Das Leben als Strategiespiel

By | 18. September 2015

Hier hatte ich einfach mal Lust, eine meiner Philosophien in den Raum zu werfen. Mein Ziel ist, zu zeigen, dass das Leben wie ein riesiges Strategiespiel ist, welches intelligente Handlungen ermöglicht oder erfordert.

Nehmen wir mal an, das Leben ist vergleichbar mit dem Bereich „komplexes Problemlösen“ (komplexes Problemlösen ist in Strategiespielen oft gefordert, z.B. im Computerspiel „Age of Empires“). Wenn dem so ist, gibt es mehrere interessante Ähnlichkeiten zwischen Strategiespielen und dem Alltagsleben:

1) Polytelie:

Man verfolgt meist mehrere Ziele simultan. Jeden Tag hat man z.B. das Ziel, satt und ausgeruht zu sein, den Unterhalt zu bezahlen, vielleicht Kinder zu erziehen und und. Dabei können Ziele ohne Bezug nebeneinander stehen, im Konflikt zueinander stehen oder so geartet sein, dass man zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen kann. Jeden Tag setzt man seine Prioritäten und man verarbeitet Informationen mehrdimensional (meist kognitiv und emotional, oder rein motivational, oder anders, auch wenn man das nur selten bewusst spürt).

2) Komplexität:

Im Leben gibt es schier unendlich viele Möglichkeiten, einen Tag zu gestalten, aber die Zeit und die kognitiven Ressourcen (für Planungen usw.) sind begrenzt. Dadurch sind wir praktisch gezwungen, Reize zu reduzieren und nur einige wenige Dinge zu beachten.

3) Vernetztheit:

Unsere Ziele und Handlungen stehen nie isoliert da, sondern befinden sich in einem Netzwerk, das auf Änderungen immer reagiert. Das macht Theorien wie den Butterfly-Effect möglich (könnte der Flügelschlag eines Schmetterlings wirklich einen Wirbelsturm an einem entfernten Ort auslösen? Schließlich scheint alles mit allem vernetzt zu sein). Außerdem gibt es manchmal das Phänomen der Problemersetzung: Jemand ersetzt ein Problem – z.B. zu viel Arbeit und dann Reduzierung – durch ein anderes – z.B. zu wenig Geld wegen Arbeitsreduzierung.

4) Intransparenz:

Viele Dinge sind nicht auf Anhieb sichtbar, beobachtbar oder durchschaubar. Es gibt Intransparenz von Zielen („ich weiß nicht, was ich will“ oder „was sie will“) und unsichtbare Zielkonflikte (woher soll ich wissen, dass ich einen Konflikt habe, wenn er noch gar nicht aufgetaucht ist? Wenn er z.B. unbewusst „herum schmort“?).

5) Dynamik und Zeitdruck:

Ein System um einen herum (sei es Gesellschaft, oder auch der eigene Körper, das Familiensystem, …) ist dynamisch und verändert sich mit der Zeit. Die Dinge entwickeln sich auch ohne unser Zutun. Wenn wir allerdings Einfluss ausüben möchten, stehen wir vielleicht unter Zeitdruck – auch aufgrund unserer Sterblichkeit.

Man scheint also in einer Welt unterwegs zu sein, die unendlich viele Möglichkeiten bietet, die kompliziert vernetzte „Eckpunkte“ hat, vieles ist undurchschaubar-verwirrend und immer im Wandel.

Was macht ein Strategiespieler in so einer Welt? Er erfasst seine Lage, und versucht das beste daraus zu machen. Er passt seine Strategien der aktuellen Lage an (und balanciert gekonnt zwischen hartnäckiger Zielverfolgung und flexibler Zielanpassung, ohne dabei Grenzen und Menschenrechte anderer Involvierter zu verletzen).

Strategiespieler: Die Maximizer vs. Satisficer

Es gibt viele Strategien; interessant fand ich die Unterteilung in „maximizer“ (Nutzen maximieren, egal wie lange es dauert) oder „satisficer“ (Kriterium schnellstmöglich erreichen – englisch to satisfy und to suffice). Ich habe mal im Restaurant gemerkt, dass ich die Strategie gewechselt habe: Vorher sah ich bei der Wahl meines Essens immer die ganze Karte durch (maximizer), heute eher nur einen Teil davon, um zackig zum Ziel zu kommen (satisficer). Es schien mir schlichtweg zu anstrengend, jedes mal die ganze Karte durch zu lesen. Auch im Parkplatz-Suchen bin ich zum Satisficer geworden: Meist nehme ich den erstbesten Platz, den ich erblicke, weil das einfach schneller geht. [Ein paar Monate später stellte ich fest, dass ich die Strategie an die Situation anpasse, z.B. ist man abends unter der Woche am schnellsten als Satisficer fertig mit Parkplatzsuche; den Maximizer dagegen kann man sich gut vormittags unter der Woche erlauben, also dann, wenn man zwar schnell fertig werden will, aber auch möglichst nah an der Wohnung parken will.] Möchte man nicht nachdenken und nur handeln, macht man bei der Parkplatzsuche einfach immer den Satisficer.

Ich glaube, zwei Begriffe aus meinem damaligen Wirtschaftslehre-Leistungskurs könnten genau das gleiche meinen: Ökonomisches Minimal- vs. Maximalprinzip. Beim Minimalprinzip will man ein Ziel mit möglichst geringem Aufwand erreichen, beim Maximalprinzip aus einer gegebenen Menge an Ressourcen das Maximum an Gewinn rausholen. Ebenso habe ich bei Watzlawick (Anleitung zum Unglücklichsein, S. 126) gelesen, dass es in der mathematischen Spieltheorie ein Konzept gibt, das ungefähr besagt: Wenn bei einem Spiel alle Regeln bekannt sind, gibt es ein optimales Spielverhalten (welches irgendwie mathematisch berechnet werden kann). Dieses Optimum, bzw. die Existenz dessen fasziniert mich, v.a., wie man hinkommt!

Ähnlich wie Maximizer, die mehr als ein Kriterium (oder ein höheres Anspruchsniveau) verfolgen, sind auch die, die eine „kompensatorische Strategie“ verfolgen. Kompensatorische Strategen schauen sich mehrere Bereiche bei einer Entscheidung an (z.B. Preis eines Produkts, Qualität, Herkunft…), die sie gegeneinander abwägen. Nicht kompensatorisch (ähnlich wie ein Satisficer) ist man, wenn man nur einen Bereich bewertet (nur den Preis). Nachteile im bewerteten Bereich können dann nicht ausgeglichen werden, daher der Name „nicht kompensatorisch“.

Besonders spannend war für mich, dass IQ kaum einen Einfluss darauf zu haben scheint, wie gut man im komplexen Problemlösen ist. Stattdessen seien Selbstsicherheit, Extraversion und sinnvolle Informationssuche am ehesten Erfolg versprechend (s. Quelle, S. 155).

Ich glaube, bis hierhin konnte ich zeigen, inwiefern das Leben einem Strategiespiel ähnelt. Nun geht es noch darum, wie sich „intelligente Handlungen“ in so einem Kontext definieren lassen könnten.

Was könnten „intelligente“ Handlungen sein?

Ich liste mal intuitiv ein paar Thesen auf:

1) Situativ eingebettet:

Intelligente Handlungen sind im Zusammenhang mit konkreten Situationen zu bewerten. „Adaptive Strategiewahl“ ist hier möglicherweise ein Konstrukt, das mit „praktischer Intelligenz“ eng zusammenhängt (es ist zu beachten, wer welche Ziele verfolgt). Der Haken daran:

  1. Intelligent ist hier das gleiche wie erfolgreich, und Erfolg ist schwer objektiv zu definieren.
  2. Ein augenscheinlich dummes Verhalten kann einem tiefenpsychologischen Ziel erfolgreich dienen und den „dummen Schein“ dann als „eigentlich intelligentes [weil zielführendes] Sein“ entlarven.
  3. Je nach Zielsetzung könnte hier auch destruktives, antisoziales Verhalten intelligent sein. In so einem Fall wäre Intelligenz nicht auf Platz 1 meiner Prioritäten, sondern Ethik.

2) Lernbar:

Intelligente Handlungen, die auf bestimmte Ziele hinführen, sind lernbar (u.a. durch Übung, Modelllernen, Einsicht, Diskussion, Selbstreflexion).

3) Balance zwischen Zielverfolgung und Erwartungsanpassung:

Im Sinne eines Strategiespiels ist vielleicht derjenige intelligent, der seine Ziele erreicht bzw. sich vielleicht auch rechtzeitig von unerreichbaren Zielen ablöst, also seine Ziele der Lage anpasst. Die Balance zwischen „Zielverfolgung“ und „rechtzeitige Zielveränderung“ zu halten, erfordert sicherlich ein gewisses Können. Man kann immer abwägen: Ist mein Handeln noch sinnvoll, weil ich auf ein Ziel hinarbeite, oder beiße ich mich verkrampft an einem Vorhaben fest, das aussichtslos ist? Beim Kriterium der Zielerreichung ist immer zu berücksichtigen, wer welche Ziele hat (ob es sich um Kurz- oder Langfristiges handelt) und ob es ethische Bedenken gibt. Ethisch vertretbar zu handeln sollte wichtiger sein als die Frage, ob jemand intelligent (zielerreichend) handelt, finde ich.

Den Teil des Lebens, der nicht gesteuert werden kann, nenne ich „Glücksspiel“. Das sind Dinge, die außerhalb von Kontrolle oder Intelligenz geschehen. Das Leben ist also irgendwie Strategie- und Glücksspiel gleichzeitig.

Was denkt ihr?

Quelle:

Betsch, Funke, Plessner. „Denken – Urteilen Entscheiden Problemlösen“. Springer Verlag Berlin Heidelberg 2011. S. 97 – 171.

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