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Vier Menschenbilder und ihr Effekt auf Therapie

Ich habe schon lange keinen Artikel mehr veröffentlicht (seit zwei Jahren anscheinend)… Heute hat mich mal wieder die Lust gepackt, meinen Gedanken eine Gestalt zu geben :) Es geht darum, wie man sich (als Patient) selbst sehen kann und welchen Effekt das auf das Selbstbild und die Gefühle hat. Ich beschreibe keine „Fakten“, sondern eher Theorien und Gedanken. Grundlage der Gedanken ist ein Modell von Timothy Leary. Eine PDF zum Thema Zirkumplexmodell kann man hier finden (Aufbau von SASB) oder auch hier (s. Seite 23). Die Menschenbilder bauen zum Teil auf den beiden Standardachsen auf (Dominanz-Unterwürfigkeit, und Freundlichkeit-Feindseligkeit).

Was ist mit „vier Menschenbilder“ gemeint? Einfach ausgedrückt, kann man sich als Patient in (mindestens) vier Kategorien wahrnehmen und erleben.

  • Als Opfer schicksalsartiger Lebensumstände, überforderter Eltern oder Zielscheibe bösen Verhaltens.
  • Als Schöpfer eigener Entscheidungen, Entwickler eigener Potenziale und jemand, der seine Kräfte nutzt.
  • Als Schüler des Lebens, dem es noch an manchen Dingen mangelt (z.B. Geduld, Willenskraft oder Eigenverantwortung).
  • Als Täter seines Lebens; damit ist keine Schuld im engeren Sinne gemeint, sondern die eigene Macht, die eigenen Effekte, die man auf sein Leben ausübt (z.B. durch unbewusste Entschlüsse, die leider negative Effekte hatten/haben).

Wie könnte das jeweilige Bild beeinflussen, wie man sich selbst sieht und fühlt?

Opfer-Modus: Man sieht sich (wahrscheinlich) passiv, ausgeliefert und vielleicht getroffen von Lebensumständen, bösen Chefs, schlechten Psychotherapeuten, usw. Typische Gefühle sind vielleicht Kränkung, Enttäuschung, Verletzung oder Empörung, verbunden mit Rückzug, Rachsucht oder auch erlernter Hilflosigkeit (Ohnmacht, Ratlosigkeit), manchmal auch kalte Hoffnungslosigkeit („ist doch eh sinnlos alles“). Einsamkeit oder Selbstunsicherheit gehören vielleicht auch in diesen Modus. Auf den beiden Achsen wäre man im Opfer-Modus am wahrscheinlichsten „feindselig-unterwürfig“ (z.B. andere beschuldigend).

Schöpfer-Modus: Man sieht sich (wohl eher) aktiv, anpackend und seine Lebensumstände gestaltend. Statt bspw. von einem schlechten Psychotherapeuten enttäuscht zu sein, wird der nächste gesucht oder andere Maßnahmen ergriffen (und noch nicht aufgegeben). Hoffnung, Mut, Lust oder Zuversicht passen hier vielleicht am besten als begleitende Gefühle. Annäherung an ein Ziel, konstruktive Selbstkritik und Lösungsideen bestimmen am ehesten das Verhalten. Auf den beiden Achsen wäre man im Schöpfer-Modus am wahrscheinlichsten „freundlich-dominant“ (z.B. sich selbst fördernd und heilend).

Schüler-Modus: Man sieht sich selbst eher passiv an – und entdeckt Defizite, Mängel, oder anders gesagt, noch wachsende (versteckte) Potenziale. Typische Gefühle sind vielleicht Traurigkeit oder Frust (wegen Mängeln oder Verlusten im eigenen Selbst), aber vielleicht auch Neugier (wie schaffe ich es, dieses Defizit auszugleichen?). Wenn es um Defizite geht, ist man im Schüler-Modus, aber wenn es um aktive Lösungsideen geht, dann eher im Schöpfer-Modus. Kritische Selbstuntersuchung und Suche nach Mängeln passen am ehesten zum Schüler-Modus. Während der Opfer-Modus vielleicht eher die äußeren Lebensumstände fokussiert, betrachtet man im Schüler-Modus sich selbst (eigene Fähigkeiten und Entwicklungszustand, z.B. geistiges Alter und die eigene Beziehungsfähigkeit).

Täter-Modus: Man sieht sich selbst als aktiv handelndes Wesen – welches aus Versehen auch Schaden anrichten kann (manchmal sogar absichtlich anrichtet). Statt sich hilflos ausgeliefert zu fühlen, gesteht man sich ein, was man selbst gemacht hat (bewusst oder unbewusst) und welche Folgen das hatte. Typische Gefühle sind vielleicht Reue, Bedauern, Schuld oder auch Verblüffung (weil sich die eigene Macht deutlicher als vorher herausstellt). Man kann auch hier, wie in allen Bildern, in die anderen „umkippen“. Jemand kann sich selbstkritisch als Täter betrachten, im nächsten Moment aber auch als Schüler, z.B. „ja, durch meine eigenen Glaubenssätze verursachte ich auch einige Probleme [Täter-Modus], aber mir mangelte es an Bewusstsein dafür, dass ich das dauernd mache [Schüler-Modus]“.

Ist man sich (als Patient) bewusst, dass man sich so vielfältig betrachten kann, dann erweitern sich die Möglichkeiten (zu handeln und auch, wie man sich selbst sieht)! :)

Typische Sätze von einem (fiktiven) Patienten sind vielleicht:

  • „Die ist schuld daran, dass es mir so schlecht geht.“ (Opfer-Modus, feindselig)
  • „Ich will weiter an mir arbeiten, egal, wie lange es dauert.“ (Schöpfer-Modus)
  • „Mir mangelt es an Durchhaltewillen, daher habe ich die erste Therapie abgebrochen.“ (Schüler-Modus)
  • „Ich wollte emotionale Schmerzen vermeiden und hab deswegen vieles abgeblockt.“ (Täter-Modus)

Die Grenzen zwischen den vier Bildern sind fließend; man könnte sagen, klagst du noch (als Opfer) oder entscheidest du schon (als Schöpfer)? Kritisierst du dich noch (als Schüler) oder siehst du bisherige Fehler schon ein (Täter)? Die Worte „noch“ und „schon“ sollen nicht heißen, dass eines davon besser wäre – sondern nur, dass ein Modus in einen anderen immer auch übergehen kann, wie auf einem Kontinuum.

Da das Gefühl der Hoffnung in der Psychotherapie sehr wichtig ist, wird vielleicht auch oft der Schöpfer-Modus im Patienten aktiviert (oder betont), ebenso der Täter-Modus (unbewusste Entscheidungen). Der Schüler-Modus spielt vielleicht während der Diagnostik eine größere Rolle, und der Opfer-Modus während einer Anamnese (vermute ich).

Was denkt ihr darüber? :)

 

 

Spekulationen über Ausländerfeindlichkeit

Hier möchte ich auf Basis von psychologischen Theorien mal spekulieren, warum letzter Zeit Ausländerfeindlichkeit, Fremdenhass und Konsorten eigentlich so am Boomen sind. Anders als in meinem anderen Artikel „Rassismus im Internet“,  sollen mir diesmal „nur“ zwei Theorien beim Spekulieren helfen:

  1. Das Elaboration-Likelihood-Modell nach Petty & Cacioppo,
  2. die Bindungstheorie (u.a. Bowlby)

In Google findet man schnell Belege dafür, dass die AfD

Ich will spekulierend beantworten, warum das passiert ist. Zuerst verwende ich dafür das ELM nach Petty & Cacioppo.

ELM

Quelle der Grafik: Uni Trier, Wintersemester 2012/2013, Sozialpsychologie (Fr. Walther).

In den Medien wird dauernd Angst vor riesigen, bedrohlichen Flüchtlingswellen gemacht, die angeblich die deutsche Kultur gefährden, die Sozialsysteme belasten und und. Für wen ist das nützlich? Es ist u.a. für die AfD nützlich. Denn was passiert bei Menschen, wenn sie Angst haben?

Gemäß des ELM entsteht durch die Angst womöglich eine größere Motivation, sich überhaupt mit Flüchtlingen und Flüchtlingspolitik zu beschäftigen (und natürlich auch mit den Parteien, die da einen klaren Stand vertreten). Die Fähigkeit zur Verarbeitung ist aber vermutlich begrenzt, sodass keine zentrale Route benutzt wird, sondern eine periphere. Man könnte auch sagen, das kognitive System vieler AfD- oder PEGIDA-Anhänger ist ausgelastet mit der Angst oder dem Hass. Folglich bleibt weniger Energie übrig, und es werden oberflächlichere Hinweise verarbeitet, nicht mehr genauer hingeschaut und offenbar auch überhaupt nicht (bzw. falsch) kritisch nachgefragt. Die Menschen sind wahrscheinlich gut ausgefüllt und beschäftigt damit, die Flüchtlinge zu hassen oder Angst vor ihnen zu haben. Da braucht’s nur noch einen Typ wie Höcke, um die periphere Route zur Einstellungsänderung (bzw. zur Extremisierung) bei den Wählern zu vollenden. Da ist es nur nützlich für seine Partei, dass er bei Jauch (YouTube-Video) manipuliert ohne Ende, am häufigsten durch Strohmann-Argumente und Ausweichen, gerne auch persönliche Attacken…

Das ELM erklärt meiner Meinung nach auch wunderbar, warum so viele mit Argumenten nicht an die PEGIDA oder AfD-Anhänger heran kommen. Argumente sind typisch für die zentrale Route. Wer die zentrale Route bei Menschen benutzt, die selbst die periphere benutzen, kann ja nur an ihnen vorbei reden.

Ich glaube, man kann nur hoffen, auf Basis einer guten Beziehung zu solchen Leuten behutsam zum Strategiewechsel anzuregen, also so zu reden, dass die Anderen zur zentralen Route überwechseln und nachdenklich werden. Dies trifft dann aber vermutlich auf eine Reihe an Abwehrmechanismen. Wird das Selbstbild von Zweifeln „bedroht“, kann das ja schon ausreichen, um bei Personen Widerstand aufkommen zu lassen. Wie ein Bumerang könnten sie sich noch mehr als sonst an ihre Überzeugungen klammern… (wobei natürlich nicht jeder, der klammert, unvernünftig ist).

Noch ein wenig mehr (oder anders) wird dieses kollektive Phänomen von der Bindungstheorie erklärt.

Wikipedia formuliert es gut: „Konkretes Bindungsverhalten wird bei Wunsch nach Nähe oder in „Alarmsituationen“ aktiviert.“ – Die Medien haben die Flüchtlingssituation ja mehrfach als „Krise“ bezeichnet – das kann auch ausreichen, um bei unsicheren Menschen genau so einen Alarm auszulösen. Weiter heißt es: „Letztere werden von emotionalem Stress begleitet, beispielsweise bei zu großer Distanz zur Bezugsperson, bei Unwohlsein, Schmerz und Angst. Abgewiesene Bindungswünsche verstärken bindungssuchendes Verhalten, welches ebenfalls bei Wiederkehr einer Bezugsperson beobachtet werden kann.“ Dies könnte man fast 1:1 auf die jetzige Situation übertragen, also:

[Bedrohungen] werden von emotionalem Stress begleitet, beispielsweise bei zu großer Distanz zur [fremden Person, dem Flüchtling oder auch der eigentlichen Lage], bei Unwohlsein, Schmerz und Angst [vor der „Welle“ und „Überlastung“]. Abgewiesene Bindungswünsche verstärken bindungssuchendes Verhalten [zu den jeweiligen anti-Flüchtlings-Parteien], welches ebenfalls bei Wiederkehr einer Bezugsperson beobachtet werden kann [Pegida-Märsche in Dresden, Versammlungen zu Höckes Reden…].“

Es ist, als würden Höcke und co. den „Papa“ für viele ersetzen, nicht nur das: Mir scheint, als würde er Menschen, die keine feste Identität haben, die leicht suggestibel sind und oberflächlich denken, auch eine Struktur anbieten; eine, die ihnen die Welt ordnet und Beruhigung bringt. Das mag für viele attraktiv erscheinen – dem Papa kann man gedankenlos folgen, er weiß Bescheid und er will auch nur das Beste [für „die Deutschen“]. Ängstliche Menschen, die sich nicht gut selbst beruhigen oder informieren können (vielleicht wenig Bildung haben?), suchen Bindung und Schutz bei der „Papa-Partei AfD“ (oder NPD).

Im weiteren Verlauf wird gesagt: „Unter Feinfühligkeit wird situationsangemessenes und promptes Reagieren erwachsener Bezugspersonen auf die Äußerungen und Bedürfnisse des Säuglings verstanden.“ Man könnte übersetzen: „Unter [guter Politik] wird situationsangemessenes und promptes Reagieren [der Politiker] auf die Äußerungen und Bedürfnisse des [Wählers] verstanden.“

Unter „angemessen“ verstehen verschiedene Parteien aber auch verschiedene Strategien.

Ich sehe es so, dass Bindung immer ein wenig das Gegenteil von Exploration ist. Einfach gesagt: Solange die Menschen an bestimmte Parteien gebunden sind, bzw. einen Großteil ihrer Energie in Bindung investieren (also Bindung an flüchtlingsfeindliche Ideen), kann ja nur entsprechend weniger Kraft für neugieriges Erforschen (der alternativen Denkweisen) übrig bleiben. Bösartig überspitzt hieße das: je mehr AfD / Pegida / etc., desto weniger eigenständiges Denken.

Im Großen und Ganzen erklären mir diese beiden Modelle den momentanen Fremdenhass ziemlich gut.

Das Leben als Strategiespiel

Hier hatte ich einfach mal Lust, eine meiner Philosophien in den Raum zu werfen. Mein Ziel ist, zu zeigen, dass das Leben wie ein riesiges Strategiespiel ist, welches intelligente Handlungen ermöglicht oder erfordert.

Nehmen wir mal an, das Leben ist vergleichbar mit dem Bereich „komplexes Problemlösen“ (komplexes Problemlösen ist in Strategiespielen oft gefordert, z.B. im Computerspiel „Age of Empires“). Wenn dem so ist, gibt es mehrere interessante Ähnlichkeiten zwischen Strategiespielen und dem Alltagsleben:

1) Polytelie:

Man verfolgt meist mehrere Ziele simultan. Jeden Tag hat man z.B. das Ziel, satt und ausgeruht zu sein, den Unterhalt zu bezahlen, vielleicht Kinder zu erziehen und und. Dabei können Ziele ohne Bezug nebeneinander stehen, im Konflikt zueinander stehen oder so geartet sein, dass man zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen kann. Jeden Tag setzt man seine Prioritäten und man verarbeitet Informationen mehrdimensional (meist kognitiv und emotional, oder rein motivational, oder anders, auch wenn man das nur selten bewusst spürt).

2) Komplexität:

Im Leben gibt es schier unendlich viele Möglichkeiten, einen Tag zu gestalten, aber die Zeit und die kognitiven Ressourcen (für Planungen usw.) sind begrenzt. Dadurch sind wir praktisch gezwungen, Reize zu reduzieren und nur einige wenige Dinge zu beachten.

3) Vernetztheit:

Unsere Ziele und Handlungen stehen nie isoliert da, sondern befinden sich in einem Netzwerk, das auf Änderungen immer reagiert. Das macht Theorien wie den Butterfly-Effect möglich (könnte der Flügelschlag eines Schmetterlings wirklich einen Wirbelsturm an einem entfernten Ort auslösen? Schließlich scheint alles mit allem vernetzt zu sein). Außerdem gibt es manchmal das Phänomen der Problemersetzung: Jemand ersetzt ein Problem – z.B. zu viel Arbeit und dann Reduzierung – durch ein anderes – z.B. zu wenig Geld wegen Arbeitsreduzierung.

4) Intransparenz:

Viele Dinge sind nicht auf Anhieb sichtbar, beobachtbar oder durchschaubar. Es gibt Intransparenz von Zielen („ich weiß nicht, was ich will“ oder „was sie will“) und unsichtbare Zielkonflikte (woher soll ich wissen, dass ich einen Konflikt habe, wenn er noch gar nicht aufgetaucht ist? Wenn er z.B. unbewusst „herum schmort“?).

5) Dynamik und Zeitdruck:

Ein System um einen herum (sei es Gesellschaft, oder auch der eigene Körper, das Familiensystem, …) ist dynamisch und verändert sich mit der Zeit. Die Dinge entwickeln sich auch ohne unser Zutun. Wenn wir allerdings Einfluss ausüben möchten, stehen wir vielleicht unter Zeitdruck – auch aufgrund unserer Sterblichkeit.

Man scheint also in einer Welt unterwegs zu sein, die unendlich viele Möglichkeiten bietet, die kompliziert vernetzte „Eckpunkte“ hat, vieles ist undurchschaubar-verwirrend und immer im Wandel.

Was macht ein Strategiespieler in so einer Welt? Er erfasst seine Lage, und versucht das beste daraus zu machen. Er passt seine Strategien der aktuellen Lage an (und balanciert gekonnt zwischen hartnäckiger Zielverfolgung und flexibler Zielanpassung, ohne dabei Grenzen und Menschenrechte anderer Involvierter zu verletzen).

Strategiespieler: Die Maximizer vs. Satisficer

Es gibt viele Strategien; interessant fand ich die Unterteilung in „maximizer“ (Nutzen maximieren, egal wie lange es dauert) oder „satisficer“ (Kriterium schnellstmöglich erreichen – englisch to satisfy und to suffice). Ich habe mal im Restaurant gemerkt, dass ich die Strategie gewechselt habe: Vorher sah ich bei der Wahl meines Essens immer die ganze Karte durch (maximizer), heute eher nur einen Teil davon, um zackig zum Ziel zu kommen (satisficer). Es schien mir schlichtweg zu anstrengend, jedes mal die ganze Karte durch zu lesen. Auch im Parkplatz-Suchen bin ich zum Satisficer geworden: Meist nehme ich den erstbesten Platz, den ich erblicke, weil das einfach schneller geht. [Ein paar Monate später stellte ich fest, dass ich die Strategie an die Situation anpasse, z.B. ist man abends unter der Woche am schnellsten als Satisficer fertig mit Parkplatzsuche; den Maximizer dagegen kann man sich gut vormittags unter der Woche erlauben, also dann, wenn man zwar schnell fertig werden will, aber auch möglichst nah an der Wohnung parken will.] Möchte man nicht nachdenken und nur handeln, macht man bei der Parkplatzsuche einfach immer den Satisficer.

Ich glaube, zwei Begriffe aus meinem damaligen Wirtschaftslehre-Leistungskurs könnten genau das gleiche meinen: Ökonomisches Minimal- vs. Maximalprinzip. Beim Minimalprinzip will man ein Ziel mit möglichst geringem Aufwand erreichen, beim Maximalprinzip aus einer gegebenen Menge an Ressourcen das Maximum an Gewinn rausholen. Ebenso habe ich bei Watzlawick (Anleitung zum Unglücklichsein, S. 126) gelesen, dass es in der mathematischen Spieltheorie ein Konzept gibt, das ungefähr besagt: Wenn bei einem Spiel alle Regeln bekannt sind, gibt es ein optimales Spielverhalten (welches irgendwie mathematisch berechnet werden kann). Dieses Optimum, bzw. die Existenz dessen fasziniert mich, v.a., wie man hinkommt!

Ähnlich wie Maximizer, die mehr als ein Kriterium (oder ein höheres Anspruchsniveau) verfolgen, sind auch die, die eine „kompensatorische Strategie“ verfolgen. Kompensatorische Strategen schauen sich mehrere Bereiche bei einer Entscheidung an (z.B. Preis eines Produkts, Qualität, Herkunft…), die sie gegeneinander abwägen. Nicht kompensatorisch (ähnlich wie ein Satisficer) ist man, wenn man nur einen Bereich bewertet (nur den Preis). Nachteile im bewerteten Bereich können dann nicht ausgeglichen werden, daher der Name „nicht kompensatorisch“.

Besonders spannend war für mich, dass IQ kaum einen Einfluss darauf zu haben scheint, wie gut man im komplexen Problemlösen ist. Stattdessen seien Selbstsicherheit, Extraversion und sinnvolle Informationssuche am ehesten Erfolg versprechend (s. Quelle, S. 155).

Ich glaube, bis hierhin konnte ich zeigen, inwiefern das Leben einem Strategiespiel ähnelt. Nun geht es noch darum, wie sich „intelligente Handlungen“ in so einem Kontext definieren lassen könnten.

Was könnten „intelligente“ Handlungen sein?

Ich liste mal intuitiv ein paar Thesen auf:

1) Situativ eingebettet:

Intelligente Handlungen sind im Zusammenhang mit konkreten Situationen zu bewerten. „Adaptive Strategiewahl“ ist hier möglicherweise ein Konstrukt, das mit „praktischer Intelligenz“ eng zusammenhängt (es ist zu beachten, wer welche Ziele verfolgt). Der Haken daran:

  1. Intelligent ist hier das gleiche wie erfolgreich, und Erfolg ist schwer objektiv zu definieren.
  2. Ein augenscheinlich dummes Verhalten kann einem tiefenpsychologischen Ziel erfolgreich dienen und den „dummen Schein“ dann als „eigentlich intelligentes [weil zielführendes] Sein“ entlarven.
  3. Je nach Zielsetzung könnte hier auch destruktives, antisoziales Verhalten intelligent sein. In so einem Fall wäre Intelligenz nicht auf Platz 1 meiner Prioritäten, sondern Ethik.

2) Lernbar:

Intelligente Handlungen, die auf bestimmte Ziele hinführen, sind lernbar (u.a. durch Übung, Modelllernen, Einsicht, Diskussion, Selbstreflexion).

3) Balance zwischen Zielverfolgung und Erwartungsanpassung:

Im Sinne eines Strategiespiels ist vielleicht derjenige intelligent, der seine Ziele erreicht bzw. sich vielleicht auch rechtzeitig von unerreichbaren Zielen ablöst, also seine Ziele der Lage anpasst. Die Balance zwischen „Zielverfolgung“ und „rechtzeitige Zielveränderung“ zu halten, erfordert sicherlich ein gewisses Können. Man kann immer abwägen: Ist mein Handeln noch sinnvoll, weil ich auf ein Ziel hinarbeite, oder beiße ich mich verkrampft an einem Vorhaben fest, das aussichtslos ist? Beim Kriterium der Zielerreichung ist immer zu berücksichtigen, wer welche Ziele hat (ob es sich um Kurz- oder Langfristiges handelt) und ob es ethische Bedenken gibt. Ethisch vertretbar zu handeln sollte wichtiger sein als die Frage, ob jemand intelligent (zielerreichend) handelt, finde ich.

Den Teil des Lebens, der nicht gesteuert werden kann, nenne ich „Glücksspiel“. Das sind Dinge, die außerhalb von Kontrolle oder Intelligenz geschehen. Das Leben ist also irgendwie Strategie- und Glücksspiel gleichzeitig.

Was denkt ihr?

Quelle:

Betsch, Funke, Plessner. „Denken – Urteilen Entscheiden Problemlösen“. Springer Verlag Berlin Heidelberg 2011. S. 97 – 171.

Rassismus im Internet

Mögliche Ursachen & Lösungsansätze

Mein Blog-Helfer und Freund Uwe und Carsten Dobschat hatten schon einen Facebook-Post kommentiert, der mittlerweile fast 50.000 mal (!) geteilt wurde (Stand: 09.08.15, 21:30 Uhr). Auf Uwes Idee hin entwickelte ich dann doch die Motivation, den Original-Post psychologisch zu kommentieren.

Mein Ziel ist nicht das Prüfen der Fakten oder Beurteilen der Polizei / des mutmaßlichen Täters o.Ä. (das machten die anderen bereits), sondern, wie der Titel sagt, möchte ich mögliche Ursachen finden und Lösungsansätze anbieten – auf Basis der wissenschaftlichen Theorien, die ich mir nochmal angelesen habe („nochmal“, weil ich sie vor 2-3 Jahren im Bachelor-Studium schon gehört hatte).

Ganz kurz zum Original-Artikel: Schade, dass so viele Leute fehlattribuiert und mit Hass verallgemeinert haben; so wurde wohl aus dem Bedürfnis, einem Menschen zu helfen, am Ende expliziter Fremdenhass – erkennbar an den negativ konnotierten Kollektivbezeichnungen „son pack“ (N.K.), „Kanaken“ (N.K.), „Assoziales Dreckspack“ (B.E.), „Dreckspack“ (D.L., K.N.) „kriminelle“ (N.W.) usw.

Automatisches vs. analytisches Denken

Daniel Kahneman (siehe Quellen) nennt zwei grundsätzlich verschiedene Denk-Modi: Schnelles und langsames Denken. Hier ein paar grobe Synonyme:

  • Automatisches Denken: Heuristiken (Daumenregeln) / periphäre Route der Persuasion (Petty & Cacioppo, 1986)
  • Analytisches Denken: Langsames Denken (nach Kahneman) / zentrale Route der Persuasion

Kurz gesagt geht es da um zwei verschiedene Arten, einkommende Informationen zu verarbeiten (oder auch zwecks Überzeugung selber einzusetzen). Die latenten und manifesten Rassisten, die den Facebook-Post kommentiert haben, scheinen hauptsächlich automatisch zu ihren Urteilen gekommen zu sein – die Anderen haben differenziert zwischen einem Einzelfall und einer Verallgemeinerung. Mittlerweile hat der SR darüber informiert, dass der Täter glaubte, ausgeraubt zu werden; die rassistischen Kommentare stehen aber immer noch in Facebook. Daraus schließe ich, dass der Modus des automatischen, Schema-geleiteten Denkens aufrecht erhalten wurde. „Schemata sind extrem nützlich für die Auflösung von Mehrdeutigkeiten über die soziale Welt“ (Aronson et al, S. 86).

Man könnte das Phänomen, das von einem Einzelfall fälschlich generalisiert wird, auch anders nennen: Repräsentativitätsheuristik, emotionale Heuristik, Confirmation Bias, Outgroup Bias, Korrespondenz Bias, Overconfidence Effekt, Sleeper Effekt, illusorische Korrelation, internal stabile Attribution, Akteur-Beobachter-Divergenz, Gruppenpolarisierung oder auch instrumentell: „Mythbusting Kit“ (Lilienfeld et al, ab S. 10), in welchem zehn Urteilsfehler aufgelistet sind: Mundpropaganda, Wunsch nach einfachen Antworten und schnellen Handlungen, selektive Wahrnehmung und Gedächtnis, Kausalität aus Korrelationen schließen usw.

Jedes dieser empirisch fundierten Verhaltensmuster beschreiben jedoch nur, sie erklären recht wenig, finde ich.

Dissonanz & Reaktanz

  • Dissonanz bedeutet einfach gesagt, dass irgendwas nicht zusammenpasst und Spannung erzeugt. Diese Spannung kann zwischen den Menschen entstehen (z.B. zwischen den Debattanten, zwischen Deutschen und anderen), können aber auch innerhalb eines Menschen in der Psyche vorkommen (Psychodynamik / Tiefenpsychologie).
  • Reaktanz bedeutet einfach gesagt, dass ein Individuum Stress oder Druck wahrnimmt (insbesondere bei Überzeugungsversuchen) und darauf mit der Ausübung des kritisierten Verhaltens reagiert (also genau das Gegenteil dessen tut, zu dem der Kritiker ihn eigentlich überreden wollte). Man könnte sagen, ein Mensch tut etwas unter Reaktanz „erst recht“ – noch mehr, statt weniger.

Daraus (und aus anderen Theorien) leite ich Hypothesen ab:

  1. Die Facebook-Kommentatoren hatten wahrscheinlich Vorurteile. Dann bekamen sie eine Geschichte geliefert, die diese Vorurteile bedient – oder eben nicht, wenn sie den Einzelfall von ihren Schemata getrennt hätten. Hätten sie getrennt, wäre unangenehme Dissonanz entstanden (zwischen ihrem trennenden Verhalten und dem „eigentlich“ „passenden“ Einzelfall). Diese Dissonanz kann allgemein vermieden werden durch Ändern ihres Verhaltens, kognitive Umdeutung oder Hinzufügen passender Kognitionen. Vor allem letzteres ist eigentlich das Gleiche, wie die eigenen Vorurteile und Stereotype durch eine Anekdote bestätigt zu sehen. Umdeuten geht schlecht, wenn sie bereits als Rassist bezeichnet wurden und ihr Verhalten zu ändern, würde u.a. ihre Identität bedrohen. „Dissonanz vermeiden wir sogar auf Kosten eines rationalen Verhaltens“! (Aronson et al, S. 188). Dissonanz kann auch nach Entscheidungen entstehen (z.B. der Entscheidung, rassistische Kommentare zu posten). Um diese zu reduzieren, werden nur noch „Argumente zugunsten [der gewählten Option] gesammelt“ (ebd., S. 189). Der gleiche Effekt greift, wenn Menschen schon sehr lange so denken („Tradition“) oder subjektiv viel Leid erlebt / beobachtet haben, welches sie auf die Gruppenzugehörigkeit ihrer „Täter“ zurückführen. Je mehr Leid erlebt oder beobachtet wurde (und wenn das jedes mal auf die Nationalität zurückgeführt wurde), desto fester wird ein Vorurteil. Ich denke, die Versuchung, zu verallgemeinern, ist einfach zu groß – bzw. viele merken gar nicht, dass sie es tun und/oder dass es anders besser sein könnte, warum, wie, etc.
  2. Rassisten sind theoretisch eine Minderheit. Sie stehen unter stärkerem Druck als die Mehrheit (Konflikttheorie nach Nemeth, 1986) und müssen konsistent ihre Meinung vertreten & Konflikte auslösen, um Einfluss auszuüben (Konversionstheorie nach Moscovici, 1980). Daher ist es logisch, wenn sie auf Überzeugungsversuche häufig mit Reaktanz reagieren und ihre Ansichten „trotzdem“ vertreten.
  3. Gemäß der Realistic Conflict Theorie führen begrenzte Ressourcen, die umkämpft werden, bei den Kämpfern zu Vorurteilen. Das erklärt, warum der Original-Poster es befürwortet, wenn andere mit Vorurteilen auf die Unterstützung jener reagieren, die der gleichen Gruppe wie der des Täters angehören (Flüchtlinge). Aus seiner Sicht werden wohl Ressourcen unfair verteilt (zu viel an „die“, zu wenig an seinen Onkel) und daher sind rassistische Kommentare angenehm für ihn (erkennbar an seinem Like unter solchen Kommentaren).
  4. Gemäß der Theorie der aggressiven Hinweisreize (Berkowitz 1974) muss nur ein Objekt (welches symbolisch für Aggression steht) im gleichen Raum wie die Versuchsperson sein, damit die Versuchsperson aggressiver reagiert, im Vergleich zu Räumen ohne diesem Objekt (Beispiel: Räume mit und ohne Waffen). Wahrscheinlich ist der Effekt der gleiche bei Flüchtlingen. Ein Flüchtling steht bei Rassisten symbolisch für Aggression bzw. Bedrohung, und sobald er in eine Geschichte eingewickelt ist, in der er selber auch noch Täter ist (wie im Original Post), entsteht Fremdenfeindlichkeit und Ausländerhass. Dass seine Nationalität in der ganzen Geschichte völlig irrelevant sein könnte, wird nicht bedacht oder verdrängt.
  5. Gemäß der Terror-Management-Theorie (Greenberg, 1997) kann unter großer Vernichtungsangst verstärkt symbolisch in die eigene Kultur investiert werden – in der Hoffnung, dass „wenigstens“ die eigene Kultur weiter lebt und unsterblich ist. Und ähnlich, wie Kinder in Stresssituationen Kontakt zur Bezugsperson suchen, um wieder beruhigt zu werden, können Menschen in kollektiven Stresssituationen Kontakt zur eigenen Kultur suchen – daher nennt man es vielleicht auch „Vaterland“ (Vater = symbolische Bezugsperson). Engerer Kontakt zum eigenen Land vermittelt dann wohl unbewusst den Eindruck der Beruhigung und Sicherheit. Dass ein Erwachsener eigentlich keinen Vater und keine Mutter mehr braucht, um – in diesem Fall – mit Flüchtlingen „klar zu kommen“, wird wahrscheinlich nicht bedacht. Das Gefühl der Bedrohung oder Benachteiligung mag echt sein, die Quelle dessen aber falsch attribuiert (Quellenkonfusion – da wird mitunter der Fakt, dass der Täter ein Flüchtling war, damit gleichgesetzt, dass er jemanden verletzt hat – und so wird eine Abneigung gegenüber einem Einzeltäter extremisiert auf dessen ganze Nation). Allerdings würde ich der These zustimmen, dass gute Politiker gebraucht werden, um Verbrechen & Gewalt angemessen zu behandeln.

Grobe Lösungsansätze

Weil mein Post bis hierhin schon recht lang geraten ist, möchte ich mich auf nur zwei Lösungsansätze beschränken, die miteinander zusammenhängen. Bei Individuen behandelt man Ängste durch Konfrontation und Verhaltensänderung (kognitive Verhaltenstherapie) – die gleichen Strategien funktionieren auch auf kollektiver Ebene. Konfrontation (z.B. mit „anderen“ Flüchtlingen) kann schrittweise oder „volle Kanne“ gemacht werden, in der Vorstellung oder in der Realität (2×2 = 4 Möglichkeiten). Häufig mischt man, zumindest bei Arachnophobie (Angst vor Spinnen), beide Vorgehensweisen. Zuerst schrittweise sich dem angstauslösenden (oder Aggression auslösenden) Reiz stellen, imaginativ, dann „in echt“. Konfrontation bewirkt Verhaltensänderung und Desensibilisierung (die Angst geht runter) – wenn nicht, d.h. wenn Konfrontation mit Gewalt beantwortet wird, erledigt Polizei & Justiz meistens den Rest und das ist gut so.

Verhaltensänderung geschieht in Form von Vorschlägen oder Hausaufgaben, z.B. bewusst nach anderen Fällen innerhalb der gleichen Gruppe suchen. Das Problem an der Sache: Therapie hilft nur, wenn es jemand freiwillig machen will (bzw. unter niedriger exerner Rechtfertigung / eher intrinsischer Motivation). Rassismus ist nicht therapierbar in dem Sinne, dass Therapeuten es „wegmachen“ könnten oder wollten/sollten. Aber er ist veränderbar.

Es gibt natürlich noch x andere Strategien zur Verhaltens- / Einstellungs- / Denkmuster-Änderung (u.a. die Routen zur Persuasion nach Petty & Cacioppo; 6 Waffen der Einflussnahme nach Cialdini, Statistik-Kurse, Erzeugen von Empathie für Flüchtlinge, Unzufriedenheits-Induktion mit dem bisherigen Denken, damit Alternativen attraktiver werden, usw. usf.) aber hiermit soll es vorerst genug sein. 😉 

Quellen:

  • Aronson, E., D. Wilson, T. & Akert, M. Robin. (2008). Sozialpsychologie. München: Pearson Deutschland GmbH [Kapitel 3,4,6,7,9,12 & 13]
  • Kahneman, D. (2011). Thinking, fast and slow. Schnelles Denken, langsames Denken. (Vierte Auflage). München: Siedler Verlag.
  • Lilienfeld, S.O., Lynn, S.A., Ruscio, J. & Beyerstein, B.L. (2010). 50 Great Myths of Popular Psychology. UK: Wiley-Blackwell
  • Walter, E. Material der Sozialpsychologie-Vorlesung (I & II) der Uni Trier (2012 / 2013).

Theorie vs. Praxis

Tabelle Studienerfahrungen_größer

Aus diesem Vergleich (siehe Tabelle) leite ich Fragen ab:

1) Wie kann man diese (subjektive) Gegenüberstellung bewerten? Welcher Impuls drängt sich auf?

Der erste Impuls wäre vielleicht zu sagen, „Mein Gott, das Studium hat gar nichts mit der Praxis zu tun“. Genauso gut könnte man dies aber auch positiv auslegen, z.B. „Die Praxis ergänzt sich mit der Theorie; die Theorie ist das Werkzeug für die Praxis“. Die Gegenüberstellung könnte man also sowohl negativ als auch positiv bewerten (man kann auch differenziert feststellen, dass sich manche Bereiche gar nicht gegenseitig ausschließen, z.B. kann ein vermeintlicher Theoretiker auch gleichzeitig gutes Vorbild sein).

Ich tendiere insgesamt eher zum Negativen, weil dieser Vergleich mir eher den Schluss aufdrängt, dass praktisch Relevantes an Universitäten kaum gelehrt wird, oder, dass zugunsten eines wissenschaftlichen Herangehens die praktischen Tätigkeiten -z.B. Fallgeschichten aus therapeutischer Praxis- weniger beleuchtet werden. Ich fühle mich subjektiv sehr gut auf eine Forschungskarriere vorbereitet, aber kaum auf eine therapeutische Tätigkeit (oder eine andere, bei der man intensiv und im direkten Kontakt „mit Menschen zu tun hat“).

2) Warum scheint es an einer Uni um völlig Anderes als die Realität zu gehen?

Auch der plausible Schluss, dass ein Studium sinnlos (oder losgelöst von der Realität) sei, ist wohl nicht ganz handfest. Wie soll denn ein Psychologie Bachelorstudium auf diese Realität vorbereiten, wenn die aus so vielen (Berufs-)Bereichen besteht? Pessimisten nennen das Psychologie-Grundstudium vielleicht „unspezifisch“, Optimisten nennen es „vielfältig“. Ein recht neutraler Begriff ist wohl „breit“, also breites Grundlagenwissen. Je nach Realität (die subjektiv konstruiert wird) erscheint dann so ein Studium passend – oder realitätsfern. Die Vielfalt der Psychologie sollte wohl weiterhin gelehrt werden, weil Psychologen in sehr vielen Bereichen arbeiten und weil Menschen, die gerade erst ihr Abitur gemacht haben, vielleicht noch nicht wissen (können), dass sie z.B. Psychotherapeut werden wollen.

Ein Problem, das sich aus dieser Vielfalt ergeben kann, ist, dass man mit einem Bachelorabschluss „vieles halb kann, aber nichts richtig“, was auf dem Arbeitsmarkt nicht oft so gern gesehen wird (meine Erfahrung).

Eine Ressource, die ich aus dem Studium mitgenommen habe, ist z.B. ein wissenschaftliches Vorgehen. Ich finde, auch in der direkten Arbeit mit Menschen kann man Hypothesen aufstellen, Hinweise für und gegen diese sammeln und die Hypothese dann verwerfen (oder beibehalten, ersetzen, verbessern, …). Außerdem muss man sich immer kritisch hinterfragen, wem solche Hypothesen eigentlich nutzen und ob sie manchmal zu sehr die Problemseite, statt eine Lösung fokussieren.

3) Was sollte man an Universitäten verändern?

Im Studium gibt es für meinen Geschmack insgesamt viel zu wenig Praxisbezug. Hier wären meine Ideen, dies zu erhöhen:

  • In Vorlesungen (besonders klinische Psychologie und andere Anwendungsbereiche) praktische Beispiele bringen, also davon erzählen; Anekdoten blieben bei mir eher hängen als Theorie
  • oder Aufgaben einbinden, vielleicht nach dem Schema, „Was würden Sie hier tun und warum?“
  • Fallbeispiel-Seminare machen (das ist dringend nötig) – eine Idee wäre, aus einem Störungsbereich lauter Fälle auszusuchen oder aus jedem Bereich 2-3 Beispiele. Ziel: praktische Lösungen entwickeln, an konkreten Menschen (natürlich anonyme Fälle.) Das war mir teils aus Platzmangel nicht möglich: auf 30 Seminarplätze waren bis zu 100 Interessenten da und ich wurde rausgelost.
  • Feldstudien
  • und Interviews machen lassen, statt immer nur quantitative Methoden anzubieten
  • weniger Klausurenwahn, weniger Prüfungswahn, damit mehr Ressourcen frei werden für praktische Tätigkeiten, zum Beispiel:
    • Interview/Besuch einer Selbsthilfegruppe,
    • ein Tag in der Klinik,
    • mit einem Betroffenen reden,
    • einen Psychotherapeuten oder Psychiater interviewen, etc.

Manche dieser Ideen werden bereits umgesetzt, z.B. wenn klinische Professoren aus der Praxis erzählen oder wenn Sozialpsychologen aktuelle Nachrichten von z.B. Politikern einbauen. In solchen Veranstaltungen hatte ich besonders viel Spaß.

Fazits:

  1. Der Impuls, ein Studium als nutzlose Theoriebildung abzustempeln, ist undifferenziert. Schlüssiger ist aus meiner Sicht die Konklusion, dass Wissenschaftliches stärker gewichtet zu werden scheint als therapeutisch-praktische Fähigkeiten (oder andere praktische Fähigkeiten). Es stellt sich also wenn dann die Frage: Psychologie Bachelorstudium, nutzlos für wen? Und warum?
  2. Eigentlich ist es sehr realitätsnah, in so vielen Bereichen Kenntnisse zu erwerben (sofern eben berücksichtigt wird, in wie vielen Bereichen Psychologen tatsächlich tätig sein können). Es sei denn, man definiert „Realität“ als „Therapiepraxis“, dann erscheint das Bachelorstudium wohl wirklich realitätsfern / unpassend. Zum Thema „Direktausbildung zum Psychotherapeuten“ siehe z.B. http://direktausbildung.de/?page_id=23
  3. Es gäbe Möglichkeiten, ein Studium viel realitätsnaher zu gestalten. Diese werden aber meiner Meinung nach noch zu wenig umgesetzt.

Was sind eure Erfahrungen?

Vorurteile gegenüber Psychotherapie-Patienten

Versager, Spinner oder Aufmerksamkeitssucher – es sind immer noch viele Vorurteile gegenüber Psychotherapie-Patienten im Umlauf. Oft sehe ich immer die gleichen Argumentationen unter online-Artikeln, die sich mit Psychotherapie beschäftigen. Ziel ist diesmal, die Vorurteile zu beschreiben und zu vernichten.

1) Versager / Weicheier

Menschen mit psychischen Problemen seien angeblich Versager mit zu wenig Selbstdisziplin, sie strengen sich nicht genug an, machen sich durch ein Outing lächerlich, werden beschuldigt, zu unrecht Opfer zu spielen und sich – etwa durch eine Therapie – in Unmündigkeit zu stürzen (manche bezeichnen das mehr oder weniger explizit als „weinerliche Wohlstandsgesellschaft“, eine Welt voller Jammerlappen). Erstens: Das sind meiner Meinung nach alles Anschuldigungen (mit impliziten Appellen ala „reißt euch doch mal zusammen“). Zweitens, in Extremform sind sie allesamt absurd (eine internal stabile Attribution und Monokausalität von psychischen Problemen ist alleine betrachtet unrealistisch und erklärt bspw. nicht, warum jemand trotz größter Anstrengungen weiterhin psychisch stark belastet bleibt).

Wie absurd die meisten Anschuldigungen sind, erkennt man vielleicht, wenn man psychisch Kranke mit anderen Kranken vergleicht, bspw. Diabetikern. Auch wenn der Vergleich nicht makellos ist: Jemand mit Diabetes als Versager mit zu wenig Selbstdisziplin hinzustellen, der sich nur mehr anzustrengen braucht, kein Opfer mehr spielen soll und Mündigkeit oder Härte beweisen soll, ist doch wirklich absurd. Durch Anstrengung alleine hat noch keiner mehr Insulin produziert! (Gleiches gilt für chronisch depressive Menschen, die oft nur mit Medikamenten ein würdiges Leben leben können – und wer diese Menschen als Jammerlappen abstempelt, offenbart sowohl fehlende Bildung als auch fehlende Menschlichkeit.) Wer sich selbst am Schopfe packen und psychisch heilen kann, hat Glück, weil das einfach nicht jeder schafft. Nur weil manche es alleine schaffen, heißt es nicht, dass alle, die sich einer Therapie unterziehen, Jammerlappen sind (denkt jemand wirklich schwarz weiß und unterteilt die Welt in Versager und Gewinner? Die Welt ist nicht schwarz weiß). Noch ein paar Vergleiche: Jemand, der Zahnschmerzen hat, wird auch nicht verurteilt, wenn er zum Zahnarzt geht. Jemand mit einem Tumor wird operiert, weil er sich nicht selbst operieren kann. Jemand, der in irgendwas unterrichtet wird, kann gar nicht unmündiger werden, denn das Ziel von Unterricht ist es doch, mündig zu werden. Psychotherapie hört irgendwann auch wieder auf und da kann man kaum seine Verantwortung völlig an eine Autorität abtreten (ja, es gibt Abhängigkeit von Patienten in Psychotherapie, aber die implizite Faulheitshypothese erklärt meiner Meinung nach nicht, warum psychische Probleme immer mehr zunehmen). Und wie überzeugend wäre es, jedem Grippe-Kranken weismachen zu wollen, er sei größtenteils „halt selber schuld“?

Die allerwenigsten Menschen bleiben ihr Leben lang völlig gesund, und das gilt für körperliche wie psychische Gebrechen (dazu gibt es genug Statistiken). Warum soll man „die Psychos“ verurteilen, wenn sie in einer Therapie versuchen, das zu lernen, was sie noch nicht können? Wer mit so Thesen wie „weinerliche Weicheier“ um sich wirft, sollte sich in Sachen Attributionsstil (fundamentaler Attributionsfehler), Statistik, Prävalenzrate und Logikfehler (z.B. unzulässige Verallgemeinerung) weiterbilden – denn dann könnte er irgendwann facettenreicher attribuieren, psychische Probleme anerkennen, Logikfehler vermeiden und vielleicht nebenher auch etwas mehr Empathie entwickeln, finde ich.

2) Spinner / Simulanten

Psychotherapie-Patienten seien manchmal Spinner, die sich ihre Sorgen nur einbilden. Einerseits gibt es das Konzept des Krankheitsgewinns, also der Gedanke, dass manche Störung irgendeinem (meist unbewussten) Zweck dient. Andererseits sind Wartezeiten für Therapieplätze so lang (meist Monate), dass es unlogisch ist, anzunehmen, dass am Ende nur „Spinner“ übrig bleiben, Menschen also, die es geschafft haben, ihre angeblich harmlosen Sorgen monatelang aufrecht zu halten. „Spinner“ werden von kompetenten Therapeuten i.d.R. auch aussortiert, sei es durch ein formloses Erstgespräch oder durch ein professionelles Screening-Verfahren. Es können gar nicht so viele Simulanten in Therapie sein, weil es lange Wartezeiten gibt, und weil sie den Therapeuten und ggf. ein Screening täuschen müssten. Logisch gesehen muss also die Mehrheit der Therapie-Patienten tatsächlich ernsthafte Probleme haben, statt dass sie sich alles nur einbilden. (Die Menschen, die tatsächlich nur leichte Probleme haben, sind ja meistens auch schnell austherapiert.)

Es wird außerdem schwierig, einen Therapeuten zu finden, der eine Diagnose komplett vortäuscht, damit ein Patient therapiert werden kann. Eine weitere Hürde ist also, neben dem Therapeuten als Person, auch das Gutachten, das von einem externen Gutachter der Krankenkasse beurteilt wird. Das sind wohl zu viele Barrieren für „Spinner“. Die Gruppe aus Therapie-Patienten besteht also am ehesten aus lauter Ernstfällen. (In manchen Fällen ist eine augenscheinliche „Spinnerei“ auch genau das Problem, das therapiert werden soll, z.B. bei Hypochondrie.)

Neben den kassenärztlich anerkannten Therapieverfahren gibt es auch die Möglichkeit, privat zu zahlen (also ohne irgendeine involvierte Krankenkasse). Es wird wohl auch reiche Patienten geben, die sich das erlauben können – aber es ist fraglich, warum ein Psychotherapeut einen Menschen behandeln sollte, der „eigentlich“ kein Problem hat. Für was wird er dann bezahlt? Normalerweise gibt es einen deutlichen Veränderungsauftrag – wenn nicht, handelt es sich bei dem Interessierten um einen „Besucher“ bzw. einen „Klagenden“, aber keinen „Kunden“ (Steve de Shazer, siehe: http://methodenpool.uni-koeln.de/zirkulaer/zirkulaer_darstellung.html). Der wichtigste Unterschied zwischen Kläger und Kunde ist (aus meiner Sicht), dass der eine über seine Probleme „nur jammern“ will, während ein Kunde darüber hinaus auch ernsthaft an einer Veränderung interessiert ist. Wer ein Symptom nicht loswerden möchte („weiterspinnen“ will), der versucht vielleicht unbewusst, damit ein Bedürfnis zu befriedigen, z.B. Aufmerksamkeit. In einer Therapie wäre es dann vermutlich ein Ziel, dies bewusst zu machen und das Bedürfnis auf anderen Wegen zu befriedigen (oder ggf. zu hinterfragen, ob das Bedürfnis selbst vielleicht unangemessen oder unrealistisch ist). Kurz, selbst wenn manche der Patienten sich ihre Sorgen nur einbilden, hilft es niemandem, sie zu verurteilen und dann weiterzumachen wie bisher.

3) Aufmerksamkeitssucher & Modeerscheinung

Psychotherapie sei nichts anderes als Angeberei mit Opferstatus. „Seht her, wie krank ich bin! Ich armes Opfer.“ Gerne in enger Korrelation mit, „Das ist im Trend, es ist jetzt schick, eine Diagnose zu haben.“ Ich finde, psychische Erkrankungen trägt man nicht wie Modeschmuck, warum auch, sie zerstören einem das Leben. Ich glaube die Sorge, die hinter diesem Vorurteil steckt, ist, dass Diagnosen missbraucht werden und dass viele damit angeben wollen. Manche der Patienten würde sich ohne Aufmerksamkeit/Therapie vielleicht umbringen, insofern ist Aufmerksamkeit bzw. Therapie schon sinnvoll. Ich bezweifle allerdings, dass die Mehrheit heutzutage es wie Schmuck behandelt (Diagnosen kann man kaum wieder „ablegen“ wie Modeschmuck, meist bleiben die Daten erhalten und können später z.B. bei Verbeamtung Probleme machen). Selbst wenn die Mehrheit so „im Trend liegen“ würde – soll man zum Nachteil der Minderheit, die wirklich krank ist, die ganze Gruppe an Diagnostizierten als Heuchler hinstellen? Inwiefern soll das vernünftig, realistisch oder einfühlsam sein?

4) Luxussorgen

Psychotherapie sei etwas für die Reichen und für die, die sonst keine Probleme haben. Richtig ist, dass Therapie wirklich viel Geld kostet, wenn es die Krankenkasse nicht zahlen will (meistens übernehmen sie aber die Kosten) – nämlich ca. 100-200 Euro pro Sitzung, welche meist um die 50 Minuten dauert. Falsch oder unlogisch ist, dass Patienten sonst keine Probleme hätten. Eine psychische Störung kann das Sozialleben und die Arbeitsfähigkeit verschlechtern und/oder behindern, zu der Störung kommen also diese beiden Bereiche meist noch dazu. Und nur weil ein Staat Menschen dazu zwingt, zu arbeiten, damit sie genug Geld fürs Leben haben (was aber auch bei Arbeit nicht immer der Fall ist, der Mindestlohn ist immer noch kein Standard), so heißt es nicht, dass die, die vielleicht gerade noch arbeiten können, Luxussorgen hätten bzw. auf hohem Niveau klagen. Was ist Niveau und warum soll Lebensqualität ein Luxusgut sein (warum soll, in manchen Fällen, das nackte Überleben zum Luxus gehören? Es ist unlogisch, weil das bedeuten würde, dass man auch ohne Überlebenswillen leben kann, und das trifft auf eine kleine Gruppe an depressiv Erkrankten schon mal nicht zu.) Man würde außerdem einem Herzkranken kaum erzählen, dass er spinnt, weil er sich regelmäßig untersuchen lassen will, oder? Das ist kein Luxus – sondern für psychisch Kranke geht es immer um Lebensqualität und manchmal auch um Leben und Tod.

Es gibt auch noch andere Vorurteile – z.B. dass psychisch Kranke oft gefährliche Verbrecher seien. Aber ich belasse es mal hierbei. Ich freue mich jedenfalls auf das Zeitalter, in dem z.B. Depressionen durch einen Bluttest belegt werden können – denn das könnte vielen Vorurteilen einfach den Boden unter den Füßen wegnehmen!

Fazit:

Versager, Spinner, Aufmerksamkeitssucher und Modeerscheinung sowie Luxusprobleme sind häufige Vorurteile – die man am ehesten als absurd entlarvt, wenn man sie mit körperlichen Krankheiten vergleicht. Auch könnten „Hardcore Verurteiler“ in Bedrängnis kommen, wenn man sie mit Grenzbereichen konfrontiert, z.B. Psychosomatik. Sind bspw. Menschen mit Reizblase, chronischen Schmerzen oder Migräne auch lauter „Versager“? Ich vermute jedenfalls, dass Bildung und Empathie am ehesten diese typischen Vorurteile ausmerzen könnten.

Manipulationsmanöver in Beziehungen

Menschen, egal, ob es Freunde, Liebespartner oder Arbeitskollegen sind, können sich gegenseitig manipulieren (zum Unterschied zwischen Kommunikation und Manipulation siehe diesen Beitrag hier: https://www.lea-fuhs.de/kommunikation-vs-manipulation/).

  • Ziel in Teil I ist es, möglichst viele Manöver zu sammeln und zu ordnen, wobei immer ein mögliches Gegenteil jeweils aufgezeigt wird (außerdem benutze ich bewusst eher Alltagsbegriffe als Fachbegriffe).
  • Teil II behandelt die Frage, wann Manipulation etwas Schlechtes ist.
  • Teil III beinhaltet Ideen zur Selbstverteidigung gegen manipulativ-schädliche Manöver.

Teil I) Welche Manipulationsmanöver gibt es und wie kann man sie ordnen?

Es gibt laut meiner Erfahrung drei Gruppen von Manipulationsmanövern:

  1. Abwertung der Anderen (eigentlich: der Andersdenkenden & der Argumente)
  2. Ablenkung und andere Ausweichmanöver (Ausflüchte)
  3. Verzerrungen (Dinge aufblasen, klein reden u.Ä.)

1) Abwertung der Anderen

  • Beschuldigen, Vorwürfe, Anklagen (statt sich selbst ehrlich zu entschuldigen oder sich zu fragen, was man selbst verkehrt gemacht hat)
  • Erzeugen von Schuld, Scham, Schande in anderen (statt eigene negative Selbstanteile anzusehen)
  • alle Thesen schlechtreden / niedermachen (statt Einfühlungsvermögen)
  • Fertigmachen der Anderen („Verdammung der Verdammenden“, statt Einsicht oder Empathie)
  • Kenn-ich-nicht,-gibts-auch-nicht (oder Hab-ich-noch-nie-gehört-Argument, statt sich wenigstens kurz darauf einzulassen, oder die eigenen Einstellungen zu hinterfragen)

2) Ablenkung und andere Ausweichmanöver (Ausflüchte)

  • Opfer spielen (keine Verantwortungsübernahme, statt etwas einzusehen oder anzunehmen)
  • Leugnen / Verdrehen von Verantwortung (statt sie zu übernehmen; keine Einsicht)
  • Eröffnen von Nebenkriegsschauplätzen (andere oder lose verwandte Themen eröffnen, statt am Thema zu bleiben)
  • Zusammenhänge herstellen, wo keine sind / Verwirrung stiften (statt Aufklärung zu unterstützen)
  • Provokation, meist in Form von Unterstellungen (direkt, indirekt, statt aggressionsbefreit zu kommunizieren)
  • absichtlich schwammige Aussagen (statt wasserdichte Aussagen zu machen)
  • Fragen gezielt nicht beantworten (untergehen lassen, ignorieren, statt vollständig darauf einzugehen)
  • Mitleids-Appelle (lat. „argumentum ad misericordiam“, X-kann-doch-nicht-anders-hab-Mitleid-mit-X-Behauptung, statt Erklärungen und Entschuldigungen strikt zu trennen)

(Sowohl Ablenkung als auch Abwertung)

  • Zurückschießen (du-bist-auch-nicht-besser [lat. „tu quoque“], statt am Thema / nüchtern zu bleiben)
  • persönliche Angriffe (du-willst-doch-nur [lat. „argumentum ad personam“], statt am Thema zu bleiben)
  • Einwände bewusst zurückhalten (evtl. Hintergedanke: „Das zahl ich dir später doppelt heim“, statt rechtzeitig den Mund aufzumachen)

3) Verzerrungen

  • Übertreibungen, aufblasen (statt realistisch zu bleiben)
  • Verharmlosen, klein reden (statt einfühlsam zu sein oder jemanden ernst zu nehmen)
  • Verallgemeinern, Ausdehnen auf andere Bereiche (statt am Thema zu bleiben)
  • Drama, etwas schlimmer machen, als es ist (statt ruhig zu bleiben)
  • Lügen und Dinge erfinden (statt die Wahrheit zu sagen); siehe auch „Gaslighting“
  • Umformulieren, Worte im Mund rumdrehen, sodass sie selbst besser dastehen (statt Einsicht)
  • schwarz-weiß-Denken / entweder-oder-Denken / falsche Dilemmata (statt die Welt / sich selbst / eine Sache realistisch-differenziert zu betrachten)
  • Strohmann-Argumente (Thesen der Anderen verzerren und die Verzerrung widerlegen, statt die Thesen selbst – oder jemand kämpft gegen komplett erfundene Probleme.)
  • Der Zweck heiligt die Mittel“ als kaltherziger Pragmatismus (statt Verantwortung für die Wahl unlauterer Mittel zu übernehmen)

Diese Manöver werden oft miteinander kombiniert, sodass sie sich gegenseitig verstärken.

Wiki-Quellen hierzu:

Teil II) Wann ist Manipulation etwas Schlechtes?

Die aufgelisteten Manipulationsmanöver sind meiner Meinung nach dann schlecht, wenn sie gezielt Menschen schädigen sollen. Sie sind nicht per se schlecht, sondern eher dann, wenn sie massiv eingesetzt werden und/oder nur den Interessen der Täter (der Kläger, der Verfolger) dienen und zu Kosten der Anderen (Angeklagten, Opfer, „Zielscheiben“) gehen. Machtdurchsetzung per Manipulationsgewalt braucht Gegenwehr. Der Beitrag hier soll aufklärerisch zur Gegenwehr beitragen.

Zum Begriff Manöver (oder Manipulationsmanöver) :

Theoretisch ist er neutral und nimmt erst in konkreten Interaktionen eine negative oder positive Gestalt an (oder hat entsprechende Effekte). Jedes dieser Manöver kann man zum gesunden Selbstschutz benutzen. Aber das, worauf ich anspielen wollte, ist eher ein aggressives, gestörtes Hauen und Stechen, das vielleicht in einer Persönlichkeitsstörung wurzelt. Dabei macht es einen dicken Unterschied, ob jemand aggressiv-manipulativ seinen Willen durchsetzen will oder ob sich jemand passiv-verteidigend gegen eine Grenzüberschreitung wehrt (das Eine ist Misshandlung anderer Menschen, das Andere ist Selbstverteidigung – der Unterschied ist wichtig).

Die drei Kategorien sind für mich nicht einfach zu trennen; manche Taktiken lenken ab, werten ab und verzerren Tatsachen gleichzeitig. Trotzdem glaube ich, dass sie helfen können. Hoffentlich ist es mir insgesamt gelungen, einen Überblick der Manöver zu liefern und zu zeigen, was eigentlich das jeweilige Gegenteil sein könnte.

Teil III) Ideen zur Selbstverteidigung gegen manipulativ-schädliche Manöver

Gegen Abwertungstaktiken kann man sich wehren, indem man sie

  • korrigiert (sachlich paraphrasieren, was eigentlich gesagt wird)
  • parodiert (die Andeutungen total übertreiben und ins Lächerliche ziehen)
  • spiegelt (darauf hinweisen, dass das Gegenüber auch kein Heiliger ist)
  • umfokussiert (weg vom Abwerten, hin zur unterstellten Problemlösung- was ist denn eigentlich das Problem und wie wurde es gerade „gelöst“?)
  • offenlegt (z.B. nachfragen, ob tatsächlich gerade eine Abwertung beabsichtigt war und an konkreten Worten festnageln, falls der Manipulationsmensch flüchten will)
  • rationalisiert (z.B. „Ich schulde dir nichts, egal, wie sehr du versuchst, mir das einzureden.“)

Gegen Ablenkung, Ausweichen und Ausflüchte kann man sich wehren, indem man

  • Verantwortung aufzeigt („du hast … selbst entschieden und dafür bin nicht ich verantwortlich“)
  • selektiert („Meine Verantwortung besteht hier in… und deine in…“)
  • zurückführt (zum eigentlichen Thema)
  • identifiziert (falsche Zusammenhänge identifizieren oder ignorieren)
  • korrigiert (Provokationen und Unterstellungen richtig stellen, parodieren oder ignorieren)
  • konkretisiert (schwammige Aussagen in feste Aussagen umwandeln, darauf bestehen)
  • nachhakt (bei Fragen, die weggelassen wurden)
  • differenziert (ein Verhalten zu erklären ist nicht das gleiche, wie es zu entschuldigen!)

Gegen Verzerrungen kann man sich verteidigen, indem man

  • paraphrasiert (nur das beibehalten, was realistisch / vernünftig ist)
  • korrigiert (Verharmlosungen und Lügen als solche richtig stellen, statt zuzulassen, dass sie klein geredet und/oder anders neutralisiert werden)
  • kommentiert („Jetzt hast du’s verallgemeinert, darum ging’s doch gar nicht.“)
  • nüchtern bleibt (besonders bei Drama)
  • ausweitet (aus schwarz-weiß-Denken / entweder-oder-Denken / falsche Dilemmata wird dann graues Denken, sowohl-als-auch, und „Dilemmata“ mit mehr als nur zwei Optionen)
  • diagnostiziert (Strohmann-Argumente als solche offenlegen)

Wie man sieht, ist in vielen Fällen eine Korrektur bzw. eine Offenlegung angebracht. Neben dieser Palette an Selbstverteidigungsmechanismen gibt es auch die Möglichkeit, den Kontakt abzubrechen. Wann welche Strategie angemessen ist, muss jeder Mensch für sich entscheiden.

Die Strategie, Empathie bei solchen Manövern zu zeigen, ist ambivalent. Sie kann sich lohnen (wenn z.B. der Andere mit ehrlicher Dankbarkeit reagiert), sie kann aber auch missbraucht werden (z.B. als Freifahrtschein für weitere Fehltritte).

Kurz zusammengefasst:

  • Manipulationsmanöver könnten sich in drei Gebiete einteilen lassen (Abwertung, Ablenkung, Verzerrung) und man sollte sie in Gegensatzpaaren auflisten, damit man weiß, was das Gegenteil ist.
  • Manipulationsmanöver sind erst dann schlecht, wenn sie massiv-chronisch eingesetzt werden und anderen Menschen schaden (statt dass man sie ab und zu zwecks Selbstschutz oder Selbstbehauptung verwendet, was niemandem schadet).
  • Die beiden Haupt-Selbstverteidigungsmechanismen könnten Offenlegung und Korrektur sein.

Wie man eine Depression schlimmer macht

(6 Klassiker)

Es gibt im Internet schon einige gute Seiten, die zeigen, was man depressiven Menschen nicht sagen sollte (s. Quellen). Ich wollte das mal aufgreifen und teilweise um weitere Beispiele ergänzen.

Platz 1: Reiß dich mal zusammen!“

Könnte heißen:

  1. „Du bist zu empfindlich.“
  2. „Du nervst mich!“
  3. „Mach dich doch nicht lächerlich…“
  4. „Ich hab Angst um dich.“

Ich gehe davon aus, dass ein depressiver Mensch bei der 4. Variante am wenigsten Schaden nimmt. Was bedeutet Angst von Anderen? Vielleicht, „Ich habe Angst, die Kontrolle über dich und dein Wohlergehen zu verlieren, also tu es bitte selbst, also die Kontrolle wieder erlangen, ich kann es nämlich nicht; es stresst mich, dich so leiden zu sehen“. Sorge um Mitmenschen ist nicht verwerflich; helfen tut es aber auch nicht viel, wenn ein Leidender erfährt, dass die Anderen mit ihm nicht umgehen können.

Bei den anderen Sätzen (1-3) handelt es sich meiner Meinung nach um Beschuldigungen, Motto, wenn du keine Mimose wärst, hättest du weniger Probleme. Man macht den Leidtragenden zum Verantwortlichen und lädt ihm noch mehr Probleme auf, nämlich das Nervigsein und soziale Ächtung (weil er sich lächerlich machen könnte). Natürlich lässt sich trainieren, wie man Krisen bewältigt, aber meistens ist so ein Satz einfach nur ein Schlag ins Gesicht. Würde man einem kleinen Kind, das blutet, auch ins Gesicht sagen, es sei zu empfindlich? Wohl kaum. Ich empfehle keine kindliche Bemutterung, sondern einfach ein bisschen mehr Empathie. Statt unbewusst von Beobachtung zu Bewertung zu Beschuldigung zu springen, sollte man anders verfahren.

Man läuft bei Nr 4 auch Gefahr, viel zu verlieren (wie beim Pokern). Ein Depressiver könnte, wenn er weiß, dass er Anderen Angst macht, sich noch schuldiger und schlechter fühlen. Er trägt jetzt noch zusätzlich die Belastung, die er anderen macht. Stattdessen wäre es vielleicht besser, Unterstützung anzubieten.

Platz 2: „Denk positiv; es ist nur in deinem Kopf.“

Könnte heißen:

  1. „Du bist schuld.“
  2. „Tu bitte so, als ging’s dir besser.“
  3. „Ich nehme dich nicht ernst / verdränge es.“

Positiv zu denken, ist ein gut gemeinter Ratschlag – nur leider mehr Schlag, als Rat. Damit will der Mitmensch wohl ausdrücken, dass ein Depressiver immer noch die Kontrolle über sich und sein Denken hat. Das stimmt leider nur zum Teil und bei schweren Depressionen gar nicht.

1) Von Schuldzuweisungen sollte man dringend ablassen; Depressive werfen sich meistens selbst schon allerhand Dinge vor. Dies zu verstärken, ist eine sehr schlechte Idee (manchmal kann es sein, dass die Idee der Kontrolle jemanden aus der Hoffnungslosigkeit rettet; durch die negative Brille eines Depressiven kommt so ein Gedanke aber schnell als Anschuldigung rüber).

2) Auf so eine Anweisung reagieren Menschen zurecht empört / sprachlos / wütend, finde ich. Als ob Andere ihn plötzlich bitten, sich zu verstellen, damit es wieder in ein blumiges Weltbild passt. Natürlich gibt es in manchen Therapien den Ansatz des „so-tun-als-ob“ (eher Kurzzeit-/Lösungsorientierte Therapie). Aber auch hier gilt: Das kann schnell als Selbstverleugnung zum Zwecke der sozialen Erwünschtheit missverstanden werden. Viel Sensibilität kann helfen, dieses Missverständnis zu umgehen.

3) Nicht ernst genommen zu werden, empfindet bestimmt jeder Mensch als zermürbend. Da wird das eigene Leid, was (vielleicht unter großer Überwindung endlich) offenbart wurde, klein geredet oder verdrängt. Das führt wohl eher zu weiteren depressiven Verhaltensweisen als zu etwas Besserem. Stattdessen fühlt es sich vielleicht besser an, wenn das eigene Leid ernst genommen wird (korrekt verstanden und angenommen wird, usw.).

Es gibt therapeutische Konzepte, die damit arbeiten, das Denken der Menschen zu verändern. Das greift aber zu kurz, meiner Meinung nach. Es läuft z.B. Gefahr, die Motivation hinter dem Denken zu vernachlässigen. Manch eine Depression dient irgendeinem Zweck. Verändert man dann das Denken, verändert man nur das Symptom, nicht aber die Ursache – ein Holzweg. Besser ist, in so einem Fall vielleicht eher einen tiefenpsychologischen Ansatz zu wählen.

Platz 3: Du hast doch alles; anderen geht’s schlechter als dir.“

Könnte heißen:

  1. „Du bist unlogisch.“
  2. „Du hast ein Luxusproblem!“
  3. „Glück liegt in äußeren Dingen.“

Das lässt sich schnell abhaken:

1) Menschen sind einfach nicht rein rational, sondern auch emotional; das Menschenbild homo oeconomicus (ein rein rational agierendes Wesen) ist veraltet und unpraktisch, weil es eigentlich sehr viele Emotionen nicht erklären kann oder undifferenziert als Schuld des Einzelnen auslegt („denk mal vernünftig drüber nach, dann erkennst du, wie gut es dir geht“ – das kann ein Schuss ins Knie werden, wenn sich bereits vorhandene Schuld- und Versagensgefühle durch so einen Ratschlag verschlimmern.)

2) Luxusproblem? Ja, möglicherweise lassen sich psychische Probleme eher behandeln, wenn alle Grundbedürfnisse gedeckt sind – aber heißt das denn, dass es psychische Probleme nicht gibt, oder dass „die alle übertreiben, weil sie zum Therapeuten rennen“? Ich glaube eher, dass es normal ist, sich endlich um die Psyche zu kümmern, wenn es geht; vorher ging es eben einfach nicht (Zeit, Geld, Kraft, Normen, Entwicklungsstand der Gesellschaft) und das machte wohl einiges schlimmer. Es muss nicht bedeuten, dass es vorher keine psychischen Probleme gab, sondern nur, dass es niemandem auffiel, weil statt um eine gesunde Psyche einfach ums Essen oder andere Dinge gekämpft werden musste (z.B. in vorherigen Generationen).

3) Das erklärt nicht, warum sehr reiche Menschen unglücklich sind oder sehr arme durchaus glücklich. Also muss es eher im Inneren liegen oder an der Art des Lebens und Miteinanders, statt im Besitz o.Ä. Außerdem ist einem Menschen, der so einen „Tipp“ gibt, wohl nicht bewusst, dass er mit „alles“ nur halbwegs objektive Dinge meint (Besitz, Arbeit, Lebensstandard, Soziales) statt Subjektives, oder Irrationales. Die Herangehensweise und das Menschenbild dahinter ist vermutlich falsch oder zumindest nicht nützlich. Man nennt das „sozialen Abwärtsvergleich“, der die Stimmung heben soll; eine rationale Methode, die nicht immer hilft. Der soziale Abwärtsvergleich kann zwar das Befinden verbessern. Aber im schlimmsten Fall beschert man dem Depressiven noch mehr schlechte Gefühle, indem man im vorwirft, „trotz allem“ so depressiv zu sein. Statt Anklagen machen sich einfühlsame Angebote i.d.R. besser.

Platz 4: „Du musst mal mehr Leute kennen lernen.“

Könnte heißen:

  1. „Du bist schuld.“
  2. „Leute treffen macht’s besser.“
  3. „Als Depressiver geht man ja auch unter Leute…“

Der Mitmensch geht davon aus, dass Freunde die Depression verbessern könnten. Auch das ist gut gemeint, hat aber oft keine gute Wirkung.

1) Wieder scheint nur eine Anklage gesendet zu werden (oder vom Empfänger wird es so interpretiert). Eine Anklage ist, wie gesagt, nur eine Zusatzbelastung.

2) Nein, wenn es die falschen Leute sind.

3) Kaum, wegen Antriebslosigkeit, Teilnahmslosigkeit, Desinteresse, Freudlosigkeit, ewigem Pessimismus, Niedergeschlagenheit, usw.

Platz 5: Manchmal bin ich auch traurig.“

Könnte heißen:

  1. „Ich meine, dich zu verstehen (auch wenn ich’s nicht tue)“.
  2. „Depressionen sind mit Traurigkeit vergleichbar.“
  3. „Ich lenke von dir ab und ohne es zu merken, verharmlose ich dein Leid.“

1) Da versucht jemand, sich mit einem Depressiven zu solidarisieren / sich zu vergleichen. Dafür sollte man ihn nicht verurteilen (jedenfalls nicht für die gute Absicht). Trotzdem tut es aus Sicht eines depressiven Menschen oft weh, als „manchmal traurig“ beschrieben zu werden. Das erfasst die Gemütslage oft nur ansatzweise. Treffender wären wohl andere Beschreibungen, die zusammen mit Betroffenen abgestimmt werden.

2) Ja und nein. In dem Gefühl der Niedergeschlagenheit steckt Trauer drin, aber im Gegensatz zu Traurigkeit hält eine Depression länger an, ist langfristig eher nicht auf nur eine Sache fixiert (z.B. ein Verlust), ist intensiver, umfassender (Bereich Ich, Welt, Zukunft) und breiteres Leiden (nicht nur Gefühle sondern auch Gedanken, Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Lernen, Stressverhalten, usw.). Depressionen zeichnen sich dadurch aus, dass sie eigentlich viel mehr sind /anders sind als nur Traurigkeit, viel intensiver, lang andauernder und auch teils mit Kontrollverlust. Wenn überhaupt, ist Depression eine tiefe, schmerzhafte oder leere Traurigkeit, die lange nicht weggehen will, immer wieder kommt, zuweilen in Schüben, und in Selbstmordgedanken münden kann.

3) Ablenkung und Verharmlosung machen es vermutlich eher schlimmer als besser. Der Fokus liegt wieder beim Mitmensch, statt beim Leidtragenden, und das Leid selbst wird nicht richtig erfasst – beides Anlässe, auf eine eher geringere Empathie, oder auf Hilflosigkeit des Gegenübers zu schließen.

Platz 6: „Mach mehr Sport!“

Könnte heißen:

  1. „Fauler Sack.“
  2. „Endorphine helfen dir!“

1) Warum sollte eine Beleidigung jemandem helfen, bzw. wem?

2) Bewegung kann tatsächlich gut tun. Vor allem Ausdauersport soll sich antidepressiv auswirken. Fraglich ist nur, wie man jemanden, der antriebslos ist, zu etwas bringen soll, das Antrieb erfordert.

Also, insofern ist dieser Text eine etwas andere „Anleitung zum Unglücklichsein“. Die meisten Methoden sind einfach implizite Anklagen – was vielleicht die schädlichste Methode ist, mit einem Depressiven umzugehen (daher wäre es am wichtigsten, genau das sein zu lassen).

Was denkt ihr darüber?

Quellen:

http://psychcentral.com/blog/archives/2011/10/19/10-things-not-to-say-to-a-depressed-person/

http://thoughtcatalog.com/charlotte-green/2013/09/the-10-stupidest-things-you-can-say-to-a-depressed-person/

Burnout vs. Depression

Ich möchte durch Denken herausfinden, wie sich Burnout und Depression eigentlich zueinander verhalten. Heutzutage wird es ja fast gleichgesetzt (Burnout = Depression), manchmal wird auch Burnout stellvertretend für Depression benutzt (weil es gesellschaftlich vertretbarer zu sein scheint, wie ein Held ausgebrannt zu sein – statt angeblich selbstverschuldet einer Depression zu erliegen). Während das Eine strahlendes Etikett für maximalen Fleiß darzustellen scheint, ist das andere eine gruselige, „unspektakuläre“, gesellschaftlich immer noch stigmatisierte Störung.

Ich stelle vier Konzepte zeichnerisch auf und versuche, zu schlussfolgern, welches davon das beste sein könnte. (Ich habe die Gleichsetzung weggelassen, weil ich glaube, dass es Eigenschaften gibt, die diese beiden Krankheitsformen differenzieren).

Depr_alle 4 Bilder

Ich benutze das Ausschlussverfahren:

  • Bild 1 kann nicht stimmen, weil das bedeuten würde, dass Depression und Burnout (BO) gar nichts gemeinsam haben (getrennte Konzepte ohne irgendeine Ähnlichkeit), wobei z.B. Erschöpfung und Antriebslosigkeit bei beiden vorkommen können.
  • Bild 3 ist schwierig, weil das heißen würde, dass alle Ausgebrannten auch immer depressiv sind.
  • Bild 4 würde implizieren, dass alle Depressiven auch immer ausgebrannt sind.
  • Bild 2 ist für mich bisher die beste Variante.

Bild 2 impliziert, dass

  • Es Menschen gibt, die nur ausgebrannt, nicht aber depressiv sind (und umgekehrt; das ist in Bild 3 und 4 nicht beides gleichzeitig möglich).
  • Es Menschen gibt, die Symptome beider Konzepte aufweisen (in Bild 1 nicht möglich).

Daraus habe ich folgende Thesen hergeleitet:

  1. Depression betrifft meist mehr als die körperlich-seelische Leistungsfähigkeit; während drei Wochen Urlaub vielleicht manchen Ausgebrannten helfen können, kann das einem Depressiven nicht unbedingt helfen (Urlaub macht es vielleicht noch schlimmer, weil ein depressiver Mensch dann merkt, dass er sich „trotzdem“ nicht erfreuen oder etwas genießen kann)
  2. Menschen, die ausgebrannt, nicht aber depressiv sind, sehen sich selbst, die Welt und die Zukunft nicht immer so düster wie Depressive (sondern sie sind meist „nur“ für eine Weile ausgeknockt und brauchen tiefe, intensive Erholung)
  3. Burnout führt vielleicht eher zu körperlichen Symptomen (Herzrasen, Nervenflattern, Atemnot, Kopfschmerz, Schwindel, zittern, Strom durch Adern, nervliches Wrack etc.) als Depression (oft Antriebslosigkeit, Niedergeschlagenheit, Pessimismus, überbewerten von Negativem, nicht-spüren von Positivem, Interesselosigkeit, Heulkrämpfe oder Gefühllosigkeit/Taubheit, permanent traurig sein, Suizidgedanken usw.). Manchmal kann es auch vorkommen, dass sich hinter körperlichen Beschwerden aber auch eine Depression „versteckt“, das gibt es auch (siehe „larvierte Depression“).
  4. Beides sollte sehr ernst genommen werden. Ein Mensch mit Burnout kann einen Herzinfarkt erleiden und sterben, genauso wie ein Depressiver sich umbringen könnte.

Hier noch ein Bild, um zu zeigen, was ich meine:

Depr_Burnout_Grafik

Die Schwerpunkte liegen bei einem Burnout (rot) meiner Meinung nach anders als bei einer Depression (grau).

Im Studium habe ich mal gelernt, dass man Burnout klassischerweise an drei Haupt-Symptomen erkennt: Emotionale Erschöpfung (Gefühle, ausgebrannt und völlig KO zu sein), Derealisation (z.B. Abwertung, Entmenschlichung, Genervtheit/Aggression gegenüber  Klienten) und Leistungsminderung (das kann eine Leistungsabnahme über einen längeren Zeitraum sein, der chronisch wurde, oder auch ein plötzlicher Leistungseinbruch, der einen Menschen mit einem Schlag ausknockt).

Während also bei einem Burnout eher die totale Erschöpfung, Leistungsminderung und körperliche Symptome vorkommen können (die meist medizinisch schlechter zu erklären sind als psychologisch), stehen bei einer Depression vielleicht eher andere Dinge im Vordergrund, allen voran die negative Grundstimmung (auch negative Gefühlspitzen, die in Suizidgedanken oder -versuchen münden können), oft verzerrte Kognition („alles ist schlecht“ und Grübeleien), manchmal verlangsamte Sprache und geringere Entscheidungsfähigkeit (-effizienz), tagelang „herumliegen“ (oder andersrum, übertriebener Sport oder starke Unruhe → siehe „agitierte Depression“) und infolgedessen meist auch geminderte oder komplett fehlende Arbeitsfähigkeit.

Wichtig ist auch, zu bedenken, warum jemand weint – ist es Erschöpfung, Stress, Schlafmangel? Oder Weltschmerz, Selbsthass, tiefe Verzweiflung? Die ersten drei Faktoren sind eher Hinweise für ein Burnout, die letzten drei eher für eine Depression.

Schlussfolgerungen zu Depression vs. Burnout:

  1. Beides ist sehr ernst zu nehmen, weil beides lebensgefährlich werden kann. Es wäre falsch, Burnout gegenüber Depressionen zu verharmlosen, finde ich.
  2. Burnout zeigt sich wohl am ehesten in „plötzlichen“ Leistungseinbrüchen (und nervlichen Belastungen), Depression eher in lang anhaltenden Stimmungstiefs, die man u.a. an einer negativen Welt- und Selbstsicht erkennt. So gesehen wirkt Burnout wie eine akute Notbremse, während Depressionen eher anzeigen, dass irgendetwas grundsätzlich und langanhaltend nicht stimmt.
  3. Ein „normaler“ Urlaub hilft vielleicht noch bei Burnout, aber bei Depressionen hilft eher eine tiefgehende Kur / ein Klinikaufenthalt (weil mehrere psychische Bereiche betroffen sind).

Was ist eure Meinung?

Wie man ein Klausurensystem boykottiert

Diejenigen, die „warum?“ denken, sollten Teil I lesen, die, die loslegen wollen, Teil II, und die, die einen Boykott für überflüssig oder daneben halten, Teil III.

Teil I – Warum (Wozu)

Ich glaube, es ist eine ganz bestimmte Gruppe an Menschen, die den Boykott interessant finden könnten: Und zwar jene, die aufgrund der Prüfungsmentalität der Unis irgendwie unzufrieden sind (meist Studenten – und meist sehr viele Studenten). Unzufriedenheit wegen ungerechter Bewertung, zu vielen Prüfungen auf einmal (jahrelang), Bedürfnis, sich in irgendeiner Form zu wehren oder aktiv zu werden.

Meine Kritik richtet sich nicht an einzelne Menschen (Lehrer, Dozenten) sondern gegen das, was unsere Zeit ausmacht: Prüfungswahn, Leistungsdruck und (was vielleicht weniger offensichtlich ist) Geheimniskrämerei. Diese Geheimniskrämerei erkennt man an Unis z.B. daran, dass Klausuren quasi nie zurückgegeben werden, wohl aus Angst davor, dass dann Studenten nur noch bekannte Fragen auswendig lernen und es dann in der nächsten Generation lauter Einser hagelt (man verheimlicht also Informationen, die zu guten Noten führen könnten…).

Es könnte folgende Motive oder Zweckabsichten geben:

  • Unzufriedenheit (mit der gängigen Praxis, dem Zeitgeist)
  • Mitbestimmungsmangel (man darf oft nicht entscheiden, in welchen Bereichen, wann und wie man geprüft wird)
  • Diskriminierung (Menschen, die z.B. mit Klausuren schlechter zurechtkommen als mit mündlichen Prüfungen, werden durch den Klausurenwahn stark benachteiligt; weiteres Beispiel: Multiple Choice, mit dem viele nicht zurechtkommen)
  • Es-ändert-sich-nichts-Feststellung
  • Bedürfnis, aktiv zu werden (in irgendeiner Form)

Teil II – Wie

Manche Klausuren funktionieren vielleicht nur deshalb (in ihrer selektierenden Funktion), weil nicht alle die Fragen vorher schon kennen. Dem kann man abhelfen – durch Gedächtnisprotokolle, die so gut wie ein Foto sind (soziale Netzwerke oder Emails sorgen dann dafür, dass das auch jeder zukünftig Betroffene mitkriegt).

Mit folgenden Taktiken kann man diese „Fotoqualität“ erreichen (also 100 % erinnern) :

  • So direkt wie möglich nach einer Prüfung (einer Klausur) frei die Fragen erinnern und aufschreiben (per Hand auf Leserlichkeit achten), denn je später etwas erinnert wird, desto mehr wird vergessen, und das soll minimiert werden.
  • Wenn man mehr als eine Person ist, auf keinen Fall sofort miteinander reden! Sonst blockiert man gegenseitig Erinnerungen, die man ohne Interaktion vielleicht hätte abrufen können; stattdessen zuerst alleine erinnern, jeder für sich, danach zusammentragen
  • Die Anzahl an Fragen merken. Das hilft beim Abschätzen dessen, ob etwas vollständig erinnert wurde oder noch nicht.
  • Lernunterlagen benutzen (die restlichen 10-20 %, die noch fehlen, bis eine Klausur vollständig erinnert wurde, habe ich mir meist anhand der Folien und Skripte hergeleitet; Fachausdruck: „Cued Recall“ statt „Free Recall“)
  • Hartnäckigkeit (sich den Kopf zerbrechen, bis man ganz sicher ist, nicht noch mehr erinnern zu können; hohe Ansprüche helfen eben auch, gute Ergebnisse zu erreichen.)
  • Das Ergebnis in eine PDF packen und an die richtigen Leute weiterleiten.

Kurz zusammengefasst:

  • Unmittelbares, freies Abrufen
  • Verzögertes Miteinanderreden
  • Fragenzahl merken
  • Lernunterlagen zum Herleiten nutzen
  • Hartnäckig sein
  • Ergebnis teilen

Das Protokoll nutzt mit etwas Glück den zukünftigen Klausur-Kohorten – wenn nicht, sind sie immerhin noch eine gute Übung zur Prüfungsvorbereitung.

Teil III – für Skeptiker und Kritiker

Manche, die das hier lesen, denken vielleicht:

  1. „Ist doch gar nicht nötig / was soll das / ich hab immer gute Noten“ oder,
  2. „Willst du Studenten bevormunden und ihnen auch noch die Fragen wegnehmen, die sie nicht erwartet hätten? Jeder ist doch selbst verantwortlich für das, was er leistet, vor allem an einer Uni.“ (Wir-sind-doch-nicht-im-Kindergarten-Argument)

Dazu sage ich Folgendes:

  1. Das klingt wie, „Inklusion ist doch gar nicht nötig / wir haben Förderschulen dafür / ich bin selbst nicht betroffen“ oder, „Hilfe ist nicht nötig / wir haben doch auch gute Abiturienten / ich hab selbst 1,0“ – und das ist sowohl nutzlos als auch diskriminierend; nicht einfühlsam, nicht ethisch vertretbar, nicht progressiv. „Lassen wir alles beim Alten, weil es ja doch irgendwie funktioniert hat, z.B. bei mir“ – das ist egoistisch. Das erkennt man daran, dass vom eigenen Standpunkt ausgegangen wird, welcher unreflektiert verallgemeinert wurde („Ich kennen keinen, der das nötig hat“ → Es gibt die aber trotzdem und daher eignet sich diese Auffassung nicht als allgemeine, ethische Norm). Kurz, ein gutes, alle-Menschen-einschließendes Argument sollte eben auch die Systemverlierer berücksichtigen. Alles andere unterstützt weitere Diskriminierung und Separation, finde ich. Wenn nicht, sollte mir jemand zweigen, wo/warum ich falsch liege.
  2. „Jeder ist [selbt verantwortlich für das, was er leistet, also] seines Glückes Schmied“ impliziert, dass es weder Zufall noch Willkür noch Schicksal gibt (das gibt es – sonst würden doch alle, die sich maximal anstrengen, auch Einser kriegen, tun sie aber nicht! Der amerikanische Traum, dass man durch harte Arbeit alles kriegen kann und auch alles verdient, ist gelinde gesagt „unpraktisch“, weil er ziemlich viele Leistungsunterschiede einfach nicht erklären kann – Anstrengung ist ein Faktor unter sehr vielen). Wenn jetzt jemand unbedingt weiterhin Überraschungsfragen haben will, dann soll er das für sich entscheiden, aber nicht für alle anderen gleich zur Norm erheben („gleiches Recht für alle“ ist dann kein Argument, z.B. weil nicht alle Betroffenen Überraschungsfragen als Recht empfinden – ganz zu schweigen davon, dass es Gleichheit oder Vergleichbarkeit bei Klausurvoraussetzungen sowieso nicht gibt). Wenn ich eine Norm erheben wollte, dann wäre es Mitbestimmung für alle, ganz besonders die Studenten, die ja all die Klausuren schreiben müssen → Mitbestimmung hinsichtlich des Was, Wie und Wann bei Prüfungen. Den Dozenten braucht man bisher keine Mitbestimmung einzuräumen, weil sie diese sowieso schon zu gewissem Grad besitzen. Manche sagen auch: „Wir sind hier an einer Uni, nicht im Kindergarten, hier lernt ihr doch, für euch und eure Zukunft zu arbeiten und euch den Arsch aufzureißen!“ – Ja gern, aber warum darf ich dann so wenig bestimmen, wenn es um meine Zukunft geht? Warum darf ich nicht etwas anderes als eine Klausur abliefern? Wegen Vergleichbarkeit und Machbarkeit, ja? Vergleichbarkeit gibt es sowieso nicht, warum sollte man sich also darum bemühen. Und dass Mitbestimmung nicht machbar ist, zweifle ich generell an. Denn es klappt schon im „Kleinformat“ (Summerhill School England), und es könnte deswegen auch im „Großformat“ an einer Uni funktionieren. Außerdem: „erwachsen sein“ bedeutet für mich nicht, mir den Arsch für eine Prüfung aufzureißen, bei der ich kaum mitbestimmen darf, sondern, das gleiche für eine Prüfung (eine Zukunft) zu tun, bei der ich das darf. Es soll bevormundend sein, Menschen die Überraschungsfragen wegzunehmen? Ich finde es eher bevormundend, den Menschen kaum Entscheidungsrechte (hinsichtlich der W-Fragen in Prüfungen) einzuräumen. Man kommt dann auf die Idee, dass man es ihnen diese Entscheidungen wohl nicht zutraut – oder sogar verweigert, weil sie ja dann zu kritisch-reflektierten Denkern werden könnten (das ist Verschwörungstheorie, wirkt aber nicht unplausibel, finde ich). Ich bin nicht gegen Standards und Grundkompetenzen (die von den Klausuren messbar, also kontrollierbar gemacht werden sollen). Sondern ich bin dagegen, innerhalb dieser Kompetenzen kaum inhaltliche und prüfungstechnische Wahlmöglichkeiten zu bekommen. Diese sollte man weiträumig und lang vor dem 6. Bachelorsemester bekommen, finde ich. („Das ist Klagen auf hohem Niveau / ein Luxusproblem“ – sich dankbar und demütig gegenüber den bisherigen Möglichkeiten zu zeigen, ist aber auch keine Lösung, mit reiner Dankbarkeit bleibt man stehen, wenn man sie aber mit Idealismus mischt, kommt man vielleicht weiter 😉 )

Natürlich ist ein Gedächtnisprotokoll weder das einzige noch das beste Mittel zum Boykott. Aber es ist vielleicht ein Anfang.

Wehrt ihr euch gegen das System und falls ja, wie?

Methoden zur Dissonanzreduktion

Wenn man sich für eine Typologie der Dissonanzreduktionen interessiert, könnte man sie aus dem Internet abschreiben (aus Büchern etc.). Das mache ich nicht, weil ich stattdessen eigene Erlebnisse und Beobachtungen klassifizieren möchte.

Es geht um eine Standardsituation: Menschen haben eine Einstellung oder eine Theorie und werden (z.B. durch Diskussionen) mit Dingen konfrontiert, die mit denen nicht vereinbar sind. Die Betroffenen fühlen sich dann mitunter zur Einsicht oder zum Überdenken gezwungen und sie besitzen eine Reihe an Abwehrmechanismen (kognitive Dissonanz wird gespürt, aber eine Änderung wird oft  abgewehrt, z.B. werden mögliche Verhaltensänderungen vermieden). Diese Mechanismen führen i.d.R. zu beobachtbarem verbalem Verhalten zwischen zwei oder mehr Menschen.

Die Abwehrmechanismen, die dazu dienen, die eigene Sicht zu verteidigen (oder die Gegenseite zu verdrängen), sind sehr vielfältig. Ich habe sie mal in drei Gebiete eingeteilt: Kämpfen, flüchten und kooperieren (man merkt bestimmt, dass ich mir das von den klassischen Stresstheorien abgeschaut habe). Am besten kann man das wohl auf Diskussionsverhalten anwenden.

Kämpfen

  • mit Inhalten
  • mit Kommitment

Ich finde, Menschen kämpfen mit Hilfe von Inhalten, indem sie interessegeleitet konsonante Kognitionen hinzufügen – sie erwähnen z.B. selektiv Beispiele des eigenen Lebens, um authentischer zu wirken oder berufen sich auf Experten (welche auch gezielt ausgewählt wurden). Das sind Argumente wie z.B. „Rauchen schadet nur, wenn…“ (Dissonanz wird reduziert, indem das Unangenehme eingegrenzt wird und am besten noch vom eigenen Verhalten distanziert wird).

Nicht nur mit Inhalten wird argumentiert, sondern auch mit Emotionen. Ich habe oft beobachtet, wie Menschen ihr Kommitment steigern; sie haben keine neuen Argumente, verhalten sich dann eher emotional und hartnäckig, sind trotzig und glauben, dass der mit dem längeren Atem gewinnt; das Motto scheint zu sein, „Wenn du keine neuen Inhalte anbieten kannst, verstärke deine emotionale Überzeugung“. Das merke ich daran, dass sich Argumente wiederholen und immer hartnäckiger vertreten werden – statt dass inhaltlich neue Punkte geliefert werden. Natürlich kann so eine Strategie vernünftig sein. Aber meiner Meinung nach verpassen manche Menschen den Zeitpunkt, an dem ein Strategiewechsel (weg von den Emotionen, hin zu neuen Inhalten) angebracht wäre.

Flüchten

  • durch Abwertung
  • Ablenkung
  • Verzerrung

Beim Flüchten und Ausweichen gibt’s ne Menge an interessanten Taktiken. Man erklärt ein Argument für irrelevant, z.B. weil es in der eigenen Erlebniswelt bisher nie vorkam („Hab ich noch nie gehört“ oder „Kenn ich nicht, gibt’s auch nicht“ Mentalität). Man ignoriert, verdrängt oder verleugnet Argumente – wobei es natürlich einen Unterschied macht, ob jemand aufgrund negativer Erfahrung so spricht oder aufgrund fehlender Erfahrung; bei Negativer könnte es sich um Verdrängung handeln, bei Fehlender könnte es sich um Unwissen handeln.

Auch das Ablenken bietet viel. Manche Menschen errichten z.B. gerne thematische Nebenkriegsschauplätze; versuchten durch allgemeinere-abstraktere Themen vom spezifischen Thema abzulenken (aus den ehemaligen 68ern wurde z.B. irgendwann das Thema „war früher nicht alles besser“, welches viel allgemeiner ist). Auch zurückwerfen und zurückbeschuldigen ist sehr beliebt. Manche haben dann auch Unterstellungen in Fragesätzen untergebracht („meinst du nicht, dass du so wenig Freunde hast, weil“) oder die Fakten verzerrt (Negatives herunter gespielt, verharmlost oder andere Dinge aufgeblasen). Von diesen Manövern gibt’s noch mehr, aber ich belasse es mal dabei.

Die klassische Form der Flucht ist immer noch der Rückzug, der Ausstieg oder das sich-Verschließen gegenüber dem Thema (aufgeben, kapitulieren, keine Lust mehr haben, nicht mehr mitspielen). Von Seiten der Diskussionsfreudigen kann das eine Enttäuschung sein (im Extremfall als „feige Flucht“ wahrgenommen werden). Von Seiten der Diskussionsmüden kann das ein Selbstschutz sein („der tut mir nicht gut“) oder eine Sanktion („das war einfach nicht OK und deswegen mach ich nicht mehr mit“).

Kooperation

  • durch Kompromisse
  • durch einvernehmliche Uneinigkeit

Hier gibt es wohl zwei Möglichkeiten: Man findet entweder einen Kompromiss (These, Antithese und dann Synthese). Oder man einigt sich auf Uneinigkeit (Parteien bleiben bei ihren Einstellungen). Das stille, implizite „Gutseinlassen“ favorisiere ich, weil es am friedlichsten ausgeht. Dabei entscheidet eben jeder Mensch selbst, welche Prioritäten er hat (Frieden steht nicht bei jedem oben, manchmal sogar überraschend weit unten).

Was haltet ihr von so einer Klassifikation?

Vorurteile gegenüber antiautoritärer Erziehung

(„die machen doch dann, was sie wollen“)

Wenn ich mit anderen Menschen über antiautoritäre Erziehung spreche, begegnen mir relativ oft die gleichen Vorurteile oder Kritiken. Die habe ich mal gesammelt und reflektiert. Da, wo es mir im Rahmen meiner bisherigen Kenntnisse erlaubt ist, versuche ich, falsche Vorstellungen richtig zu stellen. Die Vorurteile habe ich versucht nach Häufigkeit zu ordnen. Zuerst die häufigsten, danach die selteneren. Ziel ist eine kritische Reflexion.

Welchen Vorurteilen bin ich also begegnet? Hauptsächlich vier Stück:

1) Regelfreiheit:

„Das sind doch dann Lust und Laune-Menschen, die dabei rauskommen. Die haben nie Regeln gekannt oder befolgt.“

Das allerhäufigste Vorurteil, mit Abstand (!), ist die Vorstellung, dass antiautoritäre Erziehung bedeutet, Kindern gar keine Regeln aufzuerlegen. Es wäre eine regelfreie und zügellose Erziehung. Das ist völlig falsch! Kindern keine Regeln zu geben ist ganz allgemein total falsch. Das wäre in etwa so sinnvoll wie ein Spiel, das keine Regeln hat, oder das völlige Abhandensein einer Gesetzesgrundlage in einer Gesellschaft. Beides gibt es nicht! Also kann es eine Erziehung ohne Regeln eigentlich auch überhaupt nicht geben. Wenn ein Kind keine Orientierung bekommt, wird es natürlich tun und lassen, was es will – weil es Grenzen sucht und verwirrt ist, es kennt Gebote und Verbote nicht, braucht diese aber, so ähnlich wie eine Karte, die unbekanntes Gelände darstellt, um sich nicht zu verirren. Auf gar keinen Fall sollte man auf Regeln verzichten.

Antiautoritäre Erziehung erstellt Regeln, bei denen die Kinder mitbestimmen dürfen. Antiautoritär bedeutet auch, dass man das Kind nicht mit aufgeblasenem Autoritätsgehabe unterdrückt, welche nur darauf abzielt, den Willen der Eltern (auf Kosten des Kindes) durchzusetzen (siehe auch den Artikel http://www.lea-fuhs.de/machtkaempfe-zwischen-eltern-und-kind/ zu diesem Thema). Stattdessen wird basisdemokratisch diskutiert und auf den Willen des Kindes geachtet. Ausnahme: Lebensgefährliche Handlungen, z.B. Bügeleisen anfassen, mit Feuer spielen usw. Da gibt es dann eigentlich keine demokratische Diskussion mehr (gleiches gilt für kriminelle Taten). Typische Beispiele für gleichberechtigte Debatten: Was mit dem Kinderzimmer passiert (Tür offen, geschlossen, Hygiene und Sauberkeit, etc.) oder welche Kleider ein Kind trägt. Da darf es natürlich mitbestimmen oder auch alleine bestimmen. Das „Anti“ richtet sich gegen künstliche, negative, herrschende Autoritäten, die auf sinnlose Machtkämpfe aus sind. Antiautorität richtet sich nicht gegen Regeln! Sondern gegen Unterdrückung und (quasi-) diktatorische Herrschaft. Das Kind hat auch einen Willen und ein Mitbestimmungsrecht, darum geht es. Ein besserer Begriff als antiautoritär ist „repressionsfrei“. Es geht um Erziehung ohne Unterdrückung, ohne Angst und ohne Druck.

2) Herrschaft des Kindes:

„Das Kind beherrscht die Eltern und kommandiert sie herum. Das ist schlecht und gefährlich!“

Richtig, chronisch-monopolistisch herrschende Kinder sind problematisch. Falsch ist, dass antiautoritäre Eltern ihr Kind tun und lassen, was es will. Das sind dann Eltern, die antiautoritäre Erziehung missverstanden haben und falsch praktizieren. Typisch antiautoritär ist eben keine Alleinherrschaft (weder Kind, noch Eltern!), sondern Basisdemokratie, in der jeder ein gleichwertiges Stimmrecht hat (aber natürlich nicht 2 Eltern gegen 1 Kind, das ist unfair). Solch eine Erziehung ist theoretisch ab der Geburt möglich, aber gut umsetzbar eigentlich erst dann, wenn Kinder sprechen können und ein beginnendes autobiografisches Gedächtnis haben (so ab 4, 5 Jahren). Die antiautoritäre Summerhill-School in England nimmt z.B. auch nur Kinder ab frühestens 5 Jahren auf. Wahrscheinlich ist diese Grenze sinnvoll, weil es wohl kaum möglich ist, mit 2 oder 3Jährigen vernünftig zu diskutieren. Ab 4 oder 5 kann man es aber versuchen. Das fördert schließlich auch das Reflexionsvermögen eines Kindes.

3) Karriere und Erfolg:

„Antiautoritär erzogene Schüler sind doch später nicht so erfolgreich wie die anderen…“

Hier könnte man bösartig und bissig kritisieren, dass der Erfolg, den uns die Massenmedien vermitteln, eine kapitalistische, quantitativ verdrehte Kollektiv-Illusion ist, die es nicht nur zu hinterfragen, sondern zu zerreißen gilt. Aber – wenn man sanftmütiger vorgeht – fängt man erst mal klein an und fragt, was denn „Erfolg“ sein soll und warum man Kinder oder Jugendliche unter Karrieredruck / Leistungsdruck setzt. Definiert „Erfolg“ nicht sowieso jeder anders?

Realistisch betrachtet kann man nur sagen, dass eine übertrieben freie Schulerziehung (erkennbar u.a. an freiwilligem Unterricht) in Extremfällen (nur in Extremfällen) dazu führen kann, dass ein 17Jähriger bei Schulabschluss (in Summerhill in England) nicht so gut lesen und schreiben kann wie Gleichaltrige, die eine Standardschule besucht haben. Das kann man allerdings auch gelassen hinnehmen, wenn man bedenkt, dass man im Leben eigentlich nie ausgelernt hat und man jederzeit Defizite aufholen kann. So ein 17Jähriger hat stattdessen vielleicht andere, möglicherweise wichtigere Dinge gelernt: Er weiß, wer er ist und was er will, er kann selbstständig entscheiden, er kann Verantwortung dafür übernehmen, was er macht. Es könnte sein, dass jemand eine antiautoritäre Erziehung bereut, weil er viel früher viel mehr hätte lernen können. Dieser Reue aber mit frühem Leistungsdruck und Zwang von Standardschulen vorzubeugen, halte ich aber für genauso problematisch. Extreme sind immer schwierig: extrem frei ist riskant, genauso wie extrem eingezwängt. Was wäre ein guter Kompromiss? Das wird Thema eines anderen Artikels sein. Jedenfalls: Erfolg definiert jeder anders und Sorgen darüber, was aus einem Kind wird, kann man auch aushalten, da ein Kind seinen Weg meistens trotzdem findet.

4) Nicht anpassungsfähig:

„Antiautoritär erzogene Kinder sind doch später gar nicht anpassungsfähig an Pflichten, Zwänge etc. Wie sollen sie in unserer Welt bestehen?“

Dazu liegen mir leider keine „harten Daten“ vor. Andererseits haben Summerhill-Schüler vielleicht gelernt, Autoritäten von klein auf angstfrei und als menschlich zu betrachten, sodass sie mit späterem Autoritätsgehabe keine Probleme haben. Sie sehen den Menschen hinter der herrschenden Fassade und bleiben gelassen (könnte ich mir vorstellen). Sie fügen sich in Regeln vielleicht eher ein, weil sie jahrelang geübt haben, den Sinn hinter Regeln zu erkennen und zu beurteilen (in Summerhill werden wöchentlich Debatten über Schulregeln abgehalten). Sie durften hunderte Male an basisdemokratischen Debatten teilnehmen und lernten über die Jahre, Regeln und Zwänge zu verstehen. Das könnte ein Grund dafür sein, warum sie im Schnitt vielleicht genauso anpassungsfähig sind wie Gleichaltrige aus Standardschulen. Die Selbstsicherheit und Angstfreiheit, kombiniert mit selbstständigem Denken von klein auf, könnte dazu führen, dass sie mit Druck sogar noch besser umgehen als andere. Lediglich das kritische (eigenständige) Denken könnte sie zu Abweichlern oder Aussteigern machen. Die gibt’s aber wohl auch in der Gruppe der „autoritären Zöglinge“. Daher: Sind angstfrei erzogene Menschen nicht vielleicht genauso anpassungsfähig wie andere? Oder sogar noch mehr?

Also, kurz zusammengefasst:

  1. Antiautoritäre Erziehung hat Regeln. Diese wurden demokratisch bestimmt, statt diktatorisch.
  2. Antiautoritäre Erziehung ist gegen jegliche Alleinherrschaft. Stattdessen für Demokratie.
  3. Antiautoritäre Erziehung orientiert sich eher weniger an einer kapitalistisch definierten Karriere.
  4. Antiautoritäre Erziehung könnte dazu führen, genauso anpassungsfähige Menschen zu erziehen wie in anderen Erziehungsstilen auch.

Kennt ihr Studien zu Punkt 4?

Was haltet ihr von antiautoritärer Erziehung?

Kommunikation vs. Manipulation

Ich habe mir die Frage gestellt, ob kommunizieren ohne manipulieren eigentlich möglich ist, bzw. wo die Grenze zwischen den beiden Verhaltensweisen verläuft. Ich denke, diese zwei Themen sind typisch für Alltagsgespräche.

Teil I: Thesen & Syllogismen

Man könnte z.B. mit so einem Syllogismus argumentieren:

  • Prämisse 1: (Watzlawik Axiom) Man kann nicht nicht kommunizieren.
  • Prämisse 2: Manipulieren könnte das gleiche sein wie kommunizieren.
  • Konklusion: Also kann man vielleicht nicht nicht manipulieren.

Oder auch so:

  • Prämisse 1: Nur Kommunikation, die frei von Eigeninteresse und Hintergedanken ist, ist keine  Manipulation.
  • Prämisse 2: Es gibt in jeder Kommunikation unbewusste Eigeninteressen und Hintergedanken.
  • Konklusion(en): Es kann keine „reine“ Kommunikation geben; alle Kommunikation ist auch immer Manipulation.

Ich habe im ersten Syllogismus extra die Worte „könnte“ und „vielleicht“ benutzt, weil ich an einer völligen Gleichsetzung der Begriffe zweifle. Für mich liegen die beiden Konzepte oder Verhaltensweisen eigentlich deutlich auseinander und mein Ziel ist, zu zeigen, warum oder wann.

Ich stelle Thesen auf und bin gespannt, wie sie andere bewerten.

Manipulation erkennt man im Gegensatz zur gewöhnlichen Kommunikation an:

  1. Zielen, Zwecken, Absichten, die verborgen, unhinterfragt, unbehelligt bleiben sollen,
  2. Zielen, Zwecken, Absichten, die deutlich den Interessen einer Person dienen, nicht aber (oder nur wenig) den Interessen der Empfänger (Opfer),
  3. Zielen, Zwecken, Absichten, die den Empfängern der Manipulation nicht bewusst sein sollen,
  4. Zielen, Zwecken, Absichten, die bei Offenlegung meist mit weiteren manipulativen Mitteln vehement verteidigt werden (z.B. Angst und Druck machen, mit Unterstellungen, Übertreibungen und Anklagen den Anderen einschüchtern usw.)

Je mehr ich darüber nachdenke, desto eher komme ich zu dem Schluss, dass Manipulation eher negative Beeinflussung auf Kosten eines Opfers ist, während reine Kommunikation auch problemlos auf einer Augenhöhe und gewaltfrei stattfinden kann.

  • Prämisse 1: (Extremvariante) Alle Hintergedanken sind moralisch verwerflich.
  • Prämisse 2: In jeder Kommunikation gibt es mindestens unbewusste Hintergedanken.
  • Konklusion: In jeder Kommunikation gibt es etwas moralisch Verwerfliches.

Das kontert man, indem man selbstwertschützende, gesunde Hintergedanken von manipulativ-aggressiven Hintergedanken unterscheidet. Die meisten Menschen wissen intuitiv, wann etwas noch vertretbar ist (gesunder Egoismus) und wann nicht mehr. Ich glaube jedenfalls, dass das Vorhandensein von unbewussten Hintergedanken nicht sofort zu Extremurteilen führen muss. Prämisse 1 kann man anzweifeln, weil es dann ja auch moralisch verwerflich wäre, sich mit lauteren Mitteln selbst zu verteidigen, und das ist unlogisch. Nicht alle Hintergedanken sind verwerflich.

Ein Grenzfall, wo es sich meiner Meinung nach noch nicht, aber schon so halb um Manipulation handelte, war dieser hier:

  • Psychotherapie: Ich habe von tiefenpsychologischen Therapeuten gehört, die praktisch bei allen Patienten als erstes in der Kindheit nach Erklärungen suchen und diese dann so präsentieren, als wären es Fakten. Es werden keine „Unsicherheitsmarker“ verwendet, d.h. kein Konjunktiv („könnte“) sondern Indikativ („ist“), und Wörter wie „vielleicht“, „möglicherweise“ u.Ä. werden nicht verwendet. Es ist grenzwertig, weil man sich in solchen Situationen schon gesteuert fühlen könnte, auch wenn es weniger zu Kosten von einem selbst geht. Und es ist fraglich, warum der Therapeut so sicher wirkt bzw. sich so sicher präsentiert, obwohl er den Patienten noch nie gesehen hat. In unsicheren Patienten mag es eine Schein-Sicherheit erzeugen; in skeptischen Personen wohl eher Misstrauen und Widerstand. Ich würde allein der Realitätsnähe zuliebe Unsicherheitsmarker verwenden; alles andere wirkt, als wüsste der Therapeut schon alles und das ist, nun ja, anmaßend.

 

Teil II: Beziehung zwischen K und M

Sollte Manipulation ein „Extrempol“ eines Kontinuums sein, also so aussehen?

Bild 1:

KoManip_1

Bild 1 würde Folgendes implizieren:

  1. Es gibt so etwas wie reine Kommunikation ohne M
  2. Es gibt so etwas wie reine Manipulation ohne K
  3. Es scheint leichter zu sein, sich ins Manipulative reinzusteigern, als umgekehrt.

Behauptung Nr 2 erscheint mir sehr unlogisch, daher plädiere ich eher für die andere Variante; es sollte ineinander verschachtelt konzipiert werden:

Bild 2:

KoManip_2

Bild 2 impliziert Folgendes:

  1. Alle manipulativen Manöver (M) sind auch kommunikative Manöver.
  2. Nicht alle kommunikativen Manöver (K) sind eindeutig manipulativ.
  3. Es gibt Grenzfälle (G), die manipulative Züge tragen, aber dennoch mehr oder weniger legitim sind.
  4. Manipulation ist ein spezieller Fall eines übergeordneten Konzepts namens Kommunikation.

Es gibt auch Menschen, die das Ganze so konzipieren:

Bild 3:

KoManip_3

Bild 3 impliziert Folgendes:

  1. Es gibt praktisch nur Manipulation; „Man kann nicht nicht manipulieren.“
  2. Es gibt keine Grenzfälle.
  3. Ein schwarz-weißes Weltbild (?) oder auch ein düsteres Weltbild.

Ich finde Bild 2 bisher am treffendsten. Deswegen erweitere ich es mal:

Bild 4:

KoManip_4

Was denkt ihr über all das?

Woran erkennt man Kritische Psychologie?

Im Rahmen meines Trierer Psychologie-Studiums habe ich mehrmals am autonomen Seminar Kritische Psychologie teilgenommen. Dies wird im Gegensatz zu anderen Veranstaltungen selbstständig von Studierenden organisiert und findet außerhalb des regulären Studienplans statt, d.h. es gibt keine Vergütungen wie z.B. Credit Points, und Prüfungen gibt es natürlich auch keine. Einen Dozenten oder eine feste Lehrperson gibt es ebenfalls nicht; lediglich mehr oder weniger „dominante“ Menschen sind anwesend, wie in allen anderen Gruppenkonstellationen auch. Texte zu lesen ist meistens unsere Hausaufgabe. Was genau ist nun diese „Kritische Psychologie“, mit der wir uns beschäftigen?

Es ist eine „marxistisch wissenschaftliche Denkschule“ (wiki), deren Aufgabe es u.a. ist, „die Funktion von PsychologInnen und deren Tätigkeit einer kritischen Reflexion [zu] unterziehen“ (gkpp). Eng damit zusammen hängt das psychologische Institut der freien Universität Berlin, an der Klaus Holzkamp zusammen mit anderen (später Morus Markard) die Kritische Psychologie mitgründete bzw. formte; der zeitliche Kontext kann grob als 1968, zusammenhängend mit den Studentenprotesten beschrieben werden. So viel zum Hintergrund; nun stellt sich mir aber die grundlegende Frage, woran man Kritische Psychologie oder Kritisch-psychologisches Denken eigentlich erkennt.

Drei Themen sind hierbei relevant:

  1. Begriffe (Begrifflichkeiten) und deren Definition in psychologischer Wissenschaft
  2. Methoden, deren Durchführung und Implikation (insbesondere das Menschenbild dahinter) in psychologischer Wissenschaft
  3. Funktion von psychologisch-wissenschaftlicher Forschung und Intervention

Zu den Begriffen

Die Kritische Psychologie, so wie ich sie verstehe oder kennen gelernt habe, hängt sich relativ stark an einzelnen Begriffen und Begriffsdefinitionen auf. Was ist ein „Mensch“, was ist eine „Frau“ oder ein „ungezogenes Kind“, was heißt „psychisch gestört“ oder was heißt „Experiment als Königsweg“? „Normale“ Psychologen recherchieren natürlich, wie alle anderen Wissenschaftler auch, was das für Begriffe und Theorien sind, die sie benutzen, bevor sie sie benutzen. „Kritische“ Psychologen scheinen darüber hinaus zu gehen und Begriffe zu kritisieren. Kritisch-psychologisches Ziel ist es, bessere Begriffe zu finden als die, die zurzeit oft benutzt werden (z.B. statt menschlicher „Reiz-Reaktionsschemata“ besser „Prämissen-Begründungszusammenhänge“, s.u.). Typische Begriffe der Kritischen Psychologie, die ich kennengelernt habe, sind z.B.

Subjektivität:

Nicht das Subjekt (oder gar ein Mensch als Objekt) soll Gegenstand dieser Wissenschaft sein, sondern seine Welt, wie sie von ihm empfindend und erlebend wahrgenommen wird.

Intentionalitätszentrum:

Jeder Mensch ist ein Wesen mit einem Willen, einer Intention in seinem zentralen Kern; ich glaube, man reflektiert das u.a. bei Kindern.

Handlungsrestriktionen vs. Handlungsmöglichkeiten:

Menschen unterliegen Hindernissen und Begrenzungen ihrer Umwelt (Restriktion), finden darin aber immer auch (alternative) Möglichkeiten, welche aufrechterhalten bzw. erweitert werden sollen.

Zu den Methoden

Die Methoden von Mainstream-Psychologie kann man wohl ganz gut mit den Stichworten „Experiment“ und „quantitative Statistik“ zusammenfassen: Man setzt mehrere Menschen bestimmten Bedingungen aus, man beobachtet, wie sie darauf reagieren und dann versucht man, daraus allgemeine Gesetze menschlichen Verhaltens abzuleiten. Meistens weiß man schon vorher, welche Zusammenhänge beobachtet werden werden, oder auch, wie viele Menschen unter welchen statistischen Bedingungen eigentlich beobachtet werden müssen, um optimale Werte zu erreichen.

Genau das kritisieren Kritische Psychologen (Überraschung…) und zwar folgendermaßen:

Unrealistisches Menschenbild:

Erstens sei das Menschenbild hinter dieser Methodik entwürdigend und unrealistisch, da es den Mensch zum Tier degradiert, das passiv-hinnehmend auf Reize reagiert und daraufhin vorhersehbare Reaktionen „ausspuckt“ – unter künstlich geschaffenen Laborbedingungen. Das befürwortete bzw. nahe gelegte Menschenbild eines Kritischen Psychologen ist anders: Menschen verhalten sich begründet zu ihrer Umwelt und sie können ihre Bedingungen auch aktiv verändern, statt nur passiv auf Reize zu reagieren.

Engstirnige“ Experimente:

Zweitens testen Experimente keine Begründungen, sondern nur Bedingungs-Reaktions-Schemata. Wir können nach einem Experiment immer sagen, die Menschen haben sich wegen Bedingung x durchschnittlich so-und-so verhalten, aber wir werden nicht beantworten können, warum oder aufgrund welcher Prämissen sie sich so verhalten haben. Gerade die „subjektive Begründetheit ihres Handelns“ (welche doch sehr interessant ist) ist mit so einer Methode nicht erfassbar.

Individualisierung von Gesellschaftsproblemen:

Drittens werden in einem Experiment (nach Kritisch-psychologischer Sicht) die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht nur ausgeblendet, sondern es werden gesellschaftliche Interessensbereiche (wie z.B. die Existenz „lernschwacher“ Menschen) auch umgedeutet in individuelle Probleme (Diagnosen wie LRS, ADHS, usw.). Kritische Psychologen sind vielleicht eher nicht an Diagnosen interessiert, sondern am Erweitern von menschlichen Handlungsmöglichkeiten. Es sollte fast immer ein Dialog im Prämissen-Begründungsstil stattfinden – es sei denn, es handelt sich beim Dialogthema um eine Straftat (z.B. Klient schlägt seine Frau). Hinter diesem „Prämissenansatz“ steckt auch die Annahme, dass es irrationales Handeln nicht gibt. Ich muss nur die Begründung eines Handelns nachvollziehen, um die anfänglich-illusorische Irrationalität einer Handlung in Rationalität umzuwandeln. Dies macht ein Miteinanderreden unvermeidlich.

„Bessere“ Methoden, aus Kritisch-psychologischer Sicht, sind z.B. Fallstudien, Selbstreflexion und Diskurs, da sie an die Subjektivität eher herankommen als typisch-quantitative Methoden.

Zur Funktion

Die Funktion von Psychologie als Wissenschaft lässt sich ebenfalls kritisch-psychologisch hinterfragen. Zwei Standardbeispiele, die das illustrieren, sind einerseits Kriegspsychologen und andererseits (teilweise) auch Arbeitspsychologen.

Kriegspsychologen

Zum ersten Beispiel ist kritisch anzumerken, dass Bundeswehrpsychologen ethisch fragwürdige Behandlungen durchführen, wenn deren Funktion es ist, Soldaten kriegsfähiger zu machen. Wenn ein Kriegspsychologe (durch das „Therapieren“ friedfertiger Soldaten) dazu beiträgt, einen Teil der Gesellschaft gewaltaffiner zu machen („der soll wieder schießen lernen“), darf man fragen, wieso, bzw. wessen Interessen dahinter stecken und ob das nicht ziemlich menschenverachtend und gewaltbejahend ist. Dazu gehört auch das Optimieren von Foltermethoden und Ähnlichem.

Arbeitspsychologen

Zum zweiten Beispiel ist zu kommentieren, dass Menschen, die nur therapiert werden, um später unter genau den gleichen Arbeitsbedingungen wieder zu Grunde zu gehen, wohl zu Recht unzufrieden und kritisch gesinnt sind. Haben (solche) Arbeitspsychologen nur die Funktion, Menschen zum Arbeiten zu bringen? Damit verfolgen sie nicht die Interessen der Behandelten, sondern sie bedienen damit vielleicht eher die Interessen der dahinter stehenden Machtinhaber (Arbeitgeber, Chefs, Politiker…). Wer welche Funktion erfüllt, ist immer interessant, denn dann kommt manchmal zum Vorschein, worum es eigentlich geht (statt augenscheinlich).

Zusammenfassend heißt das, dass Kritisch-psychologisches Denken sich an drei Gebieten erkennen lässt: Der kritischen Würdigung von Begriffen, Methoden und Funktion psychologischer Wissenschaft.

Welche Erfahrungen habt ihr mit Kritischer Psychologie?

Quellen:

Ist Lügen legitim?

(Eine versuchte „Differentialdiagnostik“)

Solch ein Titel verführt natürlich zu Pauschal-Antworten. „Ja, ist es“ oder „nein, ist es nicht“. Was ich aber machen möchte, ist eine differenzierte Betrachtung: Um welches Lügen geht es? Warum oder wozu wird gelogen? Kann Lügen zu einem allgemeinen Gesetz erhoben werden (Kant)? Diese Fragen versuche ich zu beantworten.

Um welches Lügen geht es?

Man kann sich erst einmal vergegenwärtigen, dass es verschiedene Arten gibt zu lügen. Wie definiert man „lügen“ überhaupt? Paul Ekman (ein Emotionspsychologe) unterscheidet zwischen „verschweigen“ und „Falschaussagen“. Ich würde das Verschweigen eigentlich nicht als lügen bezeichnen, sondern eher als Geheimhaltung, Privatssphäre, Zurückhaltung (Höflichkeit).

Jedenfalls scheint es beim Lügen ein Kontinuum zu geben: Das eine Extrem, nach Ekman, wäre komplettes, chronisches (Ver)Schweigen, das andere Extrem wäre norotisches, ständiges Lügen, wo jemand dauernd falsche Dinge behauptet. Zwischen diesen Polen gibt es wohl noch Mischformen, z.B. Tatsachen beschönigen, schön reden (sich selbst täuschen), Höflichkeit und Zurückhaltung. Es gibt unterschiedliche Gründe, warum Menschen lügen. Durch Denken fielen mir 4 davon ein. Punkt 5 (s.u.) ist weniger direkt zusammenhängend mit den anderen 4.

Warum oder wozu wird gelogen?

1) soziale Erwünschtheit:

Man zielt als sozialisierter, netter Mensch eher auf Frieden, Harmonie, Stressvermeidung, Rücksicht, Mitgefühl, Empathie und Sanftmut ab. Das erreicht man, indem man Dinge nicht knallhart sagt, sondern vorsichtig und teilweise geschönt. Die Wahrheit direkt und ungeschönt zu entblößen, kann außerdem zu einem unfreiwilligen Stresstest (des Gegenübers) ausarten. Verkraftet jemand die Wahrheit oder gibt es schlimmen Streit? Professor Dumbledore (aus Harry Potter) sagte irgendwann mal, „die Wahrheit ist etwas Schönes und ungeheuer Zerstörerisches zugleich…“ Seine Mitmenschen vor dieser Zerstörungswut zu schützen, ist ja durchaus vertretbar. Der Ton macht die Musik… Fernsehfiguren, z.B. Dr. House, üben aber aufgrund ihrer knallharten Ehrlichkeit wohl Faszination aus: Wer sich nie zurückhält, wirkt frei und ungehemmt. Aber es ist fraglich: Sollte man sich nach einer Freiheit sehnen, die die Verletzung von Mitmenschen zum Preis haben kann? Man läuft Gefahr, solche eine Freiheit mit sozialer Isolation zu verwechseln (sofern man es denn schafft, durch gnadenloses Wahrheitssagen regelmäßig andere Leute zu vergraulen und sich dadurch selbst zu isolieren).

Lügen also, um sozial erwünscht bzw. verträglich zu sein. Das finde ich legitim.

2) soziale Distanz:

Wer lügt, stellt wohl innerlich eine gewisse Distanz zum Gegenüber her. Die Wahrheit zu offenbaren, kann etwas Intimes haben, das Mut und Vertrauen erfordert; man zeigt sich „nackt“. Das kann man als Geschenk auslegen, und dieses Geschenk hat wohl nicht jeder verdient (bzw. nicht jeder „steckt es weg“). Hier handelt es sich natürlich nur um solche Wahrheiten, die heikel sind und normalerweise vor der breiten Masse (oder vor bestimmten Leuten) verborgen werden. In der Öffentlichkeit läuft man schließlich auch nicht nackt herum… Ausgenommen sind hier Wahrheiten, die als verträglich und unproblematisch gelten. Das hat wahlweise eine Gesellschaft definiert, oder (auch) ein Individuum für sich. Beispiel: Homosexuelle Menschen gehen manchmal sehr offen mit ihrer Orientierung um, oder Menschen mit Diagnosen, oder einfach Menschen, die mit sich selbst so im Reinen sind, das sie es nicht nötig haben, bestimmte Dinge zu verbergen. Die Distanz beim Geheimhalten dient jedenfalls einem gesunden und legitimen Selbstschutz, meiner Meinung nach.

Kurz: Lügen und Verbergen, um soziale Distanz zu wahren.

3) Interessen durchsetzen:

Hierunter fallen sämtliche Falschaussagen, die zum Zweck der Manipulation von Menschen getätigt werden. Man kann hier wieder schlecht Pauschal-Urteile bilden und sagen, Menschen manipulieren ist immer und überall schlecht. Denn schwierig wird es schon am Anfang: wie definiert man „manipulieren“? Watzlawik würde vielleicht sogar sagen: man kann nicht nicht manipulieren. Jedenfalls: Wenn jemand bewusst und absichtlich einen Menschen manipuliert, ist es nur legitim, wenn das früher oder später dem Betroffenen offenbart wird und wenn es (in der Absicht und idealerweise auch in der Konsequenz) positiv vom Betroffenen erlebt wurde. Spätestens dann, wenn es offenbart wurde, muss gegenseitiges Einverständnis der Beteiligten gesichert sein – sonst hat man Menschen gegen ihren Willen gesteuert und im Extremfall Machtmissbrauch betrieben. (Natürlich ist es auch genauso möglich, dass das „Opfer“ den Manipulationsversuch selbst entdeckt.) Die Grenzen zwischen legitim und illegitim sind aber schwer zu ziehen. „Eindeutigere Fälle“, meiner Meinung nach, sind u.a. im Bereich Attraktivität, Partnerwahl und Politik zu finden. Wer Falschaussagen macht, um Menschen anzuziehen, handelt fragwürdig. Warum ist man nicht einfach von Anfang an ehrlich (in dem Sinne, sich einfach keine Falschaussagen zu leisten)? Zu Politik: Wer vor den Wahlen Versprechungen macht und sie später nicht einhält oder teilweise das Gegenteil tut, handelt auch fragwürdig.

4) Vertrauen brechen

Ungünstig ist, wenn explizit Versprechungen gemacht wurden, die später gebrochen werden. Wenn man mit bestimmten Aussagen Vertrauen aufbaut und seine Zuverlässigkeit aufs Spiel setzt, muss dann auch aushalten können, durch Zuwiderhandeln Vertrauen und Zuverlässigkeit zu verlieren. Andererseits wäre es übertrieben, nach einem Fehltritt (bzw. nach seltenen Fehltritten) sofort alles Vertrauen aufzugeben. Je länger man die Menschen kennt, die das machen, desto eher verzeiht man das auch. Manchmal ist es nicht nur so, dass Vertrauen gebrochen wird, sondern auch, dass falsches Vertrauen vielleicht von vorneherein aufgebaut wurde – für welchen Zweck auch immer.

5) Verzweiflung verbergen

Dieser Punkt gehört auch zum Thema Lügen, aber er ist ein wenig abseits der anderen Punkte. Paul Ekman, bzw. Cal Lightman (aus der Serie „Lie to me“) haben eine Geschichte:

Eine Psychotherapie-Patientin erzählt, dass es ihr besser ginge und sie sich z.B. freut, ihre Familie wieder zu sehen. Sie lächelt viel und betont, wie gut es ihr geht. Was in dem Moment keiner weiß: Sie lügt. Sie hat immer noch schwere Depressionen. Das merkt tragischerweise niemand, weil zu dem Zeitpunkt offenbar Mikro-Ausdrücke noch nicht bekannt waren (Mikro-Ausdrücke sind winzige Entgleisungen im Gesichtsausdruck und in der Gestik, die den wahren Gefühlszustand offenbaren; man muss normalerweise extra trainieren, um diese sehen zu können). Das heißt also, niemand kann „sehen“, wie schlecht es ihr wirklich geht. Nach der Entlassung aus der Klinik hat sie sich das Leben genommen.

Dieser Mensch hat gelogen – was macht man mit so einer Erfahrung? Ich kann mir hier kein ethisches Urteil erlauben, weil ich es unangebracht finde, mit Moral zu argumentieren. Zudem passt es nicht in eine der anderen Kategorien: Diese Frau wollte wahrscheinlich gar nicht sozial erwünscht sein oder sozial distanziert, hat zwar Vertrauen induziert und es später in ihrem Interesse „gebrochen“, aber es passt schlichtweg nicht in die Kategorie „moralischer Fehltritt“, sondern eher „Tragik“. Ich empfinde da Mitleid und keine Empörung.

Kann Lügen zu einem allgemeinen Gesetz erhoben werden (Kant)?

Gibt es Prinzipien, die das Lügen verallgemeinerbar machen? Ich finde, jeder hat ein Recht auf soziale Verträglichkeit und soziale Distanz, daher halte ich ein Verschweigen und Beschönigen für generalisierbar. Menschen dieses Recht als Laster auszulegen oder eine Wahrheitspflicht zum Ideal zu erheben, halte ich nicht für allgemein haltbar – es ist einfach zu rücksichtslos und zu riskant, d.h. die Konsequenzen einer radikalen Wahrheitshaltung werden nicht berücksichtigt.

Tiefenpsychologisch betrachtet, deutet „chronisches Wahrheitsssagen“ vielleicht sogar auf eine psychische Abwehrreaktion hin: Wenn sich jemand zwingt, immer die volle Wahrheit zu sagen (gegen seine eigene natürliche Neigung), dann könnte es ja sein, dass er unbewusst Angst davor hat oder sein eigenes Lügen ablehnt und moralisch verdammt. Das erzeugt Spannung, und um diese zu reduzieren, wird das inakzeptable Verhalten verdrängt und überkompensiert – daher das übertriebene (übertrieben offensichtliche, darstellerische) Wahrheitssagen. „Seht her! Ich sage immer die Wahrheit! Ich bin ein guter Mensch! Akzeptiert mich bitte!“ Innerlich gelassen ist so ein Mensch wahrscheinlich nicht; er ist angespannt, weil er ja jene Teile von sich, die er nicht akzeptiert (Lügen) immer unterdrücken und ersetzen muss… (Als ich diesen Abschnitt geschrieben habe, hatte ich Eli Loker aus der Serie „Lie to me“ im Hinterkopf.)

Seelenfrieden wird er wohl solange nicht erreichen, wie er inakzeptable Teile der Psyche abwehrt. Möglicherweise besteht „Heilung“ dann darin, es zu akzeptieren bzw. das Über-Ich zu beruhigen. Idealerweise tritt bei erfolgreicher Heilung dann eine friedliche Gelassenheit ein; man spaltet sich innerlich nicht in „kämpfende Parteien“ auf (Über-Ich, Ich und Es), sondern in friedlich koexistierende, und kooperierende persönliche Seiten. Als hätte man einen Nachbarschaftskrieg beendet (und sich sogar mit ihnen angefreundet). Innerlichen Krieg zu beenden hat ja was Gutes an sich. (Es sollte plausibel sein, dass jemand chronisch die Wahrheit sagt, weil er bestimmte Anteile in sich selbst ablehnt und nicht weil er andere Gründe hat.)

Um zur Ausgangsfrage noch einmal zurückzukommen: Wenn ein chronisches Wahrheitssagen zu rücksichtslos ist, könnte man ja daraus schließen, dass gelegentliches Lügen vertretbar ist (vielleicht tendenziell eher das „weiche Lügen“ im Sinne des Verschweigens statt „hartes Lügen“ im Sinne der Falschaussagen).

Kurz: Ja, Lügen könnte (unter gewissen Einschränkungen) wohl zum ethischen Gesetz erhoben werden.

Fazit:

  • Legitime Gründe fürs Lügen sind meiner Meinung nach das Wahren von sozialer Erwünschtheit und sozialer Distanz.
  • Illegitime Gründe sind bewusstes, gezieltes, auf Kosten Anderer durchgeführtes Manipulieren und Vertrauensbrüche.
  • Weitere Gründe fürs Lügen sind bspw. starke Verzweiflung, welche sich wohl einer moralischen Wertung entziehen.

Was denkt ihr darüber?

(Indirekte) Quellen:

Ekman, Paul. Telling Lies.

Ekman, Paul. Emotions revealed.