Freundschaft vs. Therapiebeziehung

By | 22. September 2014

Manchmal heißt es ja, die Beziehung zu einem Psychotherapeuten ähnele einer Freundschaft. Oder das Vorurteil, „wer Freunde hat, braucht keinen Therapeuten“. Damit hängt auch ein weiteres Vorurteil zusammen: dass sich viele Patienten in ihren Therapeuten verlieben würden. Darüber möchte ich diesmal schreiben :-)

Die ersten beiden Behauptungen kann man untersuchen, indem man eine Psychotherapeuten-Beziehung mit einer Freundschaftsbeziehung vergleicht, denke ich. Das letzte Vorurteil muss man dann isoliert betrachten.

Worin liegen Ähnlichkeiten und Unterschiede in diesen Beziehungsformen?

Die Ähnlichkeiten:

  • Vertrautheit: Sowohl Freunden als auch Therapeuten kann man sich anvertrauen und private Dinge erzählen.
  • Verlässlichkeit: Man kann sich auf Freunde verlassen (z.B. was sie einem versprechen) und eigentlich auch auf Therapeuten (Schweigepflicht, bewahrt Geheimnisse).
  • Nähe und Sympathie: Freunden und Therapeuten gegenüber empfindet man positive Emotionen (sonst würde man kaum zur Therapie gehen). Man mag sich gegenseitig.
  • Offenheit und Ehrlichkeit: Man kann sich gegenseitig offen und ehrlich sagen, was man denkt. Dabei ist man aber (normalerweise) rücksichtsvoll und einfühlsam.
  • Wertschätzung: Der Therapeut bzw. Freunde wertschätzen sich gegenseitig.
  • Verständnis: Idealerweise wird man von Freunden und von Therapeuten gut verstanden.

Die Unterschiede:

  • Zeitpunkte und Zeitdauer von therapeutischen Sitzungen: ist eher fest als variierend und meist 1 Stunde pro Sitzung (45-50 Minuten).
  • Ort der Sitzungen: oft der gleiche (nicht immer, je nach Auftrag).
  • Therapie kostet Geld, Freundschaft nicht. Krankenkassen sind involviert.
  • Klare Rollenverteilung: Der eine ist immer der Therapeut, der andere immer der Patient. In Freundschaften können sich (diese und andere) Rollen abwechseln.
  • Es gibt einen Arbeitsauftrag in der Therapie. Es ist ein Arbeitsverhältnis, deswegen stehen therapeutische Aspekte im Vordergrund.
  • Aushalten von Emotionen: Therapeuten müssen starke Emotionen aushalten können. Freunde haben nicht diese (berufliche) Pflicht und dürfen sich distanzieren.
  • Hierarchie: Zwischen Freunden gibt es wohl nicht unbedingt Hierarchien, aber bei Therapie (mehr oder weniger spürbar) schon: die Kompetenz und Professionalität auf Seiten des Therapeuten ist tendenziell höher.
  • Ziel und Zweck des Zusammenseins: die Psyche zu verbessern (Verhalten, Erleben, Emotionen, …)
  • Partei: Ein Therapeut sollte unparteiisch handeln (niemanden direkt bewerten o.Ä.), Freunde aber ergreifen durchaus Partei (und verurteilen z.B. Menschen, die ihre Freunde verletzt haben)

Man kann feststellen: Es gibt mindestens 6 Gemeinsamkeiten, und mindestens 9 Unterschiede. Denkbar ist auch, dass das ein Kontinuum ist; manche Freundschaften ähneln einer Therapiebeziehung (und umgekehrt). Das eine Ende des Kontinuums wäre dann vielleicht als „chronisch komplementäre Bindung“ zu beschreiben (z.B. einer hilft immer, der andere empfängt immer) und das andere Extrem wäre vielleicht eine „chronisch symmetrische Bindung“ (der eine spiegelt immer exakt das, was der andere sendet).

Freunde können einen Therapeuten nicht ersetzen, weil sie:

  1. …Belastungsgrenzen haben und das Recht darauf haben, Nein zu sagen
  2. …sich möglicherweise nicht so gut mit der Psyche auskennen wie jemand, der seit Jahren nichts anderes untersucht.
  3. …nicht die Aufgabe haben, ihre Freunde zu therapieren – das ist der Job von Psychotherapeuten.
  4. …persönlich involviert sind und eher weniger professionelle Distanz haben (sie tendieren auch zu Beschützerinstinkten und beurteilen eine Lage wohl weniger objektiv als ein Psychotherapeut, der ein Außenstehender ist).

Nun zum Thema Verliebtheit:

Ich habe irgendwo mal gelesen, dass man das Verlieben der Patienten nicht mit anderem Verliebtsein verwechseln sollte, weil es anders ist. Es kann z.B. sein, dass der Therapeut der erste und einzige Mensch ist, der dem Patienten richtig zuhört und sich für sein Befinden interessiert. Bei dieser „Konkurrenzlosigkeit“ ist der Therapeut in seiner Wirkung unangefochten und erreicht allein deshalb vielleicht die emotionale Spitze des Patienten. Kurz, Liebe aufgrund seines Monopols. Es könnte auch Liebe aufgrund von Vertrautheit sein; wenn man jemanden sympathisch findet und dann auch noch viermal die Woche sieht (bei tiefenpsychologischen oder psychoanalytischen Behandlungen), kann es sein, dass das Entwicklungen anstößt. Wenn Therapeuten merken, dass ein Patient in sie verliebt ist, gibt es die Möglichkeit, das kurz und nüchtern anzusprechen. Ein Grund für Therapieabbruch ist das aber eher nicht, denke ich (im Gegenteil, vielleicht fördert das sogar die Gesundung des Patienten). Es sei denn, ein Klient bringt unrealistische feste Erwartungen mit…

Zusammenfassend kann man wohl sagen: Auch wenn therapeutische Beziehungen einer Freundschaft ähnlich sind, gibt es fast mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten. Liebesbeziehungen sind wieder etwas Anderes.

Kennt ihr weitere Gemeinsamkeiten oder Unterschiede zwischen freundschaftlichen und therapeutischen Beziehungen?

4 thoughts on “Freundschaft vs. Therapiebeziehung

  1. Paula

    Hallo Lea,
    zunächst möchte ich mich für Deine, dankenswerter Weise offene Antwort danken.
    Möglicherweise gelang es mir nicht gut, den eigentlichen Charakter unserer Beziehung zu beschreiben….
    Die von Dir beschriebene Kollusion mag in der Tat vorliegen, wenn auch nicht durchgängig und starr. Natürlich gab es zwischenzeitlich eine Beendigung der Therapie und wir gingen unserer Wege. Erst nach einiger Zeit (ca.3,5 Jahre) meldete ich mich, aus gegebenen Anlass, wieder bei ihr. Wir, Sie mittlerweile in Rente, sehen uns unregelmäßig, wobei dies nicht mit einer akuten Behandlungsproblematik verbunden ist. Vielmehr geht es mir um ihre Präsenz in meinem Leben, welche ich nicht missen möchte. Unsere Gespräche dienen mir zum Austausch über meinen Alltag (auch berufliche Inhalte) und Sie in gewisser Weise auch als moralische Instanz. Natürlich genieße ich die Zugewandheit und das spürbare Interesse Ihrerseits, was ist daran nicht akzeptabel?
    SInd denn nicht alle Beziehungen mit einem Nutzen (definiert oder auch nicht definiert) verbunden? Der allseits beschriebene Altruismus ist mir jedenfalls noch nie begegnet.
    Was auch immer ihr „Nutzen“ dabei darstellt, und auch wenn der Ursprung unserer Beziehung für Bedenken sorgt, so wird dabei unterschätzt, dass wir Beide voneinander unabhängige, im Leben stehende Menschen sind und der Schutz unserer jeweiligen Privatsphäre durchaus ein gegenseitig gut beachteter und respektierter Raum ist.
    Was sagen andere Menschen……? Mein Bedürfnis, meine Beziehungen zum Gegenstand von Einschätzungen zu machen hält sich in Grenzen. Und so antwortete ich auf Deinen Blog, weil ich mich von Deiner Fragestellung angesprochen fühlte.(Gemeinsamkeiten vs. Unterschiede zwischen freundschaftlichen und therapeutischen Beziehungen).
    Ein weiterer, mir nahe stehender Mensch beschreibt im Wissen um diese Beziehung in seiner Einschätzung, das diese Beziehung in ihrem Wesen durchaus etwas Wertvolles darstellt, läßt sie es doch zu, sich in einen ehrlichen zugewandten Gedankenaustausch zu begeben.

    In Beachtung, das menschliche Beziehungen, nach meinem Dafürhalten, nie den Anspruch an Klarheit erfüllen den wir Menschen für uns anstreben, läßt es mich gut aushalten, keinen Namen oder Titel für diese Beziehung zu haben. Ich suche keinen Begriff, keine äußerliche Form. Den Wert einer Beziehung mit Begriffen zu besetzen erscheint mir zutiefst menschlich aber im unmittelbaren Kontakt anspruchsbildend und damit eher problematisch.
    Auch wenn der Klient um die Möglichkeiten und Grenzen, orientiert an den Kriterien innerhalb einer Therapie weiß, so hilft ihm dies ja nicht, möglicherweise aufkommende Gefühle zu vermeiden. Er folgt zutiefst menschlichen Bedürfnissen und diese können bewältigt und eingeordnet werden. Um erneut in seinem Leben einen wichtigen Raum einzunehmen. Den nach Zugewandheit und Interesse an seiner Person – verbunden mit dem Interesse an seinem Gegenüber….

    Verzeih die Länge des Kommentars – ich find´s nur grad spannend sich darüber auszutauschen, auch wenn die Meinungen hier vielleicht auseinander gehen. Ist es nicht das was uns ausmacht? Dies und die Fähigkeit, sich unter Achtung des eigenen Raumes aneinander zu interessieren?

    LG Paula

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    1. Lea Fuhs Post author

      Hallo Paula,
      Ich habe nochmal darüber nachgedacht und sehe eine Freundschaft nicht mehr ganz so „negativ“. In einem Forum meinten andere Kollegen, dass sich ein Therapeut vor einer Freundschaft mit Patienten nicht zu fürchten braucht. Und, dass zwei Erwachsene durchaus doch machen könnten, was sie wollen, solange Gesetze und Wohlergehen aller Beteiligten geschützt bleiben. Übrig bleibt bei mir dann „nur noch“ ein mulmiges Bauchgefühl und eine ethische Norm, bzw. eine nach wie vor nicht voll ausgebaute Wissensgrundlage (über spezielle Gesetze, Paragraphen oder Ähnliches). Kurz gesagt bedeutet das, dass sich meine Meinung abgemildert hat, aber immer noch eher kontra Freundschaft ist.
      Ich kann über deine Lage nicht (nicht mehr) urteilen, bzw. merke einfach nur, dass ich wahrscheinlich keine Freundschaft mit (m)einem Therapeuten aufbauen könnte. Und, dass ich mich nicht wohl fühlen würde, wenn wir uns gegenseitig siezen. Ich hätte deswegen auch den Drang, andere um eine Meinung zu fragen, was sie davon halten (also, Freunde fragen, was sie darüber denken).
      Ja, ich denke auch, dass aufkommende Gefühle nicht vermeidbar sind (bzw man sollte sie nicht vermeiden, das wäre seelisch nicht gesund). Mir geht es eher um Handlungen. Eine sexuelle Beziehung zwischen Therapeut/in und Ex-Patient/in wäre beispielsweise generell verboten. Aber ein interessiertes Zusammensein – warum nicht… Das entscheiden am besten die Beteiligten. Ich würde nur achtsam bleiben für die eigenen Gefühle. Es wäre ja z.B. nicht schön, ohne diese Unterstützung Ängste und anderes nicht mehr bewältigen zu können. Oder, wenn man sich komisch fühlt wegen der Unklarheit, und sich selbst dann ablenkt mit den Worten „ich brauch keine Klarheit“. Doch, irgendwann müsste sie eigentlich jeder brauchen. Wenn klare Begriffe immer wieder gemieden werden, kann man sich selbst fragen, „möchte ich vielleicht etwas Unangenehmes vermeiden?“ So eine Vermeidung kann hohe Kosten verursachen, wenn man nicht aufpasst. Das Problem kann man lösen, indem man mit der Vermeidung aufhört, z.B. indem man Begriffe findet oder neue erfindet …

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  2. Paula

    Hallo,
    Ich habe über Jahre eine PT gemacht und stehe noch heute, nunmehr seit insgesamt 22 Jahren, in engem Kontakt zu meiner Therapeutin. Selbst nach dieser Zeit würde der Begriff Freundschaft für mich nicht annähernd beschreiben, was uns miteinander verbindet. Vielmehr schätze ich ihre Rolle als wichtige Lebensbegleiterin und mir zugewandte Vertraute! Nach wie vor ist ein, auch aufgrund unseres Altersunterschiedes existierendes, mich aber in keiner Weise störendes Gefälle spürbar. (Sie ist älter).
    Wir sehen uns regelmäßig. Der Austausch hat sich thematisch längst erweitert, gemeinsame Spaziergänge (auch wenn eher selten) waren anfänglich zugegebenermaßen ungewohnt. Nach wie vor Siezen wir uns, der Umgang durch und durch respektvoll – so erleben wir tiefe Augenblicke der Verbundenheit!
    In welchen Rollen wir uns sehen? Wir definieren und analysieren diese nicht ständig! Ich denke, wir folgen einfach unserer tief empfundenen Sympathie und schätzen den einander bereichernden Austausch.
    Freundschaft oder Therapie? Wenn zwei sich finden und daraus etwas Wertvolles erwächst, wer benötigt da eine Definition?

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    1. Lea Fuhs Post author

      Hallo Paula,
      Intuitiv (aus meinem Bauch heraus) kann ich solch eine Freundschaft nicht guten Gewissens als etwas Schönes bezeichnen… Denn man lernt wohl immer (auch dann, wenn man noch studiert, wie ich), dass eine Freundschaft, genau wie andere nicht-therapeutische Beziehungsformen, mit Therapeuten Tabu sind. Aus gutem Grund. Es verletzt die Privatssphäre eines Patienten und verwischt die Grenzen zwischen normalen und therapeutischen Verhältnissen. Zudem besteht das Risiko, dass ein Patient nicht lernt, eigene Freundschaften weiter aufzubauen oder sich ohne die Unterstützung des Behandlers den Widrigkeiten des Lebens zu stellen. Es besteht auch die Gefahr, dass andere Entwicklungsbereiche (auf beiden Seiten) nicht wachsen, wenn der jeweils andere diese übernimmt, z.B. wenn der Therapeut meistens berät und beruhigt, und der andere vielleicht bewundert und sich bedankt. (Das nennt man Kollusion – die negative Variante eines Schlüssel-Schloss-Prinzips.) Ich befürchte, dass die Freundschaft, die ihr führt, Grenzen verletzt und indirekt ein Tabubruch sind.

      Ich habe in einer anderen Beziehung auch einst eine klare Definition vermieden, ähnlich wie du. Das hatte fast nur negative Folgen (Unklarheit und Verwirrung darüber, was das für ein Verhältnis jetzt ist). Ich dachte, ich könnte „Schubladen“ und Etiketten bauen, wie ich will. Das ist ein Irrtum… irgendwann wird man unglücklich, weil man das Verhältnis einfach nicht klar einteilen kann und daher hat man auch keine angenehme Klarheit darüber, was ok ist und was nicht, was dazu gehört und was nicht. Man kann ruhig versuchen, eine Bezeichnung zu vermeiden. Aber wie fast alle Vermeidungen, hat auch diese langfristig einen Preis.

      Was haben dir denn andere Menschen zu deinem Verhältnis gesagt? (Hast du sie mal gefragt?)
      LG, Lea

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