“ Kommunikation geben; alle Kommunikation ist auch immer Manipulation.

Ich habe im ersten Syllogismus extra die Worte „könnte“ und „vielleicht“ benutzt, weil ich an einer völligen Gleichsetzung der Begriffe zweifle. Für mich liegen die beiden Konzepte oder Verhaltensweisen eigentlich deutlich auseinander und mein Ziel ist, zu zeigen, warum oder wann.

Ich stelle Thesen auf und bin gespannt, wie sie andere bewerten.

Manipulation erkennt man im Gegensatz zur gewöhnlichen Kommunikation an:

  1. Zielen, Zwecken, Absichten, die verborgen, unhinterfragt, unbehelligt bleiben sollen,
  2. Zielen, Zwecken, Absichten, die deutlich den Interessen einer Person dienen, nicht aber (oder nur wenig) den Interessen der Empfänger (Opfer),
  3. Zielen, Zwecken, Absichten, die den Empfängern der Manipulation nicht bewusst sein sollen,
  4. Zielen, Zwecken, Absichten, die bei Offenlegung meist mit weiteren manipulativen Mitteln vehement verteidigt werden (z.B. Angst und Druck machen, mit Unterstellungen, Übertreibungen und Anklagen den Anderen einschüchtern usw.)

Je mehr ich darüber nachdenke, desto eher komme ich zu dem Schluss, dass Manipulation eher negative Beeinflussung auf Kosten eines Opfers ist, während reine Kommunikation auch problemlos auf einer Augenhöhe und gewaltfrei stattfinden kann.

  • Prämisse 1: (Extremvariante) Alle Hintergedanken sind moralisch verwerflich.
  • Prämisse 2: In jeder Kommunikation gibt es mindestens unbewusste Hintergedanken.
  • Konklusion: In jeder Kommunikation gibt es etwas moralisch Verwerfliches.

Das kontert man, indem man selbstwertschützende, gesunde Hintergedanken von manipulativ-aggressiven Hintergedanken unterscheidet. Die meisten Menschen wissen intuitiv, wann etwas noch vertretbar ist (gesunder Egoismus) und wann nicht mehr. Ich glaube jedenfalls, dass das Vorhandensein von unbewussten Hintergedanken nicht sofort zu Extremurteilen führen muss. Prämisse 1 kann man anzweifeln, weil es dann ja auch moralisch verwerflich wäre, sich mit lauteren Mitteln selbst zu verteidigen, und das ist unlogisch. Nicht alle Hintergedanken sind verwerflich.

Ein Grenzfall, wo es sich meiner Meinung nach noch nicht, aber schon so halb um Manipulation handelte, war dieser hier:

  • Psychotherapie: Ich habe von tiefenpsychologischen Therapeuten gehört, die praktisch bei allen Patienten als erstes in der Kindheit nach Erklärungen suchen und diese dann so präsentieren, als wären es Fakten. Es werden keine „Unsicherheitsmarker“ verwendet, d.h. kein Konjunktiv („könnte“) sondern Indikativ („ist“), und Wörter wie „vielleicht“, „möglicherweise“ u.Ä. werden nicht verwendet. Es ist grenzwertig, weil man sich in solchen Situationen schon gesteuert fühlen könnte, auch wenn es weniger zu Kosten von einem selbst geht. Und es ist fraglich, warum der Therapeut so sicher wirkt bzw. sich so sicher präsentiert, obwohl er den Patienten noch nie gesehen hat. In unsicheren Patienten mag es eine Schein-Sicherheit erzeugen; in skeptischen Personen wohl eher Misstrauen und Widerstand. Ich würde allein der Realitätsnähe zuliebe Unsicherheitsmarker verwenden; alles andere wirkt, als wüsste der Therapeut schon alles und das ist, nun ja, anmaßend.

 

Teil II: Beziehung zwischen K und M

Sollte Manipulation ein „Extrempol“ eines Kontinuums sein, also so aussehen?

Bild 1:

KoManip_1

Bild 1 würde Folgendes implizieren:

  1. Es gibt so etwas wie reine Kommunikation ohne M
  2. Es gibt so etwas wie reine Manipulation ohne K
  3. Es scheint leichter zu sein, sich ins Manipulative reinzusteigern, als umgekehrt.

Behauptung Nr 2 erscheint mir sehr unlogisch, daher plädiere ich eher für die andere Variante; es sollte ineinander verschachtelt konzipiert werden:

Bild 2:

KoManip_2

Bild 2 impliziert Folgendes:

  1. Alle manipulativen Manöver (M) sind auch kommunikative Manöver.
  2. Nicht alle kommunikativen Manöver (K) sind eindeutig manipulativ.
  3. Es gibt Grenzfälle (G), die manipulative Züge tragen, aber dennoch mehr oder weniger legitim sind.
  4. Manipulation ist ein spezieller Fall eines übergeordneten Konzepts namens Kommunikation.

Es gibt auch Menschen, die das Ganze so konzipieren:

Bild 3:

KoManip_3

Bild 3 impliziert Folgendes:

  1. Es gibt praktisch nur Manipulation; „Man kann nicht nicht manipulieren.“
  2. Es gibt keine Grenzfälle.
  3. Ein schwarz-weißes Weltbild (?) oder auch ein düsteres Weltbild.

Ich finde Bild 2 bisher am treffendsten. Deswegen erweitere ich es mal:

Bild 4:

KoManip_4

Was denkt ihr über all das?

2 thoughts on “Kommunikation vs. Manipulation

  1. Manuel

    Hallo Lea
    Bin heute auf dein Artikel gestossen. Ich weiss es ist schon einige Zeit vergangen aber über dieses Thema wird wahrscheinlich in 100 Jahren noch gestritten.
    Siehst du es ein paar Jahre später immer noch so? Machst du hier nicht die Prämisse: Manipulation immer negativ? Manipulieren heisst ja im Wesen nichts anderes als handhaben, bedienen. Wollen wir nicht mit jedem Wort etwas erreichen, ohne negative Absichten oder Täuschung?
    Deine Gedanken dazu würden mich interessieren.
    LG
    Manuel

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    1. Anonymous

      Hallo Manuel,
      Ja, so, wie es hier steht, sehe ich es immer noch. Mittlerweile habe ich einige Bücher gelesen, in denen Manipulation ähnlich negativ definiert wird. Es ist schwierig, eine Grenze zur “normalen“ Kommunikation zu ziehen. Dennoch gibt es Unterschiede.
      Die wichtigsten Aspekte sind für mich das Unbewusste (Opfer merken oft nicht, wie sie gesteuert werden), das Asoziale (Manipulation zielt normalerweise auf das Schädigen ab), das Einseitige (Manipulation soll normalerweise einen bevorteilen, und den Anderen benachteiligen) und das Unscharfe (Manipulatoren nehmen es mit der Wahrheit oder den Fakten oft nicht genau, oder verdrehen es so, dass sie immer fein raus sind, gerne auch selber ein armes Opfer sind, was aber meistens krass falsch ist).
      Psychotherapie ist nach diesen groben Anhaltspunkten selten bis nie manipulativ, z.B. weil es gar nicht darum geht, dass einer nen Vorteil hat und der Andere nicht…
      LG und danke für deinen Kommentar. :)

      Reply

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