Ist Lügen legitim?

By | 15. Oktober 2014

(Eine versuchte „Differentialdiagnostik“)

Solch ein Titel verführt natürlich zu Pauschal-Antworten. „Ja, ist es“ oder „nein, ist es nicht“. Was ich aber machen möchte, ist eine differenzierte Betrachtung: Um welches Lügen geht es? Warum oder wozu wird gelogen? Kann Lügen zu einem allgemeinen Gesetz erhoben werden (Kant)? Diese Fragen versuche ich zu beantworten.

Um welches Lügen geht es?

Man kann sich erst einmal vergegenwärtigen, dass es verschiedene Arten gibt zu lügen. Wie definiert man „lügen“ überhaupt? Paul Ekman (ein Emotionspsychologe) unterscheidet zwischen „verschweigen“ und „Falschaussagen“. Ich würde das Verschweigen eigentlich nicht als lügen bezeichnen, sondern eher als Geheimhaltung, Privatssphäre, Zurückhaltung (Höflichkeit).

Jedenfalls scheint es beim Lügen ein Kontinuum zu geben: Das eine Extrem, nach Ekman, wäre komplettes, chronisches (Ver)Schweigen, das andere Extrem wäre norotisches, ständiges Lügen, wo jemand dauernd falsche Dinge behauptet. Zwischen diesen Polen gibt es wohl noch Mischformen, z.B. Tatsachen beschönigen, schön reden (sich selbst täuschen), Höflichkeit und Zurückhaltung. Es gibt unterschiedliche Gründe, warum Menschen lügen. Durch Denken fielen mir 4 davon ein. Punkt 5 (s.u.) ist weniger direkt zusammenhängend mit den anderen 4.

Warum oder wozu wird gelogen?

1) soziale Erwünschtheit:

Man zielt als sozialisierter, netter Mensch eher auf Frieden, Harmonie, Stressvermeidung, Rücksicht, Mitgefühl, Empathie und Sanftmut ab. Das erreicht man, indem man Dinge nicht knallhart sagt, sondern vorsichtig und teilweise geschönt. Die Wahrheit direkt und ungeschönt zu entblößen, kann außerdem zu einem unfreiwilligen Stresstest (des Gegenübers) ausarten. Verkraftet jemand die Wahrheit oder gibt es schlimmen Streit? Professor Dumbledore (aus Harry Potter) sagte irgendwann mal, „die Wahrheit ist etwas Schönes und ungeheuer Zerstörerisches zugleich…“ Seine Mitmenschen vor dieser Zerstörungswut zu schützen, ist ja durchaus vertretbar. Der Ton macht die Musik… Fernsehfiguren, z.B. Dr. House, üben aber aufgrund ihrer knallharten Ehrlichkeit wohl Faszination aus: Wer sich nie zurückhält, wirkt frei und ungehemmt. Aber es ist fraglich: Sollte man sich nach einer Freiheit sehnen, die die Verletzung von Mitmenschen zum Preis haben kann? Man läuft Gefahr, solche eine Freiheit mit sozialer Isolation zu verwechseln (sofern man es denn schafft, durch gnadenloses Wahrheitssagen regelmäßig andere Leute zu vergraulen und sich dadurch selbst zu isolieren).

Lügen also, um sozial erwünscht bzw. verträglich zu sein. Das finde ich legitim.

2) soziale Distanz:

Wer lügt, stellt wohl innerlich eine gewisse Distanz zum Gegenüber her. Die Wahrheit zu offenbaren, kann etwas Intimes haben, das Mut und Vertrauen erfordert; man zeigt sich „nackt“. Das kann man als Geschenk auslegen, und dieses Geschenk hat wohl nicht jeder verdient (bzw. nicht jeder „steckt es weg“). Hier handelt es sich natürlich nur um solche Wahrheiten, die heikel sind und normalerweise vor der breiten Masse (oder vor bestimmten Leuten) verborgen werden. In der Öffentlichkeit läuft man schließlich auch nicht nackt herum… Ausgenommen sind hier Wahrheiten, die als verträglich und unproblematisch gelten. Das hat wahlweise eine Gesellschaft definiert, oder (auch) ein Individuum für sich. Beispiel: Homosexuelle Menschen gehen manchmal sehr offen mit ihrer Orientierung um, oder Menschen mit Diagnosen, oder einfach Menschen, die mit sich selbst so im Reinen sind, das sie es nicht nötig haben, bestimmte Dinge zu verbergen. Die Distanz beim Geheimhalten dient jedenfalls einem gesunden und legitimen Selbstschutz, meiner Meinung nach.

Kurz: Lügen und Verbergen, um soziale Distanz zu wahren.

3) Interessen durchsetzen:

Hierunter fallen sämtliche Falschaussagen, die zum Zweck der Manipulation von Menschen getätigt werden. Man kann hier wieder schlecht Pauschal-Urteile bilden und sagen, Menschen manipulieren ist immer und überall schlecht. Denn schwierig wird es schon am Anfang: wie definiert man „manipulieren“? Watzlawik würde vielleicht sogar sagen: man kann nicht nicht manipulieren. Jedenfalls: Wenn jemand bewusst und absichtlich einen Menschen manipuliert, ist es nur legitim, wenn das früher oder später dem Betroffenen offenbart wird und wenn es (in der Absicht und idealerweise auch in der Konsequenz) positiv vom Betroffenen erlebt wurde. Spätestens dann, wenn es offenbart wurde, muss gegenseitiges Einverständnis der Beteiligten gesichert sein – sonst hat man Menschen gegen ihren Willen gesteuert und im Extremfall Machtmissbrauch betrieben. (Natürlich ist es auch genauso möglich, dass das „Opfer“ den Manipulationsversuch selbst entdeckt.) Die Grenzen zwischen legitim und illegitim sind aber schwer zu ziehen. „Eindeutigere Fälle“, meiner Meinung nach, sind u.a. im Bereich Attraktivität, Partnerwahl und Politik zu finden. Wer Falschaussagen macht, um Menschen anzuziehen, handelt fragwürdig. Warum ist man nicht einfach von Anfang an ehrlich (in dem Sinne, sich einfach keine Falschaussagen zu leisten)? Zu Politik: Wer vor den Wahlen Versprechungen macht und sie später nicht einhält oder teilweise das Gegenteil tut, handelt auch fragwürdig.

4) Vertrauen brechen

Ungünstig ist, wenn explizit Versprechungen gemacht wurden, die später gebrochen werden. Wenn man mit bestimmten Aussagen Vertrauen aufbaut und seine Zuverlässigkeit aufs Spiel setzt, muss dann auch aushalten können, durch Zuwiderhandeln Vertrauen und Zuverlässigkeit zu verlieren. Andererseits wäre es übertrieben, nach einem Fehltritt (bzw. nach seltenen Fehltritten) sofort alles Vertrauen aufzugeben. Je länger man die Menschen kennt, die das machen, desto eher verzeiht man das auch. Manchmal ist es nicht nur so, dass Vertrauen gebrochen wird, sondern auch, dass falsches Vertrauen vielleicht von vorneherein aufgebaut wurde – für welchen Zweck auch immer.

5) Verzweiflung verbergen

Dieser Punkt gehört auch zum Thema Lügen, aber er ist ein wenig abseits der anderen Punkte. Paul Ekman, bzw. Cal Lightman (aus der Serie „Lie to me“) haben eine Geschichte:

Eine Psychotherapie-Patientin erzählt, dass es ihr besser ginge und sie sich z.B. freut, ihre Familie wieder zu sehen. Sie lächelt viel und betont, wie gut es ihr geht. Was in dem Moment keiner weiß: Sie lügt. Sie hat immer noch schwere Depressionen. Das merkt tragischerweise niemand, weil zu dem Zeitpunkt offenbar Mikro-Ausdrücke noch nicht bekannt waren (Mikro-Ausdrücke sind winzige Entgleisungen im Gesichtsausdruck und in der Gestik, die den wahren Gefühlszustand offenbaren; man muss normalerweise extra trainieren, um diese sehen zu können). Das heißt also, niemand kann „sehen“, wie schlecht es ihr wirklich geht. Nach der Entlassung aus der Klinik hat sie sich das Leben genommen.

Dieser Mensch hat gelogen – was macht man mit so einer Erfahrung? Ich kann mir hier kein ethisches Urteil erlauben, weil ich es unangebracht finde, mit Moral zu argumentieren. Zudem passt es nicht in eine der anderen Kategorien: Diese Frau wollte wahrscheinlich gar nicht sozial erwünscht sein oder sozial distanziert, hat zwar Vertrauen induziert und es später in ihrem Interesse „gebrochen“, aber es passt schlichtweg nicht in die Kategorie „moralischer Fehltritt“, sondern eher „Tragik“. Ich empfinde da Mitleid und keine Empörung.

Kann Lügen zu einem allgemeinen Gesetz erhoben werden (Kant)?

Gibt es Prinzipien, die das Lügen verallgemeinerbar machen? Ich finde, jeder hat ein Recht auf soziale Verträglichkeit und soziale Distanz, daher halte ich ein Verschweigen und Beschönigen für generalisierbar. Menschen dieses Recht als Laster auszulegen oder eine Wahrheitspflicht zum Ideal zu erheben, halte ich nicht für allgemein haltbar – es ist einfach zu rücksichtslos und zu riskant, d.h. die Konsequenzen einer radikalen Wahrheitshaltung werden nicht berücksichtigt.

Tiefenpsychologisch betrachtet, deutet „chronisches Wahrheitsssagen“ vielleicht sogar auf eine psychische Abwehrreaktion hin: Wenn sich jemand zwingt, immer die volle Wahrheit zu sagen (gegen seine eigene natürliche Neigung), dann könnte es ja sein, dass er unbewusst Angst davor hat oder sein eigenes Lügen ablehnt und moralisch verdammt. Das erzeugt Spannung, und um diese zu reduzieren, wird das inakzeptable Verhalten verdrängt und überkompensiert – daher das übertriebene (übertrieben offensichtliche, darstellerische) Wahrheitssagen. „Seht her! Ich sage immer die Wahrheit! Ich bin ein guter Mensch! Akzeptiert mich bitte!“ Innerlich gelassen ist so ein Mensch wahrscheinlich nicht; er ist angespannt, weil er ja jene Teile von sich, die er nicht akzeptiert (Lügen) immer unterdrücken und ersetzen muss… (Als ich diesen Abschnitt geschrieben habe, hatte ich Eli Loker aus der Serie „Lie to me“ im Hinterkopf.)

Seelenfrieden wird er wohl solange nicht erreichen, wie er inakzeptable Teile der Psyche abwehrt. Möglicherweise besteht „Heilung“ dann darin, es zu akzeptieren bzw. das Über-Ich zu beruhigen. Idealerweise tritt bei erfolgreicher Heilung dann eine friedliche Gelassenheit ein; man spaltet sich innerlich nicht in „kämpfende Parteien“ auf (Über-Ich, Ich und Es), sondern in friedlich koexistierende, und kooperierende persönliche Seiten. Als hätte man einen Nachbarschaftskrieg beendet (und sich sogar mit ihnen angefreundet). Innerlichen Krieg zu beenden hat ja was Gutes an sich. (Es sollte plausibel sein, dass jemand chronisch die Wahrheit sagt, weil er bestimmte Anteile in sich selbst ablehnt und nicht weil er andere Gründe hat.)

Um zur Ausgangsfrage noch einmal zurückzukommen: Wenn ein chronisches Wahrheitssagen zu rücksichtslos ist, könnte man ja daraus schließen, dass gelegentliches Lügen vertretbar ist (vielleicht tendenziell eher das „weiche Lügen“ im Sinne des Verschweigens statt „hartes Lügen“ im Sinne der Falschaussagen).

Kurz: Ja, Lügen könnte (unter gewissen Einschränkungen) wohl zum ethischen Gesetz erhoben werden.

Fazit:

  • Legitime Gründe fürs Lügen sind meiner Meinung nach das Wahren von sozialer Erwünschtheit und sozialer Distanz.
  • Illegitime Gründe sind bewusstes, gezieltes, auf Kosten Anderer durchgeführtes Manipulieren und Vertrauensbrüche.
  • Weitere Gründe fürs Lügen sind bspw. starke Verzweiflung, welche sich wohl einer moralischen Wertung entziehen.

Was denkt ihr darüber?

(Indirekte) Quellen:

Ekman, Paul. Telling Lies.

Ekman, Paul. Emotions revealed.

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