Burnout vs. Depression

By | 4. Dezember 2014

Ich möchte durch Denken herausfinden, wie sich Burnout und Depression eigentlich zueinander verhalten. Heutzutage wird es ja fast gleichgesetzt (Burnout = Depression), manchmal wird auch Burnout stellvertretend für Depression benutzt (weil es gesellschaftlich vertretbarer zu sein scheint, wie ein Held ausgebrannt zu sein – statt angeblich selbstverschuldet einer Depression zu erliegen). Während das Eine strahlendes Etikett für maximalen Fleiß darzustellen scheint, ist das andere eine gruselige, „unspektakuläre“, gesellschaftlich immer noch stigmatisierte Störung.

Ich stelle vier Konzepte zeichnerisch auf und versuche, zu schlussfolgern, welches davon das beste sein könnte. (Ich habe die Gleichsetzung weggelassen, weil ich glaube, dass es Eigenschaften gibt, die diese beiden Krankheitsformen differenzieren).

Depr_alle 4 Bilder

Ich benutze das Ausschlussverfahren:

  • Bild 1 kann nicht stimmen, weil das bedeuten würde, dass Depression und Burnout (BO) gar nichts gemeinsam haben (getrennte Konzepte ohne irgendeine Ähnlichkeit), wobei z.B. Erschöpfung und Antriebslosigkeit bei beiden vorkommen können.
  • Bild 3 ist schwierig, weil das heißen würde, dass alle Ausgebrannten auch immer depressiv sind.
  • Bild 4 würde implizieren, dass alle Depressiven auch immer ausgebrannt sind.
  • Bild 2 ist für mich bisher die beste Variante.

Bild 2 impliziert, dass

  • Es Menschen gibt, die nur ausgebrannt, nicht aber depressiv sind (und umgekehrt; das ist in Bild 3 und 4 nicht beides gleichzeitig möglich).
  • Es Menschen gibt, die Symptome beider Konzepte aufweisen (in Bild 1 nicht möglich).

Daraus habe ich folgende Thesen hergeleitet:

  1. Depression betrifft meist mehr als die körperlich-seelische Leistungsfähigkeit; während drei Wochen Urlaub vielleicht manchen Ausgebrannten helfen können, kann das einem Depressiven nicht unbedingt helfen (Urlaub macht es vielleicht noch schlimmer, weil ein depressiver Mensch dann merkt, dass er sich „trotzdem“ nicht erfreuen oder etwas genießen kann)
  2. Menschen, die ausgebrannt, nicht aber depressiv sind, sehen sich selbst, die Welt und die Zukunft nicht immer so düster wie Depressive (sondern sie sind meist „nur“ für eine Weile ausgeknockt und brauchen tiefe, intensive Erholung)
  3. Burnout führt vielleicht eher zu körperlichen Symptomen (Herzrasen, Nervenflattern, Atemnot, Kopfschmerz, Schwindel, zittern, Strom durch Adern, nervliches Wrack etc.) als Depression (oft Antriebslosigkeit, Niedergeschlagenheit, Pessimismus, überbewerten von Negativem, nicht-spüren von Positivem, Interesselosigkeit, Heulkrämpfe oder Gefühllosigkeit/Taubheit, permanent traurig sein, Suizidgedanken usw.). Manchmal kann es auch vorkommen, dass sich hinter körperlichen Beschwerden aber auch eine Depression „versteckt“, das gibt es auch (siehe „larvierte Depression“).
  4. Beides sollte sehr ernst genommen werden. Ein Mensch mit Burnout kann einen Herzinfarkt erleiden und sterben, genauso wie ein Depressiver sich umbringen könnte.

Hier noch ein Bild, um zu zeigen, was ich meine:

Depr_Burnout_Grafik

Die Schwerpunkte liegen bei einem Burnout (rot) meiner Meinung nach anders als bei einer Depression (grau).

Im Studium habe ich mal gelernt, dass man Burnout klassischerweise an drei Haupt-Symptomen erkennt: Emotionale Erschöpfung (Gefühle, ausgebrannt und völlig KO zu sein), Derealisation (z.B. Abwertung, Entmenschlichung, Genervtheit/Aggression gegenüber  Klienten) und Leistungsminderung (das kann eine Leistungsabnahme über einen längeren Zeitraum sein, der chronisch wurde, oder auch ein plötzlicher Leistungseinbruch, der einen Menschen mit einem Schlag ausknockt).

Während also bei einem Burnout eher die totale Erschöpfung, Leistungsminderung und körperliche Symptome vorkommen können (die meist medizinisch schlechter zu erklären sind als psychologisch), stehen bei einer Depression vielleicht eher andere Dinge im Vordergrund, allen voran die negative Grundstimmung (auch negative Gefühlspitzen, die in Suizidgedanken oder -versuchen münden können), oft verzerrte Kognition („alles ist schlecht“ und Grübeleien), manchmal verlangsamte Sprache und geringere Entscheidungsfähigkeit (-effizienz), tagelang „herumliegen“ (oder andersrum, übertriebener Sport oder starke Unruhe → siehe „agitierte Depression“) und infolgedessen meist auch geminderte oder komplett fehlende Arbeitsfähigkeit.

Wichtig ist auch, zu bedenken, warum jemand weint – ist es Erschöpfung, Stress, Schlafmangel? Oder Weltschmerz, Selbsthass, tiefe Verzweiflung? Die ersten drei Faktoren sind eher Hinweise für ein Burnout, die letzten drei eher für eine Depression.

Schlussfolgerungen zu Depression vs. Burnout:

  1. Beides ist sehr ernst zu nehmen, weil beides lebensgefährlich werden kann. Es wäre falsch, Burnout gegenüber Depressionen zu verharmlosen, finde ich.
  2. Burnout zeigt sich wohl am ehesten in „plötzlichen“ Leistungseinbrüchen (und nervlichen Belastungen), Depression eher in lang anhaltenden Stimmungstiefs, die man u.a. an einer negativen Welt- und Selbstsicht erkennt. So gesehen wirkt Burnout wie eine akute Notbremse, während Depressionen eher anzeigen, dass irgendetwas grundsätzlich und langanhaltend nicht stimmt.
  3. Ein „normaler“ Urlaub hilft vielleicht noch bei Burnout, aber bei Depressionen hilft eher eine tiefgehende Kur / ein Klinikaufenthalt (weil mehrere psychische Bereiche betroffen sind).

Was ist eure Meinung?

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