„Die wollen sich doch nur selbst heilen“

By | 30. August 2014

(Ein paar Gedanken zu diesem Vorurteil)

Einer meiner Dozenten sagte mal, „der Anteil an psychischen Störungen ist bei den Psychologiestudenten leicht erhöht“. Und angeblich studieren wir das alle nur, um uns selbst zu therapieren (ein häufiges Vorurteil). Es ist gut möglich, dass Studien diesen erhöhten Anteil an psychischen Störungen belegen – viel interessanter aber ist m.E. die Frage, wie man diesem Vorurteil der Selbsttherapie entgegen kommen könnte.

Man könnte das oft geringschätzig gemeinte Urteil anderer über „die Psychos“ auf zwei Ebenen aushebeln: Die Logik (inwiefern es logisch sein sollte, dass jemand mit psychischen Problemen ausgerechnet ein Psychologiestudium wählt) und Legitimität (ich vertrete die These, dass es legitim sein kann, wenn man sich selbst besser verstehen will).

Umformuliert bedeutet das Vorurteil ja so viel wie, „Menschen, die Psychologie studieren, haben selbst psychische Probleme“. Wer Probleme hat, wählt also ein Psychologiestudium? Dabei ist es eigentlich so, dass…

  1. Psychotherapie effektiver als ein Studium heilt bzw. aufklärt.
  2. dass ein Studium (normalerweise) anstrengend ist, aufgrund von viel Zeitaufwand, Geld, und einem NC als Hürde (zumindest ist ein Studium nur dann eine Option, wenn jemand einigermaßen „funktionieren“ kann)
  3. dass ein Studium unspezifisch ist und gar nicht nur den eigenen psychischen Problembereich adressiert
  4. dass ein zentrales Motiv, Psychologie zu studieren, „anderen Menschen helfen“ ist (dabei kann eine psychische Krankheit des Therapeuten eine unersetzliche Ressource werden! Ein ehemaliger Depressiver als Psychotherapeut wird wissen, was es bedeutet, depressiv zu sein, weil er es selbst war. Jemand, der das nur aus Büchern kennt, hat so gesehen vielleicht eher ein theoretisches statt praktisches Wissen.)
  5. dass dieses Vorurteil zwei weitere Kombinationsmöglichkeiten ausblendet: Psychologiestudenten, die andere Motive haben und Nicht-Psychos, die das Selbstheilungsmotiv haben (obwohl sie es ja nicht studieren).

Kurz gesagt könnte die Annahme unlogisch sein, weil ein Psycho-Studium ineffizient ist, anstrengend, zu unspezifisch, auch aus anderen Motiven gewählt werden kann und dass es noch andere Kombinationen aus Studienfach und Motiven gibt als die Variante, die im Vorurteil versteckt ist.

Zweitens: Die Annahme bzw. das Vorurteil könnte eine legitime Verhaltensweise beinhalten, weil

  1. wer eine Sprache studiert, diese auch sprechen will und wer z.B. Philosophie studiert, auch philosophieren will. Im Grunde ist das bei den Psychologen nicht anders: sie lernen Zusammenhänge und Theorien der Psyche und wollen die natürlich auch anwenden.
  2. weil es relativ normal ist, sich selbst besser verstehen zu wollen; während die einen Bücher lesen, andere diskutieren, Dritte sich therapieren lassen, gehen Psychologiestudenten eben hin und studieren es. Es ist ein Weg unter vielen, die alle ein ähnliches Ziel haben.
  3. weil jemand, der extrinsisch motiviert ist (also einen Zweck verfolgt) nicht unbedingt jemand ist, der keine intrinsische Motivation hat (Spaß und Freude daran). Ich vermute mal, dass die Mehrheit der Psychologiestudenten „gemischt motiviert“ ist (oder unmotiviert, je nach dem).

Zusammengefasst heißt das, dass das Vorurteil inhaltlich legitim sein kann, da Psychologiestudenten ihr Handwerkszeug auch benutzen möchten, weil ihr Bedürfnis sie nicht unbedingt von anderen Studenten unterscheidet und weil eine Zweckmotivation nicht bedeuten muss, dass jemand gar keine weiteren Gründe zum Studieren hat.

Wie oft seid ihr diesem Vorurteil begegnet?

Was denkt ihr darüber?

2 thoughts on “„Die wollen sich doch nur selbst heilen“

  1. Dublin

    Eine ganz andere Frage: Warum sollte ich diesem Stereotyp überhaupt etwas entgegensetzen? Stereotype gibt es über Studierende aller möglicher Fächer und halten sich recht hartnäckig. Mir ist es ziemlich schnurz, was andere über die Motive der Psychologiestudis denken. Viel störender finde ich die Vorstellung anderer, dass wir nun irgendein geheimes Wissen über „die Menschen“ besäßen und sie „analysieren“ könnten, weil diese Vorstellung potenziell Interaktionen und Beziehungen verändert.
    Vielleicht als Fazit: Harmlose Scherze über unsere eigene Labilität lasset uns herzlich entgegennehmen, Vorurteilen, die uns größer machen als wir sind, ebenso herzlich entgegentreten.

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    1. Lea Fuhs Post author

      Hallo Dublin,
      Mittlerweile sehe ich es ähnlich wie du. Ich glaube, damals (der Artikel ist ja 2 Jahre alt) ging es mir darum, ein Stereotyp kognitiv auszuhebeln, also Kontra zu geben. Vielleicht kriegt man eine gewisse Schlagfertigkeit für alle Vorurteile unter einen Hut, wenn man Humor hat. Dann spielt es womöglich keine Rolle mehr, ob nun ein Selbstheilungsmotiv, Allwissen oder etwas anderes unterstellt wird. (Jetzt müsste mir nur noch ein gutes Beispiel für Humor einfallen… 😀 So ein Mist. Vielleicht, wenn einer sagt, „analysierst du mich jetzt?“, sagen, „das klang grade irgendwie hoffnungsvoll“.)

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